23.08.2002 · Als Medienereignis sprengt das erste TV-Duell zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) Edmund Stoiber (CSU) am Sonntagabend schon jetzt alle Grenzen.
Als Medienereignis sprengt das erste TV-Duell zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) Edmund Stoiber (CSU) am Sonntagabend schon jetzt alle Grenzen. Nicht weniger als 200 Mitarbeiter von RTL und Sat 1 bereiten den Wortabtausch seit Mai vor.
Ob die aus den Vereinigten Staaten stammende Wahlkampf-Zuspitzung im Fernsehen auch hier zu Lande wahlentscheidend sein könnte, ist umstritten. Einig sind sich Politologen und Meinungsforscher aber, dass Schröder mit den TV-Duellen ein größeres Risiko eingeht als Stoiber.
Kein Detail haben die Sekundanten und die Privatsender dem Zufall überlassen, wenn am Sonntag um 20.30 Uhr die Duellanten das 620 Quadratmeter große Studio B in Berlin Adlershof betreten: Sollen sie stehen oder sitzen (stehen), wer darf die erste, wer die letzte Frage beantworten (wird ausgelost), wie oft (zwei Mal) darf nachgefragt werden und so weiter.
Politforscher: „Erwarte keinen dramatischen Effekt“
Doch ob der Aufwand nicht nur die Einschaltquoten, sondern auch die Umfragewerte von SPD oder Union in die Höhe treiben wird, bleibt abzuwarten. So ließen sich in den Vereinigten Staaten zwar die so genannten Kandidaten-Effekte bei der Präsidentschaftswahl nachweisen, sagt der Berliner Politologe Bernhard Wessels. Dort gelte aber die Direktwahl.
In Deutschland sei der Einfluss der Kandidaten auf die Wahl wegen des parlamentarischen Systems schwerer nachzuweisen. So liegt Schröder zwar im direkten Vergleich der Kandidaten zweistellig vor Stoiber, seine SPD aber seit Monaten weit abgeschlagen hinter der CDU/CSU.
„Zwei bis fünf Prozent der Wähler lassen sich durch die TV-Duelle bewegen", schätzt Wessels. Nur in welche Richtung? Wessels hält es zumindest für denkbar, „dass die wenige Bewegung, im Zweifelsfall wahlentscheidend sein kann.“ Der Bonner Politologe Franz Decker warnt davor, die Beliebtheit der Politiker gegenüber deren Kompetenz überzubewerten. „Kompetenz wird auch Stoiber zugeschrieben.“
Noch tiefer hängt Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen die TV-Sendungen: „Ich erwarte keinen dramatischen Effekt.“ Schließlich seien das TV-Duell am Sonntag und das zweite am 08. September bei ARD und ZDF nicht die letzten Informationen an die Wähler.
Fast die Hälfte der Wähler gilt als unentschlossen
Dass der verbale Schlagabtausch in den Wahlkampf gehörig Bewegung bringen könnte, wird freilich von keinem Forscher ausgeschlossen. Dafür sprechen alleine die Zahlen. Richard Hilmer von Infratest-Dimap rechnet vor, dass einen Monat vor der Wahl rund 45 Prozent der Wähler ihre Wahlentscheidung noch nicht getroffen hätten. Zudem seien zwei Drittel der Bürger an den Fernsehsendungen interessiert: „Das beschäftigt die Leute erheblich.“ Forsa-Chef Manfred Güllner pflichtet seinem Kollegen bei: „Die Unentschlossenen suchen nach Argumenten.“
Das größere Risiko geht nach Einschätzung der Forscher mit den Live-Sendungen Amtsinhaber Schröder ein. Schließlich habe der bereits die besseren persönlichen Werte.
Für die SPD liegt nach Meinung Wessels in den TV-Duellen außer dem größeren Risiko aber auch die größere Chance. Schließlich hätten rund zwei Drittel der Unentschlossenen 1998 SPD und Grüne gewählt. Die gelte es zu mobilisieren - oder wie Güllner sagt: „Die SPD muss denen ein Motiv geben.“ Gerade deshalb richteten sich in der SPD alle Augen auf Schröder: „Die SPD hat außer Schröder nicht viel zu bieten.“
Erste Umfragen, wen die Zuschauer und Wähler zum Sieger küren, soll es noch am Sonntagabend direkt nach der Sendung geben.