Man stelle sich einmal Folgendes vor: Bundeskanzlerin Angela Merkel käme zu Besuch nach Kanada und machte der dortigen Regierung Vorhaltungen in Bezug auf Schwierigkeiten, die mancher deutsche Einwanderer dort auch noch nach Jahren bei dem Bestreben habe, im Land wirklich Fuß zu fassen. Erste Bedingung für das Gelingen dieses Unterfangens sei doch – dies immer als Fiktion angenommen –, dass die kanadische Regierung den Kindern und Jugendlichen dieser deutschen Ausgewanderten endlich wieder ihre Muttersprache beibringen müsse: das Deutsche. Dann könnten sie selbstverständlich auch das Englische (oder Französische) erlernen.
So oder so ähnlich stellt sich der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, der gegenwärtig in Berlin ist, um den fünfzigsten Jahrestag der türkischen Migration zu feiern, die Lösung der Integrationsschwierigkeiten türkischstämmiger Migranten und Einwanderer vor. Kanada hingegen verlangt, ganz im Gegenteil, von jedem Einwanderer Englischkenntnisse, die auch bewertet werden, sowie in der Regel den Nachweis einer beruflichen Qualifikation. Erdogan aber meint, zunächst müssten die Kinder türkischer Migranten erst einmal vollkommen das Türkische erlernen, Deutsch dann irgendwie auch, denn wichtig sei es ja schon. Oder versteht man den türkischen Regierungschef da wieder einmal falsch?
Erdogan hat nicht nur die vergangene Dekade türkischer Politik maßgeblich geprägt, er ist auch bei den muslimischen Nachbarn zu einer angesehenen Persönlichkeit, ja zur populären Figur geworden. In Mitteleuropa, vor allem in Deutschland, kommt er hingegen weniger gut an. Seine Äußerungen zur Integration sind regelmäßig die heftigsten aller türkischen Politiker, die Deutschland besuchen. Und die Konzilianz seines Staatspräsidenten Abdullah Gül geht ihm ab. Der ist diplomatischer, geschmeidiger und in seinen Äußerungen weniger schroff. In der Sache allerdings ist auch Gül nicht so weit entfernt von seinem Ministerpräsidenten, wie es manchem erscheinen mag.
Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass es einen Unterschied macht, ob Türken die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben und somit Deutsche sind oder staatsrechtlich noch als Türken und nichts außerdem firmieren. Dass türkische Politiker sich für Letztere ganz besonders einsetzen mögen, ist nur natürlich.
Doch Erdogans Äußerungen, die so zu interpretieren sind, dass Türken doch am besten Türken bleiben sollen, weil eine Assimilation („Verähnlichung“) an das Einwanderungsland gegen die Menschenrechte verstoße, sind nicht seine Marotte allein. Sie sind auch Ausfluss einer nationalen, oft auch nationalistischen Gesinnung, die in der Türkei noch weit verbreitet ist, bis hinein in linke Kreise. So war Bülent Ecevit, der langjährige Ministerpräsident und Führer der sozialdemokratischen Republikanischen Volkspartei (CHP), deren Gründung noch auf den Schöpfer der Republik, Kemal Atatürk, selbst zurückging, ein strammer Nationalist.
Und die moderne Türkei wurde aus dem Geist des Nationalismus heraus geboren. Wenn man die Deutschen, die erst 1871 zu nationaler und staatlicher Einheit fanden, eine „verspätete Nation“ nannte, so müsste man die Türkei als die „verspätetste Nation“ bezeichnen, die erst 1923, nach dem Untergang des Osmanischen Reiches, zum Nationalstaat wurde; und es bedurfte einer umfassenden Kulturrevolution, um ein „türkisches Bewusstsein“ überhaupt erst möglich zu machen.
Bis in die osmanische Spätzeit hinein hatte der Begriff „Türke“ als eine Art Schimpfwort gegolten; wer etwas zählte, war „osmanli“. Intellektuelle wie Ziya Gökalp (1876–1924) waren es, die mit Werken wie „Die Grundlagen des Türkismus“ auf Gebieten wie der Sprache, des Rechts, der Sitten und Gebräuche, ja der Religion ein „Türkenbewusstsein“ im Sinne nationaler Selbstbestimmung erst formulierten und förderten. Mit allem Osmanischem sollte radikal gebrochen werden, wovon die zahlreichen Reformen Atatürks in den zwanziger und dreißiger Jahren zeugen – von der Einführung der Lateinschrift über die Türkisierung der Sprache bis hin zu einer neuen „türkischen Geschichtsvision“, die sich weniger am islamischen Universalismus als am türkischen Nationalismus orientierte, gelegentlich auch andere Turkvölker, etwa in Mittelasien, einbeziehend.
„Moderner Nationalstolz“
Schöpfer des „modernen Nationalstolzes“ war insofern gerade auch Atatürk, dem allerdings hoch anzurechnen ist, dass er extremen pantürkischen und panturanistischen Vorstellungen, wie sie ein Yusuf Akuraoglu (1876–1935) und andere teilweise pflegten, widersprach. Seine Parole „Ne mutlu Türk’üm diyene“ – etwa: „Wie glücklich, wer sich einen Türken nennen kann“ – sollte das neue Nationalbewusstsein unter das Volk bringen. Bis heute freilich ist dies etwas, das besonders die kurdische Minderheit erbost. Bis heute ist der Nationalstolz Teil der Erziehung in der Türkei, was im Kindergarten und in der Grundschule beginnt. Gerade die – eher weltlich eingestellten – Kemalisten legen auf die Pflege der nationalen Riten und auf die Verwendung nationaler Symbole großen Wert.
Erdogan und seine AKP sind aus der islamistischen Bewegung des Landes hervorgegangen. Sie stehen für ein Wiedererwachen der osmanischen Vergangenheit und ihrer Größe. In der heutigen Türkei wird das Osmanische Reich wieder unbefangener, oft positiver gesehen als zu Zeiten Atatürks, wo man es – aus Gründen des zu schaffenden Nationalismus – systematisch denunzierte. Eine Normalisierung findet statt, was sich in den zahlreich anschwellenden Publikationen zu den Osmanen, aber auch in Fernsehserien und Ähnlichem niederschlägt. Hier und da kommt es sogar zu Glorifizierungen, die eine kritische historische Distanz vermissen lassen.
Recep Tayyip Erdogan ist ein nationalstolzer Türke, der als ehemaliger Islamist allerdings auch den Stolz auf das Osmanentum mit sich trägt. Viele Landsleute folgen ihm dabei. Vor vielen Jahren sprach man schon von einer türkisch-islamischen Synthese. Dieser Mentalität fällt es offenbar besonders schwer, kulturelle Auflockerungen und Anpassungen an Neues und Fremdes nicht bloß als Verlust, gar existentielle Einbuße und Bedrohung zu empfinden, zumal in einer Gesellschaft, in der man mitspielen muss, wenn man zu ihr gehören will.
Fünfzig Jahre türkische Migration haben indessen auch viele gelungene Beispiele von Integration hervorgebracht, vom Sport angefangen bis zur Publizistik und hohen Politik. Es ist nicht bekannt, dass man einem Mesut Özil, einem Cem Özdemir und vielen anderen, die in dieser Gesellschaft erfolgreich sind, das Erlernen oder Sprechen der türkischen Sprache oder die Pflege ihrer Herkunft verboten hätte. Doch ohne das Beherrschen des Deutschen hätte weder der eine noch der andere seine Karriere gemacht.
Welch ein Glück, Türke zu sein
Herold Binsack (Devin08)
- 03.11.2011, 09:50 Uhr
III) Die türkischen Nationalisten und Erdogan
Inanc Bardakcioglu (HurraTuerkiye)
- 02.11.2011, 17:46 Uhr
II) Der türkische Nationalismus
Inanc Bardakcioglu (HurraTuerkiye)
- 02.11.2011, 17:41 Uhr
I) Leider erfasst auch dieser Artikel nicht das Konzept des
türkischen Nationalismus, wo es doch so
Inanc Bardakcioglu (HurraTuerkiye)
- 02.11.2011, 17:35 Uhr
Vielleicht sollte die Bundesregierung mal nachdenken wem man ein Forum
für Unfreundlichkeit bietet
Rolf-Dirk Maehler (RDMAEHLER1)
- 02.11.2011, 17:33 Uhr