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Twitter-Affäre : Die Weinkönigin und der Bundes-Hotte

„Als Weinkönigin lernt man, mit de Leut’ zu schwätze” Bild: picture-alliance / dpa

„Twitter-Affäre“ in der Bundesversammlung: Zwei Abgeordnete haben mit der allzu frühen Bekanntgabe des Bundespräsidenten-Wahlergebnisses für Aufregung gesorgt. Viel Gezwitscher um nichts oder ein protokollarischer Skandal?

          Nach seiner Wiederwahl präsentierte sich Bundespräsident Horst Köhler am vergangenen Samstag erwartungsgemäß staatstragend. „Wir haben viel Arbeit vor uns, aber wir werden es schaffen. Ich werde weiter mein Bestes geben“, rief er den Delegierten der Bundesversammlung zu. Julia Klöckner war mit etwas mehr Emotion bei der Sache: Über ihr Handy und den Internetdienst Twitter ließ sie live aus dem Parlament die Welt wissen: „Bundes-Hotte hält Dankes/Antrittsrede - toll!!!!“

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Klöckner sitzt für die CDU im Bundestag, ist stellvertretende Landesvorsitzende der CDU Rheinland-Pfalz, Mitglied im Berliner Fraktionsvorstand, Verbraucherbeauftragte der Bundestagsfraktion, stellvertretende Vorsitzende der „Jungen Gruppe“ und stellvertretendes Mitglied im Vorstand der Europäischen Volkspartei (EVP). Es ist also keineswegs davon auszugehen, dass ihrem Twitter-Beitrag ein Anflug bösartiger Ironie beiwohnte. Nein, er zeugte vielmehr von echter Begeisterung. Ebenso ihre Kurznachricht, die sie kurz zuvor absetzte: „Leute, Ihr könnt in Ruhe Fußball gucke. Wahlgang hat geklappt!“

          Klöckners Gezwitscher kam gar nicht gut an

          Angetan vom Online-Erfolg des amerikanischen Präsidenten Obama schätzen immer mehr deutsche Politiker quer durch die Parteien die Internet-Kommunikation vom Schlage Twitters. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil setzt seine eigenen „Tweets“ (so heißen die maximal 140 Zeichen umfassenden Beiträge im Fachjargon) ebenso ab wie der parlamentarische Geschäftsführer der Unions-Bundestagsfraktion, Manfred Grund. FDP-Finanzexperte Hermann Otto Solms twittert genauso gern wie der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck.

          Doch nicht immer ist das Zwitschern opportun. Der Beitrag der Abgeordneten Klöckner von der Bundespräsidentenwahl kam im politischen Berlin gar nicht gut an. Bei einem Amt, das vor allem auf Repräsentation fußt, gelten Verstöße gegen das Protokoll als Todsünde. Das Protokoll verfügt, dass der Bundestagspräsident das Ergebnis der Wahl bekanntgibt, was Norbert Lammert auch tat, pünktlich um 14.29 Uhr am Samstag.

          Elf Minuten zu früh - ein protokollarischer Gau

          Klöckner, die Mitglied der Zählkommission war, twitterte ihr fröhliches „Wahlgang hat geklappt!“ aber schon um 14.18 Uhr - auch deshalb, weil zu dieser Zeit, ebenfalls viel zu früh, Blaskapelle und Blumenstrauß auf der Bildfläche erschienen. Schon war die „Twitter- und Blumenstrauß/Blaskapellen-Affäre“ geboren. Am Montagmorgen sorgte die Angelegenheit in den Fraktionsführungen für erheblichen Unmut. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Struck soll „nicht amüsiert“ gewesen sein - zumal auch einer seiner Parteikollegen das Wahlergebnis unbotmäßig früh per Twitter verbreitete. In der Union hieß es, „normal“ sei das nicht gewesen; so etwas sei nicht hinzunehmen.

          Dabei kam Klöckners Freude an der schnellen Kurznachricht nicht überraschend. Schon fünf Tage vor der Bundesversammlung hatte sie in einer eigenen Pressemitteilung mit offiziellem Bundesadler-Logo angekündigt: „Zwitschern von der Bundespräsidentenwahl. Julia Klöckner twittert für Sie“. Sie wolle „von ihrem Handy aus live“ berichten - ein „neuer Service“ für die Bürger des Wahlkreises.

          „Riesenaffäre“ um die Blaskapelle

          Der umfasst die ländlich geprägten Kreise Bad Kreuznach und Birkenfeld, ein Landstrich in dem die Weinkönigin noch etwas gilt. Klöckner war 1995 Weinkönigin, sogar Deutsche Weinkönigin. Im Nebenjob ist die gelernte Fernsehjournalistin Chefredakteurin der Fachpostille „Sommelier Magazin“. Und noch immer fühlt sie sich dem Wein verbunden: Erfolge feiert die Winzertochter gerne mit einem „extra trockenen Riesling von der Nahe“.

          In Sachen Twitter-Aktion blieb die Flasche wohl im Keller. In einem der letzten Einträge twitterte sie zwar: „Finde es überzogen, dass aus dem verfrühten Hereinrufen der Kapelle eine Riesenaffäre gemacht wird. Wo Menschen sind, passieren Fehler.“ Zugleich aber entschied sich die CDU-Frau, das Amt als Wahl-Schriftführerin erst einmal ruhen zu lassen. Und nannte des Zeitpunkt ihres „Tweets“ - diesmal richtig diplomatisch - „suboptimal“.

          Im Gespräch mit der F.A.Z. hatte Klöckner unlängst zu Protokoll gegeben, auf dem Berliner Parkett müsse man genau wissen, wann man eher hemdsärmelig daherkommen könne und wann nicht. Sonst habe man schnell den Ruf weg, ein Landei zu sein.

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