23.08.2002 · Die Sender und auch die Kontrahenten wollen beim TV-Duell nichts dem Zufall überlassen.
Staatstragendes dunkelblau, hellgraue Rednerpulte und viel Acryl: Die Studio-Kulisse für das TV-Duell zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Edmund Stoiber (CSU) wäre auch für jede beliebige Talkshow gut. Doch diesmal geht es ums Ganze: Nicht die Optik, sondern ausschließlich der Kanzler und sein Herausforderer sollen im Mittelpunkt stehen.
Wenn sich an diesem Sonntag um 20.15 Uhr die beiden Spitzenkandidaten nach amerikanischen Vorbild auf den Privatsendern SAT.1 und RTL vor laufenden Kameras begegnen, treten erstmals in Deutschland ein amtierender Regierungschef und sein Widersacher zum medialen Redewettstreit an. Peter Kloeppel von RTL und Peter Limbourg von SAT.1 werden die Sendung leiten.
Am 8. September, wenn sich Schröder und Stoiber unter Federführung von ARD und ZDF an gleicher Stelle zum zweiten Duell treffen, wird sich außer den Moderatoren kaum etwas ändern. Dann werden Sabine Christiansen (ARD) und Maybrit Illner (ZDF) die Fragen vom Studio-Schreibtisch aus stellen.
Duell findet in Adlershof statt
Das erste Kanzlerduell in der Geschichte der Bundesrepublik findet ausgerechnet auf dem Gelände des früheren DDR-Fernsehens im Ost-Stadtteil Adlershof statt. Dort also, wo einst Karl Eduard von Schnitzler in seinem „Schwarzen Kanal“ den Westen beschimpfte und die „Aktuelle Kamera“ die Verlautbarungen des SED-Staates ausstrahlte.
Hans-Peter Urban, Vorsitzender Geschäftsführer des heute zum Studio Hamburg gehörenden Studios Berlin, trägt die Last der Geschichte mit Fassung. „Babelsberg hatte Marlene Dietrich, wir hatten Schnitzler“, sagt Urban. Die Babelsberger Konkurrenz hatte sich ebenfalls als Austragungsort für das Politduell beworben. Den Ausschlag für Adlershof gab unter anderem das etwa 2400 Quadratmeter Studio A, wo 300 Journalisten und 200 Promis auf Riesenleinwänden die Debatte verfolgen werden.
Bis ins kleinste Detail geregelt
Die Parteimanager haben nichts dem Zufall überlassen. Bis in feinste Einzelheiten haben die Paten der Duellanten, der CDU- Wahlkampfmanager Michael Spreng und der stellvertretende Regierungssprecher Bela Anda, den Ablauf der 75 Minuten-Debatte festgelegt: Die Dauer der Antworten (90 Sekunden je Kandidat), die Nachfragen (zwei Mal je Themenkomplex), die Positionen der Kameras (keine Kamerabewegungen) und die Höhe der elektrisch verstellbaren Rednerpulte hinter denen die Kandidaten stehen. Und damit auch wirklich nichts schief läuft, werden die Duellanten mit jeweils zwei Mikrofonen verkabelt.
Auch das Essen wurde geklärt: Stoiber bekomme „Mini-Fleischpflanzerl", berichtet RTL, Schröder „Vier-Länder-Ente mit Sommergemüse". Für die Journalisten und die Mitarbeiter liefert ein Feinkost-Unternehmer 16 Spezialitäten aus 16 Bundesländern.
Berichte, wonach die Strippenzieher von CDU und SPD sich das Recht vorbehalten wollten, in die Regie einzugreifen, möchte SAT.1-Chefredakteur Jörg Howe nicht kommentieren. „Sehr professionell“ seien die Verhandlungen gewesen, sagt er. Zutritt zum Studio haben nur die Kandidaten, die Moderatoren und die Techniker. Draußen, so rechnet Howe, werden zwischen sechs und acht Millionen Zuschauer die Sendung verfolgen.
Aufeinandertreffen vor Duell soll verhindert werden
Mit Hilfe einer ausgeklügelten Logistik soll eine Begegnung von Stoiber und Schröder vor dem Duell verhindert werden. Sie werden sich in separaten, jeweils etwa 140 Quadratmeter großen Räumen auf die Debatte einstimmen, in getrennten „Masken“ geschminkt und durch zwei verschiedene Türen in das Studio marschieren.
Unter den Sicherheitskräften wird am Sonntag höchste Alarmstufe herrschen. Das Studiogelände etwa zwölf Kilometer Luftlinie von der Mitte Berlins soll einer Festung gleichen und weiträumig abgeriegelt werden. Auf dem nahe liegenden Flughafen Schönefeld sollen Hubschrauber für jede Eventualität zum Einsatz bereit stehen.