http://www.faz.net/-gpf-8wzbj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Aktualisiert: 17.04.2017, 21:14 Uhr

Nach dem Verfassungsreferendum Erdogan kann sich auf Deutschlands Türken verlassen

Während die Ja-Wähler in Deutschland den Ausgang des Referendums feiern, beginnen die Wahlverlierer mit der Aufarbeitung. Wieso konnte Erdogans Strategie aufgehen?

von
© Wonge Bergmann, F.A.Z. Nach Verfassungsreferendum: Erdogan-Anhänger feiern in Frankfurt

Die Wahlkampfstrategie des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist aufgegangen. So knapp, dass er auf die Stimmen der in Deutschland lebenden Türken angewiesen gewesen wäre, ist das Ergebnis des Referendums in der Türkei zwar doch nicht ausgefallen. Erdogan hätte sich im Zweifelsfall aber auf die türkischen Wähler in Deutschland und ganz Europa verlassen können – anders als in Nordamerika und den arabischen Golf-Staaten. Dort haben die Türken Erdogans neuer Verfassung mit noch höheren Prozentsätzen eine Absage erteilt als in der Türkei die Provinzen mit den höchsten Nein-Anteilen.

Rainer Hermann Folgen:

In Deutschland aber stimmten in den zwölf türkischen Generalkonsulaten und der Berliner Botschaft nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu – bei einer Wahlbeteiligung von 50 Prozent – 63,2 Prozent für die neue Verfassung, in den Niederlanden sogar 71 Prozent. Erdogans Provokationen gegenüber den Regierungen beider Länder, denen er „Nazi-Methoden“ vorwarf, zahlten sich also aus. Anders als in der Türkei, wo die drei größten Städte Istanbul, Ankara und Izmir die Verfassungsänderung ablehnten, stimmten die in Deutschland lebenden Türken in allen 13 Städten für Erdogans Projekt.

Nicht als vollwertige Mitglieder der deutschen Gesellschaft angenommen

Ganz anders aber die Türken in Nordamerika und in den Golfstaaten. In Chicago lehnten 90 Prozent der Türken die neue Verfassung ab, und in den meisten anderen amerikanischen Städten – wie New York, Boston, Miami und Los Angeles – waren es mehr als 80 Prozent. In den Vereinigten Arabischen Emiraten kam das Nein-Lager auf 81 Prozent, in Bahrein sogar auf 86 Prozent. Der Grund für diesen großen Unterschied ist, dass in Europa im Wesentlichen Türken leben, die aus Anatolien stammen und Nachkommen der Gastarbeitergeneration sind. In Nordamerika sind hingegen gebildete Türken aus der alten Elite und den großen türkischen Städten meist gut integriert, und in den arabischen Golf-Staaten arbeiten sie in führenden Positionen.

Mehr zum Thema

Gerade in der dritten Generation der Türken in Deutschland fällt indessen die Strategie Erdogans auf fruchtbaren Boden, Nutzen daraus zu ziehen, dass sich Auslandstürken benachteiligt fühlen oder gar als Opfer sehen. So haben Befragungen des Zentrums für Türkeistudien ein paradoxes Bild ergeben: Einerseits identifizieren sich die Deutschtürken der dritten Generation weniger mit Deutschland und noch mehr mit der Türkei, als es noch die erste Generation getan hat, andererseits sind sie stärker in Deutschland verankert als ihre Großväter und Großmütter und denken nicht an eine Rückkehr in die Türkei. Als Grund dafür gilt, dass sie das Gefühl haben, nicht als vollwertige Mitglieder der deutschen Gesellschaft angenommen zu werden und daher ihren Blick auf die Türkei richten – zumal sie Erdogan als „Brüder und Schwestern“ anredet und er ihnen den Eindruck vermittelt, er selbst sei ja Opfer der alten Elite der Türkei gewesen, habe sich aber nach oben gekämpft.

„Ein Hin und Her zwischen Hoffen und Bangen“

Um sie als Wählerreservoir zu sichern, ist Erdogan aber darauf angewiesen, dass sich an diesem Gefühl, ausgegrenzt zu sein und ein „Opfer“ einer ungerechten Gesellschaft zu sein, nichts ändert. Damit aber wird seine Politik zu einem Hindernis für eine erfolgreiche Integration, wie sie ja durchaus für viele Türken in Deutschland erfolgt ist.

Erdogan habe bei den Türken in Deutschland gepunktet, weil er ihnen das Gefühl gegeben habe, „wieder wer zu sein“, kommentierte am Wahlabend Mürvet Öztürk. Die parteilose Abgeordnete des Hessischen Landtags sagt, Erdogan gebe offenbar 51 Prozent der Türken ein Gefühl von Stolz, die anderen aber diskreditiere und diskriminiere er, was er früher ja selbst beklagt habe.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Offener Missbrauch

Von Reinhard Müller

Erdogan missbraucht die internationale polizeiliche Zusammenarbeit. Bald wird seinem Regime niemand mehr trauen. Es ächtet nicht seine Gegner – nur sich selbst. Mehr 8 52

Quelle: wahlrecht.de
Alle Umfragen