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Von Ankara nach Istanbul : Gewaltmarsch durch das Sommerloch

An Tag 23: Kilicdaroglu und seine Anhänger erreichen am Freitag die Stadtgrenze von Istanbul. Bild: Reuters

Schon drei Wochen ist der türkische Oppositionsführer zu Fuß unterwegs, für mehr Gerechtigkeit. Die politische Wanderung verärgerte Erdogan – und rief auch Extremisten auf den Plan.

          In vielen anderen Ländern hätte Kemal Kilicdaroglu längst zurücktreten müssen. Mehr als ein halbes Dutzend Wahlen und Volksabstimmungen hat der ehemalige Spitzenbeamte verloren, seit er 2010 Vorsitzender der Republikanischen Volkspartei geworden ist, der CHP. Doch die türkische Parteipolitik funktioniert nach anderen Gesetzen, und so konnte Kilicdaroglu sich trotz der Kaskade seiner Misserfolge an der CHP-Spitze halten. Die Kritik an ihm verstummte jedoch nicht. Er habe keine Entschlusskraft, es mangele ihm an Ideen, führten seine Kritiker an.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Ein Hauptvorwurf lautete, dass Kilicdaroglu immer nur reagiere und atemlos der Agenda hinterherhechle, die der Staats- und Regierungsparteichef Tayyip Erdogan vorgebe. Das immerhin hat sich nun geändert, zumindest für einen Sommer. Mit seinem „Gerechtigkeitsmarsch“ von Ankara nach Istanbul, der an diesem Wochenende in der Metropole am Bosporus in einer Massenkundgebung gipfeln soll, ist es Kilicdaroglu erstmals gelungen, selbst die Tagesordnung zu bestimmen. Erdogan muss reagieren – und die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass ihm das nicht immer leicht fällt. Der türkische Präsident ist Stürmer, kein Verteidiger.

          „Dies ist ein heiliger Marsch“

          Am Anfang des „Gerechtigkeitsmarsches“ stand ein Gerichtsurteil am 14. Juni in Istanbul. Die Richter verurteilten den stellvertretenden CHP-Chef Enis Berberoglu, einen ehemaligen Journalisten, zu 25 Jahren Haft. Sie bezeichneten es als erwiesen, dass er Spionage betrieben und Staatsgeheimnisse verraten habe, indem er der oppositionellen Zeitung „Cumhuriyet“ heikles Material zuspielte.

          Der Hintergrund: Im Jahr 2014 hatte die Polizei einige vom türkischen Geheimdienst betriebene Lastwagen aufgehalten und durchsucht, nachdem sie einen Hinweis erhalten hatte, dass die Fahrzeuge Waffen und Munition für das Kriegsgebiet in Syrien geladen hätten. Die Regierung dementierte und teilte mit, es handele sich um humanitäre Hilfe für Turkmenen in Syrien. Dann veröffentlichte die Zeitung „Cumhuriyet“ im Mai 2015 jedoch Fotos der Ladung unter der Überschrift: „Dies sind die Waffen, von denen Erdogan sagte, dass sie nicht existieren.“

          Erdogan kochte vor Wut und drohte, die Verantwortlichen für die Veröffentlichung würden einen hohen Preis zu zahlen haben. Berberoglu wurde von der Staatsanwaltschaft als Mittler ausgemacht, der die Unterlagen über den Waffentransport von Angehörigen der Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen erhalten und an die Zeitung weitergeleitet habe. Dafür soll der erfahrene einstige Journalist nun offenbar für den Rest seines Lebens hinter Gittern verschwinden.

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          Noch am Abend des Tages der Urteilsverkündung kündigte Kilicdaroglu an, dass er am nächsten Vormittag um elf Uhr aus Protest gegen die nach seiner Darstellung ohne jegliche Beweise ergangene Verurteilung zu einem Fußmarsch von Ankara nach Istanbul aufbrechen werde. „Dies ist ein heiliger Marsch. Gerechtigkeit, Gerechtigkeit, Gerechtigkeit“, begründete Kilicdaroglu seinen geplanten Gewaltmarsch durch das Sommerloch.

          Mangelnder Respekt vor dem Urteil

          Seit drei Wochen marschiert der fast 70 Jahre alte Parteichef nun tatsächlich. Von Anatolien an den Bosporus, bei Regen und Sommerhitze, in Etappen von etwa 20 Kilometern täglich. Abends übernachtet er in einem Bus. Der wackere Wandersmann will das als überparteilichen Akt verstanden wissen, weshalb sich ihm zwar jeder anschließen darf, CHP-Flaggen oder -Embleme aber nicht erwünscht sind. „Adalet“ (Gerechtigkeit) lautet das Motto, sonst nichts. Es findet sich praktischerweise auch im Namen der Regierungspartei AKP, der „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“.

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