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Tschernobyl Landwirtschaft in der nuklearen Sperrzone

24.04.2006 ·  Der Boden ist in weiten Teilen Weißrußlands verseucht, ein Drittel völlig unbrauchbar. Die Kommunalpolitiker schwören auf die Sicherheit der Ernte, obwohl bei Kontrollen immer noch Radioaktivität in gefährlicher Menge gemessen wird.

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In der Gemeinde Bragin im Südosten von Weißrußland lebten 1986 etwa 36.000 Menschen. Heute sind es höchstens 16.000. Die Industriebetriebe haben geschlossen, auch die zehn großen landwirtschaftlichen Kooperative gibt es nicht mehr, denn ein Drittel des Bodens ist unbrauchbar.

Bragin liegt am Rande der 30-Kilometer-Zone, die nach dem Super-GAU im Atomkraftwerk Tschernobyl jenseits der ukrainischen Grenze zum Sperrgebiet erklärt wurde. Die Gemeinde gehört zum Bezirk Gomel, der nach der Katastrophe vom 26. April 1986 fast 30 Prozent der nuklearen Verseuchung abbekommen hat - mehr als die gesamte Ukraine, wie der regionale Gouverneur Jewgenij Belasch betont. Überhaupt war Weißrußland mit 46 Prozent der gesamten Kontamination am stärksten betroffen.

Die Sperrzone wird heute „Nationalpark“ genannt

In Bragin wurden damals 12.000 Einwohner sofort evakuiert, die 20.000 weiteren wurden nach und nach ausgesiedelt. Ein Großteil kehrte in den folgenden Jahren aber zurück - vor allem ältere Menschen, die heute gut ein Drittel der Einwohner ausmachen. Inzwischen gehört die Gemeinde trotz weiterhin erhöhter radioaktiver Belastung nicht mehr zur Sperrzone. Diese beginnt am Schlagbaum südlich des Ortszentrums, als staatlich kontrolliertes Gebiet wird sie „Nationalpark“ genannt. „Es ist nicht leicht, hier zu leben“, räumt Wladimir Agejets ein, der Leiter des Instituts für Radioökologie in Gomel. Vor allem müßten die Bewohner zahlreiche Sicherheitsbestimmungen einhalten. Wenn sie jedoch den Anweisungen und Empfehlungen von Behörden und Wissenschaftlern Folge leisteten, hätten sie nichts zu befürchten.

Wichtig ist die ständige Messung

Im Boden der Region sind immer noch hohe Anteile an radioaktivem Caesium, Strontium und Plutonium enthalten. Deshalb ist - soweit überhaupt möglich - eine Deaktivierung dieser gefährlichen Substanzen notwendig. Stellenweise werden obere Schichten abgetragen und in der Sperrzone entsorgt. Mitunter werden sie auch mit einer Sonderdüngung wieder brauchbar gemacht. All dies führt allerdings nur begrenzt zum Erfolg. Wichtig sind deshalb ständige Messungen, da die radioaktive Belastung nicht gleichmäßig verteilt ist.

Kontrolliert wird vor allem die Milch, denn hier wird der zulässige Grenzwert mitunter um das Zweieinhalbfache überschritten, wie Gouverneur Belasch einräumt. Man müsse dann sicherstellen, daß der Bauer seine Kühe an einer weniger verseuchten Stelle grasen lasse. Zu meiden sind auch Pilze, die besonders leicht Schadstoffe aufnehmen. Hier werden manchmal hundertfache Strahlenbelastungen registriert. Alle Lebensmittel, die auf den Markt kämen, würden dreimal kontrolliert und seien deshalb sicher, betont der Bürgermeister von Bragin, Alexander Jatschenko. Für Selbstversorger gebe es Meßstellen, wo die Produkte aus ihrem Garten geprüft werden könnten. Die Kontrolle erfasse auch sämtliche Nutztiere. Gefahren drohten höchstens von Wilderern in der Sperrzone, die mitunter verseuchtes Fleisch auf den Markt brächten.

Anreize für die Ansiedlung von Firmen

Auch die Forstwirtschaft war nach der Tschernobyl-Katastrophe stark beeinträchtigt, da bei der Verbrennung von kontaminierten Holz Radioaktivität verbreitet wird. Dank intensiver Kontrollen befindet sich die Holzverarbeitung laut Jatschenko aber wieder im Aufschwung. Überhaupt habe die Region in den vergangenen Jahren eine Entwicklung erfahren, die völlig neue Perspektiven eröffne. Inzwischen gebe es sogar Steueranreize für Firmen, sich in den kontaminierten Regionen niederzulassen. Staatliche Hilfen werden auch den Bewohnern zuteil, obwohl dies nicht als Anreiz zum Zuzug verstanden werden soll, wie Belasch betont.

Es gibt finanzielle Zulagen, Sonderurlaub und vor allem eine regelmäßige medizinische Überprüfung. Die Kosten für Gesundheit und Rehabilitation sind laut Belasch der größte Ausgabenposten im Bezirk Gomel. Allein im Jahre 2005 seien dort für die Tschernobyl-Folgen umgerechnet rund 150 Millionen Euro aufgewendet worden. In ganz Weißrußland seien es etwa 220 Millionen Euro gewesen.

Gesundheitskontrollen sind Pflicht

Gesundheitskontrollen sind vor allem für Kinder vorgeschrieben, die wegen der Strahlenbelastung häufig an Schilddrüsenerkrankungen leiden. Hier fehlten mitunter die Fachärzte vor Ort, beklagt Bürgermeister Jatschenko mit Bezug auf Bragin. Insgesamt würden im Bezirk Gomel jedoch 63 Prozent der potentiell Geschädigten regelmäßig behandelt. Trotz überwiegend staatlich kontrollierter Planwirtschaft, zu der das Recht auf Arbeit ebenso wie die Pflicht zum Arbeiten gehört, gibt es in Bragin etwa ein Prozent Arbeitslosigkeit. Eben deshalb wirbt die Gemeinde für die Ansiedlung neuer Industrien. Einen wichtigen Arbeitgeber wird es allerdings noch für Jahrtausende geben: Rund 700 Menschen sind allein damit beschäftigt, die nukleare Sperrzone zu sichern.

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