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Veröffentlicht: 09.07.2017, 20:43 Uhr

Türkei Zigtausende protestieren gegen Erdogans Politik

Eindrucksvoll hat die türkische Opposition gezeigt, dass es sie noch gibt. CHP-Chef Kılıçdaroğlu lief gegen Ungerechtigkeit von Ankara nach Istanbul und verspricht nun: Er will weiter kämpfen.

© Reuters Begeistert verfolgen Anhänger die Rede von Oppositionsführer Kılıçdaroğlu in Istanbul

Den letzten von mehr als 400 Kilometern läuft er allein - der türkische Oppositionsführer Kemal Kılıçdaroğlu hält ein weißes Schild mit der roten Aufschrift „adalet“ („Gerechtigkeit“) und geht zielstrebig voran. In mehr als drei Wochen ist der Chef der Mitte-Links Partei CHP von Ankara nach Istanbul gelaufen. Mit seinen Unterstützern ging der 68-Jährige rund 20 Kilometer am Tag zu Fuß. Mit dem „Gerechtigkeitsmarsch“ protestierte er gegen das Vorgehen der Regierung unter dem von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan im Juli vergangenen Jahres verhängten Ausnahmezustand.

An diesem Sonntag krönt eine Abschlusskundgebung die Protestaktion. Hunderttausende warten schon im Istanbuler Stadtteil Maltepe. Als Kılıçdaroğlu endlich auf die Bühne steigt, jubeln sie und skandieren: „Recht, Justiz, Gerechtigkeit“. Auf der einen Seite prangt eine türkische Flagge, auf der anderen das Porträt des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk. Parteiembleme sind nicht erlaubt, das wollte Kılıçdaroğlu so.

47425539 © EPA Vergrößern Die Demonstranten schwenkten die türkische Fahne, zeigten Bilder des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk und hielten Schilder mit dem Wort „Adalet“ (Gerechtigkeit) hoch.

„Wir wollen, dass alle antidemokratischen Praktiken enden“, ruft der CHP-Chef. Auch die Aufhebung des Ausnahmezustands fordert er. „Wir wollen kein Ein-Mann-System, wir wollen ein parlamentarisches System.“ Die Menge jubelt. Auf der Kundgebung ist Volksfeststimmung. Einige tanzen am Rand.

Der triumphale Auftritt Kılıçdaroğlus wirkt fast so, als habe er eine Wahl gewonnen. Doch Wahlen gewinnt die CHP schon lange nicht mehr. Seit 2002 regiert die islamisch-konservative AKP das Land. Die Oppositionsarbeit von Kılıçdaroğlu, der seit sieben Jahren Vorsitzender der CHP ist, empfanden viele als lahm. Mit dem Protestmarsch hat er neue Popularität und Format gewonnen. Manche Anhänger bezeichnen ihn wegen der leichten Ähnlichkeit und der Protestaktion gar als Mahatma Gandhi der Türkei - in Anlehnung an den Führer der indischen Freiheitsbewegung.

Viele hinter sich vereint

Am 15. Juni hatte Kılıçdaroğlu den Protestmarsch in Ankara mit nur wenigen Anhängern begonnen. Zuletzt nahmen Tausende daran teil. Auslöser war die Verurteilung des CHP-Abgeordneten Enis Berberoglu zu 25 Jahren Haft wegen Geheimnisverrats. Er soll der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet" Videomaterial zugespielt haben, auf dem zu sehen sein soll, wie  der türkische Geheimdienst Waffen nach Syrien schafft. Die CHP wertete die Verurteilung als Versuch, die Opposition einzuschüchtern.

Kılıçdaroğlu zählt die Missstände im Land auf: Journalisten und Abgeordnete in Haft, parteiische Justiz, eingeschüchterte Bürger. Erdogan wirft er vor, die Justiz zu beeinflussen. Die Gerichte würden ihre Entscheidungen „auf Anweisung des Palastes treffen“, sagt er in Anspielung auf Erdogans Präsidentenpalast.

„Wirtschaft, Justiz, Sicherheit, es ist alles ein Problem“, sagt die 68-jährige Ayse. „Ich habe den Druck satt.“ Sie sei für ihre Kinder und Enkel und deren Zukunft hier. Ob der Protestmarsch was gebracht hat? Der Fabrikarbeiter Nurettin denkt schon: „Dieser Marsch und die Kundgebung haben die Opposition geeint“, sagt er. Und auch Kilicdaroglu verspricht, kämpferisch zu bleiben: „Niemand soll denken, dass dieser Marsch ein Ende ist. Dieser Marsch ist unser erster Schritt.“

Kein Rabatt für Links oder Rechts

Von Reinhard Müller

Das Strafrecht kennt weder rechts noch links; wohl aber Terror und Mord. Schuldig macht sich, wer Gewalt für ein Mittel der Politik hält. Mehr 65 148

Quelle: wahlrecht.de
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