08.04.2010 · Der türkische Ministerpräsident Erdogan will in Deutschland türkische Schulen mit aus der Türkei entsandten Lehrern einrichten - die Schwierigkeiten der Integration hierzulande würde das noch verstärken. Doch Erdogans Forderung hat vor allem innenpolitische Bezüge.
Von Uta RascheAnfang der sechziger Jahren kam ein neunjähriges Mädchen aus Istanbul nach Deutschland. Es verstand kein Wort Deutsch. Sein Vater, ein Zahnarzt, bezahlte für einige Monate einen Hauslehrer; kurze Zeit später ging das Mädchen aufs Gymnasium. Die Tochter einer kemalistischen, westlich orientierten Familie studierte dann Medizin und Psychologie, leitete eine Behörde, nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an, saß sieben Jahre lang im Bundestag.
Die frühere Kölner Abgeordnete Lale Akgün (SPD) illustriert in ihrer autobiographischen Erzählung „Tante Semra im Leberkäseland“ auch die Bemühungen der türkischen Mittelschicht, sich von den armen Landsleuten aus Anatolien abzusetzen. Ihr Lebensweg zeigt: Es sind nie die staatlichen Schulen allein, die die Heranwachsenden voranbringen, sondern zuallererst die Eltern, einzelne Lehrer oder befreundete Erwachsene – immer gepaart mit eigener Strebsamkeit und Neugier.
Auch die Bildungsmängel von Einwanderern können nicht allein dem deutschen Schulsystem angelastet werden, sondern sind vor allem der Bildungsarmut der Elternhäuser, zum Teil dem Auswanderermilieu des Herkunftslandes zuzuschreiben. Nur 13 Prozent der Türkischstämmigen in Deutschland haben das Abitur, 30 Prozent hingegen keinen Schulabschluss. Türken sind unter allen Einwanderergruppen am wenigsten in die Bildung integriert. Ist nun die Integration der Türken in die deutsche Gesellschaft bisher deshalb keine Erfolgsgeschichte, weil sie, wie der türkische Ministerpräsident Erdogan meint, hier zu wenig Gelegenheit haben, Türkisch zu lernen?
Kein deutschtürkischer Politiker unterstützte Erdogans Forderung
Nicht ein einziger deutschtürkischer Politiker unterstützte Erdogans Forderung. Aus gutem Grund: Vom türkischen Staat angeregte Schulen mit aus der Türkei entsandten Lehrern würden die Schwierigkeiten der Integration hierzulande verstärken. Die ethnischen Nischen würden zu geräumigen Séparées: Braucht man heute schon in manchen Vierteln weder zum Einkaufen noch zum Arbeiten die deutsche Sprache – und zum Fernsehen schon gar nicht –, kämen die Kinder nicht einmal mehr in der Schule mit ihr in Berührung.
Dabei unterschlug der türkische Ministerpräsident bei seinem Ruf nach türkischen Gymnasien in Deutschland, was er wissen müsste: Es gibt in Deutschland mehr türkische Privatschulen als deutsche Auslandsschulen in der Türkei. Gegründet wurden sie von Vereinen türkischer Eltern, die der Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen nahestehen. Der auch von Erdogan verehrte Gülen fordert fromme Muslime auf, für eine exzellente Bildung ihrer Kinder zu sorgen, damit deren Schüler dereinst einflussreiche Positionen nicht nur im türkischen Staat einnehmen. Die Unterrichtssprache ist Deutsch, bei intensivem muttersprachlichen Unterricht.
An der nächsten Parlamentswahl können sich auch im Ausland lebende Türken beteiligen
Erdogans Forderung hat auch innenpolitische Bezüge. An der Parlamentswahl im kommenden Jahr können die im Ausland lebenden Türken sich erstmals per Briefwahl beteiligen. Die Türken, die in Deutschland leben, wählen aufgrund ihrer Herkunft aus den ärmeren Regionen und den nachgeordneten Schichten des Landes häufig die Regierungspartei AKP. Daher ist bis zur Parlamentswahl mit weiteren Wahlkampfauftritten des türkischen Ministerpräsidenten in Deutschland zu rechnen.
Das Geld, das Erdogan für die Entsendung türkischer Lehrer in die Bundesrepublik ausgeben müsste, wäre im türkischen Bildungssystem besser angelegt. Die dortige Schulpflicht, erst 1997 von fünf auf acht Jahre verlängert, gilt im Osten des Landes nur auf dem Papier: 600000 Mädchen besuchen nach einer Studie der Weltbank keine Schule; jede vierte Frau soll Analphabetin sein. Auf die Einhaltung des Kopftuchverbots an Schulen wird strengstens geachtet, zur Not wird es mit Polizeigewalt durchgesetzt. Dass aber ein Polizeiwagen vor einer Wohnungstür stand, um ein Mädchen zum Unterricht zu bringen, wurde noch nie berichtet.
Die Eltern sind dafür verantwortlich, dass Kinder ihre Muttersprache verstehen
Erdogan misst mit zweierlei Maß: Die Kinder der 15 Millionen kurdischen Staatsbürger in der Türkei haben in der Schule keine Möglichkeit, in ihrer Muttersprache lesen und schreiben zu lernen. Wenn Erdogan seinen Ausspruch aus der Köln-Arena vor zwei Jahren, „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, ernst meint, müsste er sich gegen die Zwangsassimilation der ethnischen Minderheiten in der Türkei wenden.
Den in Deutschland lebenden Türken kann der Staat nicht sämtliche Schwierigkeiten des Lebens in einem fremden Land abnehmen. Wer in der Hoffnung auf Wohlstand auswandert, sollte bereit sein, die Sprache zu erwerben. Alle Forschungen zur Zweisprachigkeit besagen, dass Kinder in der Lage sind, in zwei unterschiedlichen Umgebungen zwei Sprachen nahezu perfekt zu erlernen. Die Verantwortung dafür, dass Kinder ihre Muttersprache verstehen, liegt bei den Eltern; sie lässt sich nicht delegieren.
Türkisch an weiterführenden Schulen als zweite oder dritte Fremdsprache anzubieten kann aber ein Weg sein, der Sprache im Schulsystem etwa die Bedeutung von Spanisch oder Russisch zu verleihen. Vereinzelt geschieht das schon jetzt. Es wäre eine Geste des Entgegenkommens in der langen, schwierigen Beziehung zwischen diesen beiden einander noch immer fremden Ländern.
Danke, Frau Rasche
Michael Seip (Mike63)
- 08.04.2010, 10:14 Uhr
Warum soll die Türkei nicht türkische Lehrer
Steffen Rupp (steffenrupp)
- 08.04.2010, 11:23 Uhr
Erdogan ist für die Türkei zuständig
Franz-Josef Wilde (drfjwilde)
- 08.04.2010, 11:39 Uhr
Zustimmmung
Zeh Haans (sonderhai)
- 08.04.2010, 11:47 Uhr
Es ist mir schleierhaft, dies in aller Kürze,
joachim burkart (fazburri)
- 08.04.2010, 11:51 Uhr