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Menschenrechte in der Türkei : Die Auslöschung

Der Arzt und Menschenrechtsaktivist Dr. Ömer Gergerlioglu Bild: Daniel Pilar

Ein türkischer Arzt engagiert sich für Menschenrechte und den Islam. Er steht der AKP nahe. Dann wagt er es, Erdogan zu kritisieren. Protokoll einer Existenzvernichtung.

          Selbst nachgezählt hat er natürlich nicht, aber wenn die Zahl zutrifft, die der türkische Innenminister Süleyman Soylu vor einiger Zeit genannt hat, dann sind in der Türkei in den zwölf Monaten seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 mindestens 47 115 Beamte verhaftet worden. Mit einem sonderbaren Stolz, der an Berichte von Anglern oder Fischern über einen erfolgreichen Fang erinnert, zählte Soylu auf, wer dem Staat alles ins Netz gegangen sei: 10 732 Polizisten, 7631 Soldaten, 2575 Richter oder Staatsanwälte und 26 177 sonstige Beamte. Die Verhafteten seien Mitglieder der Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen, hieß es in den meisten Fällen. Nach offizieller Darstellung macht sie das zu Angehörigen einer „Terrororganisation“ namens „Fetö“, die vor einem Jahr versucht haben soll, den türkischen Staatspräsidenten Tayyip Erdogan und seine Regierung zu stürzen. Der türkische Regierungschef Binali Yildirim hat die Zahlen seines Innenministers ergänzt: Außer den Verhafteten seien insgesamt 128 013 türkische Beamte wegen Verbindungen zur Fetö entlassen oder suspendiert worden.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Macht zusammen also mehr als 175 000 Verhaftete, Entlassene, Suspendierte. Lauter Lehrer, Soldaten, Richter, Polizisten oder Steuerinspektoren, von denen ihr langjähriger Dienstherr sagt, sie seien in Wirklichkeit nicht Lehrer, Soldaten, Richter, Polizisten oder Steuerinspektoren, sondern hochgefährliche Verbrecher, Vaterlandsverräter, Spione, Umstürzler, Volksfeinde. Wie Dr. Gergerlioglu, der 26 Jahre in einem Krankenhaus in der türkischen Industriestadt Izmit (nicht zu verwechseln mit Izmir) gearbeitet hatte, als man ihn eines Tages davon in Kenntnis setzte, dass er ein Staatsfeind sei. Dabei hatte er immer gedacht, er sei bloß Lungenfacharzt. So kann man sich irren.

          Als wir uns das erste Mal trafen, an einem Nachmittag Mitte Januar in Istanbul, war Dr. Gergerlioglu schon arbeitslos. Schnee fiel auf den Taksim-Platz, es war windig, ein weißgrauer Schleier legte sich auf die nackten Bäume am Gezi-Park, und Herr Gergerlioglu erzählte von Gott. Schon damals fiel auf, dass er anders war als viele andere, die im Zuge der Massenentlassungen in der Türkei ihre Arbeit verloren hatten und um ihre Existenz kämpften. Er wirkte auf eine unanfechtbare Art furchtlos und war bereit, seine Geschichte unter vollem Namen zu erzählen und veröffentlichen zu lassen – als Ömer Faruk Gergerlioglu, geboren am 2. November 1965 in Isparta, Vater von drei Kindern, Besitzer einer Eigentumswohnung mit Balkon in Izmit. Fürchtete er nicht, ein Treffen mit einem ausländischen Journalisten werde seine Lage nur noch schwieriger machen? Dr. Gergerlioglu winkte ab. Das mache jetzt auch nichts mehr aus. Und außerdem helfe ihm der Islam: „Die Stärke, die ich aus meinem Glauben schöpfe, hat mich auf den Beinen gehalten. Unser Leben ist vergänglich, das eigentliche Dasein folgt im Jenseits. Daran glaube ich, und das gibt mir Kraft.“ Die Auflehnung gegen die Ungerechtigkeit und der Kampf für die Schwachen sei eine gute Tat, die ihm Gott vergelten werde.

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