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Tschingis Aitmatow gestorben „Ein Sowjetmensch und aufgehörter Schriftsteller“

11.06.2008 ·  Seine letzten Jahre verbrachte der weltberühmte kirgisische Schriftsteller als Diplomat in Belgien - doch dort kam er nie wirklich an. Seine größte Zeit als Dichter lag da schon hinter ihm, und auch die Perestroika, die er an der Seite Gorbatschows mitgestaltet hatte, war längst nur noch eine verwehte Erinnerung.

Von Michael Martens
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Viele seiner Leser verehrten ihn als Verfasser von poetischen, bisweilen etwas mythenüberfrachteten Romanen aus der Bergwelt Kirgistans. Diese Welt kannte er aus den Erzählungen seiner Kindheit, sie erneuerte er später als Dichter, in dieser Welt war er zu Hause.

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er dann vor allem in Europa, aber man konnte oft den Eindruck gewinnen, dass er dort nie wirklich angekommen war, sondern stets ein Fremder blieb in Ort und Zeit.

Müde, enttäuscht, angeschlagen

Im Sommer des Jahres 2005 war der Verfasser dieser Zeilen nach Brüssel gereist, um nach einer ersten Begegnung, die damals fast genau ein Jahrzehnt zurücklag, ein Interview mit Tschingis Aitmatow zu führen.

Es ging um die Lage in seiner politisch unruhig gewordenen Heimat, die er als Botschafter für Belgien, die Niederlande und Luxemburg in Brüssel vertrat, aber es ging auch um einen neuen großen Roman, an dem er angeblich schrieb, den er dann aber, als wüsste er von Wolfgang Koeppen und wollte dessen zentralasiatisches Abbild werden, lange nicht lieferte.

Aitmatow wirkte unendlich müde während des Gesprächs, denn angeschlagen war er damals schon, und enttäuscht wohl auch von seiner mangelnden poetischen Verve, deren quälende Abwesenheit nicht nur seine Kritiker bemerkt hatten. Sein Schicksal kann auch ihm selbst nicht entgangen sein. Er war „ein aufgehörter Schriftsteller“, um es mit Tucholsky zu sagen. Er schrieb noch, aber das Ergebnis waren meist nur aneinandergereihte Worte, nicht Dichtungen.

Auch im Westen noch in einer anderen Welt

Als ich Aitmatow zum Abschied ein kleines Geschenk überreichte, wurde ihm sichtlich unbehaglich, aber zugleich schien seine Müdigkeit wie weggeblasen. Er bedankte sich eilig, zog sich dann zurück. Etwa eine Stunde später klopfte, außer Atem und verschwitzt, sein Fahrer an die Tür meines Hotelzimmers: Dies lasse Aitmatow mir überreichen, er habe es vorhin in der Eile vergessen, sagte der Fahrer. Es war eine riesige Schachtel mit belgischen Pralinen. Der Fahrer hatte sie in aller Schnelle auftreiben und abliefern müssen, denn so etwas darf nicht sein in Kirgistan, das in Aitmatows Romanen stets in seiner sanfteren Variante als „Kirgisien“ auftaucht: Der Gast soll nicht schenken, sondern beschenkt werden.

Es tat gar nichts zur Sache, das sich diese Episode in Belgien abspielte - denn Aitmatow lebte auch nach vielen Jahren im Westen noch in einer anderen Welt, in der westliche Gepflogenheiten und Unarten zwar existieren mochten, aber nicht galten.

Größte Zeit unter Gorbatschow

Seine beste Zeit als Schriftsteller, das waren die beiden Jahrzehnte nach dem Erscheinen der ersten Romane und Erzählungen, die ihn auch im Westen bekannt machte.

Seine größte Zeit aber, das waren die Jahre der Perestroika unter Gorbatschow. Denn Aitmatow glaubte an die Möglichkeit einer Reformierbarkeit der Sowjetunion. Er musste daran glauben. Dieser Staat war ihm vor allem der Staat seiner zweiten Muttersprache, des Russischen.

Die russische Sprache war für Aitmatow die Leiter in die Weltliteratur. An ihr kletterte er empor, entdeckte erst die große Literatur der anderen und schuf dann seine eigene. Ohne die Kenntnis der russischen Sprache wäre ihm diese Kenntnis versagt geblieben. Die Welt hätte nichts erfahren von einem Tschingis Aitmatow.

Ein „Sowjetmensch“

Noch Mitte der neunziger Jahre, in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek, sprach er von der Sowjetunion, deren moralische Untiefen er kannte und selbst erfahren hatte, wie von einem bedauerlicherweise abgebrochenen Experiment.

Es war im September 1995, auf einer keineswegs bescheidenen Datscha etwas außerhalb der Stadt. Wir sprachen darüber, was das sei, ein „Sowjetmensch“, und ob es ihn je gegeben habe. Für Aitmatow war die Frage allein schon fast eine Beleidigung, schien sie doch eine Infragestellung seiner eigenen Existenz zu sein. „Unter den Sowjetmenschen verstehe ich Menschen, die unter den Idealen der Sowjetunion auftraten und von den entsprechenden politischen und ideologischen Ansichten überzeugt waren. Und das waren keine abstrakten Figuren, sondern reale Menschen aus Fleisch und Blut, die gelebt haben und heute noch leben“, sagte Aitmatow - und dass er auch sich selbst damit meine, musste er nicht betonen.

Glaube an den moralischen Fortschritt

Aber er wusste natürlich, dass er einer Generation angehörte, die die Geschichte gleichsam zu den Akten gelegt hatte: „Es wächst jetzt eine Generation heran, für die der Sowjetmensch bereits ein Anachronismus ist“, sagte Aitmatow, um wenige Minuten später davor zu warnen, jemals den Glauben an den moralischen Fortschritt der Menschheit zu verlieren, diese Überzeugung also den schmerbäuchigen Gelegenheitszynikern und ihrem dümmlichen Spott über das Gutmenschentum zum Fraß vorzuwerfen: „Die Haltung, das Böse sei nicht auszurotten und daher sei es auch sinnlos, es bekämpfen zu wollen, halte ich für gefährlich. Sie führt dazu, dass der Mensch sich allmählich in ein Tier verwandelt“.

Als Michail Gorbatschow am Dienstag vom Tod seines Freundes erfuhr, nannte er ihn „einen Schriftsteller der ganzen russischsprachigen Welt“, und das war treffend gesagt - nicht nur im Westen, auch von Wladiwostok bis Minsk kannte und las man seine Bücher. „Es ist ein Mensch von uns gegangen, der uns allen sehr nah war“, sagte Gorbatschow noch - und das werden zumindest von den Älteren in den ehemaligen Republiken der Sowjetunion viele gedacht haben, solche auch, die ihn nie gesehen haben.

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