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Veröffentlicht: 15.04.2017, 14:10 Uhr

Referendum in der Türkei Erdogans Geiseln

Mindestens 19 Deutsche werden in der Türkei festgehalten, einige seit Monaten. Die deutsche Diplomatie ist offenbar machtlos. Ein Betroffener schildert sein Leben im „Freiluftgefängnis“ namens Istanbul.

von , Istanbul
© Daniel Pilar „Wie ist es möglich, dass Deutschland einem seiner Staatsbürger nicht helfen kann?“ Sharo Garip, deutscher Soziologe und ehemaliger Universitätsdozent kurdischer Abkunft, bei seinem Spaziergang durch Istanbul.

Herr Garip geht spazieren, und die gefährlichste Stelle auf seiner Route kommt am Goldenen Horn, kurz vor der Brücke neben dem alten Werftgelände. Dort, an der steilen Treppe, könnten sie auf ihn warten. Die Treppe liegt von außen kaum einsehbar hinter der Stadtautobahn. Sie könnten ihn dort zusammenschlagen oder ermorden, niemand bekäme es mit. Das Leben von Herrn Garip würde neben einer Industriebrache enden, wo es nach Altöl, Fisch und altersschwachem Meerwasser riecht. Oben an der Treppe sieht Herr Garip sich noch einmal um. Keiner da. Was aber, wenn sie unten lauern, hinter dem Mauervorsprung? „Natürlich habe ich Angst. Aber ich kann ja nicht den ganzen Tag in meinem Zimmer hocken“, sagt Herr Garip, als er unten angekommen ist.

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Ein leichter Wind geht, im Goldenen Horn schaukelt Großstadtmüll auf kurzatmigen Wellen. Ein Stück Pizza, Plastikflaschen, eine zur Wasserleiche gewordene Barbiepuppe mit immer noch perfektem Lächeln. „Ich möchte unsere Politiker und Diplomaten gern fragen, wie das sein kann: Als Deutscher habe ich nichts weiter getan, als einen Friedensaufruf zu unterzeichnen, aber nun werde ich seit mehr als einem Jahr hier festgehalten, und unsere Diplomatie kann angeblich nichts tun.“ Es ist Mittag, aus den Moscheen hallt der Gebetsruf über die rostroten Kräne und Wracks auf dem Werftgelände. Einige der Angler auf der Brücke haben kümmerliche Fische gefangen, die nun in Plastikeimern zappeln.

45878805 © Daniel Pilar Vergrößern „Natürlich habe ich Angst. Aber ich kann ja nicht den ganzen Tag in meinem Zimmer hocken“: Garip an der Istanbuler Galatabrücke

Deutschland sei doch eine Weltmacht, moralisch zumindest. „Wie ist es da möglich, dass dieses Land einem seiner Staatsbürger, der in der Türkei festgehalten wird, nicht helfen kann?“ Vom Bosporus brummt der Bass eines Dampferhorns herüber, und Herr Garip erzählt von der Zeit, als er noch ein freier Mensch war. „Offiziell bin ich 1966 geboren, aber meine Mutter sagte später immer, es könne auch 67 oder 68 gewesen sein.“ Seine Mutter war Analphabetin, sie hatte irgendwann mehr Kinder, als sie Buchstaben kannte. Der Vater war Gastarbeiter in einem MAN-Werk bei Mainz, die Kinder blieben bei der Mutter in der Türkei. Ihren Vater sahen sie nur, wenn er auf Urlaub kam. Die Garips sind Kurden, und anders als der unpolitische Vater geriet der jüngste Sohn später in den Sog des Konflikts zwischen dem türkischen Staat und der kurdischen Terrorbande PKK. Anfang der neunziger Jahre musste er aus der Türkei fliehen.

Er kam nach Deutschland, lernte die Sprache, wurde eingebürgert, studierte, promovierte. Vergleichende Politikwissenschaften, Köln. Vor einigen Jahren, als in der Türkei ein kurzlebiges Tauwetter einsetzte und Tayyip Erdogan mit der PKK über eine Friedenslösung verhandeln ließ, schien sogar eine Rückkehr in die alte Heimat möglich. Überall gab es Fortschritte: Ein staatlicher kurdischer Fernsehkanal wurde gegründet, Schulen durften Kurdischunterricht anbieten, an den Universitäten konnte der Konflikt offener diskutiert werden. Ende 2012 erhielt Dr. Garip das Angebot, an einer Universität im südostanatolischen Van zu unterrichten, wo viele Kurden studieren. Er sagte zu. „Ich sagte mir, dass ich auf diese Weise zum Friedensprozess beitragen könne.“ So kehrte er zwei Jahrzehnte nach seiner Flucht in die Türkei zurück – als Deutscher, denn die türkische Staatsbürgerschaft hatte er abgegeben.

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Quelle: wahlrecht.de
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