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Veröffentlicht: 29.04.2017, 13:12 Uhr

Zwischenbilanz Der Gelegenheitsfaschist

Hässliche Kräfte setzen auf Amerikas Präsident. Doch ihren Kurs stringent zu verfolgen, dafür ist Donald Trump zu faul. Er denkt über niemand anderen nach als sich selbst. Ein Gastkommentar.

von James Kirchick
© EPA Donald Trump grüßt beim Ausstieg aus dem Präsidentenhubschrauber einen Soldaten auf dem Rasen des Weißen Hauses.

Robert Welch war der Inbegriff eines paranoiden Antikommunisten, ein Mann, der McCarthy nachgerade friedfertig und vernünftig erscheinen ließ. Als Mitbegründer der fanatisch rechtsgerichteten John Birch Society, die ihr Hauptquartier in McCarthys Heimatstadt Appleton, Wisconsin, hatte, glaubte Welch, der Senator und Kommunistenjäger gehe in seinem Feldzug gegen die kommunistische Infiltration der amerikanischen Gesellschaft nicht weit genug.

In Welchs Augen war kein Geringerer als Dwight D. Eisenhower – Held des Zweiten Weltkriegs und zweifach gewählter Präsident der Vereinigten Staaten – ein „engagierter und zielstrebiger Agent der kommunistischen Verschwörung“. Außerdem sei der jüngere Bruder des Präsidenten, Milt Eisenhower, dessen „Vorgesetzter und Boss innerhalb der Kommunistischen Partei“. Wozu der konservative Intellektuelle Russell Kirk spöttisch bemerkte: „Ike ist kein Kommunist, er ist ein Golfer.“

Schon nach wenigen Monaten der Präsidentschaft Donald Trumps habe ich langsam das Gefühl, Kirks Einschätzung des Präsidenten Eisenhower – wonach der einfach allzu harmlos und banal gewesen sei, um als Extremist irgendeiner Couleur gelten zu können – ließe sich auch auf den gegenwärtigen Führer der freien Welt übertragen. Donald Trump ist kein Faschist, er ist ein Golfer (wenn auch einer, der dabei mogelt).

Natürlich will ich Eisenhower und Trump nicht miteinander vergleichen. Eisenhower half, die westliche Zivilisation vor der Barbarei zu retten, und war Präsident einer erstklassigen Bildungseinrichtung (der Columbia University), bevor er zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, während Trump nur ein ordinärer Egomane ist, der sich einst vor dem Militärdienst drückte. Gemeinsam haben sie allerdings, dass hyperventilierende Kritiker sie als etwas darstellen, was sie nicht sind. Hartgesottene Antikommunisten wie Welch redeten sich ein, der amerikanische Präsident sei ein sowjetischer Geheimagent, weil sie sich nur so eine Reihe außenpolitischer Entwicklungen erklären konnten, die mit dem „Verlust“ Chinas an Maos kommunistischen Streitkräfte 1949 begann.

Trump ist ein Narzisst, der sich keiner Sache verpflichtet fühlt

Was Trump anbelangt, setzt die Anschuldigung, dass er ein Faschist sei, ein Maß an intellektueller Stringenz und Disziplin voraus, das gegenüber den Faschisten offen gestanden unfair wäre. Während Faschisten Blut, Boden und Nation verehren und die Selbstaufopferung für das Vaterland romantisieren, ist Trump nur ein Narzisst, der sich keiner Sache verpflichtet fühlt außer seinen eigenen käuflichen Triebregungen. Seine häufigen Ausfälle gegen die Medien etwa sind zwar typisch für Despoten (bis hin zur Verwendung des von Stalin und Hitler gerne benutzten Ausdrucks »Volksfeinde«), scheinen aber weniger von dem Wunsch, den ersten Verfassungszusatz zu zerreißen, als von kindischer Überempfindlichkeit motiviert zu sein. Schließlich hat dieser Mann die Medien während seines ganzen öffentlichen Lebens bis hin zu seinem erfolgreichen Präsidentschaftswahlkamp stets (recht brillant) für seine eigenen Zwecke benutzt.

© Reuters, reuters Trump schließt Eskalation im Nordkorea-Konflikt nicht aus

Trumps politische Agenda (mit ihren Ursprüngen in dem Wunsch, sich an einem Präsidenten zu rächen, der sich im landesweiten Fernsehen über ihn lustig gemacht hatte) riecht eher nach Opportunismus als nach dem Bemühen, ein großes ideologisches Projekt voranzutreiben. Dadurch verringert sich nicht das Spektrum hässlicher Kräfte, die von Trump ermutigt werden; das gilt vor allem für die rassistische Alt-Right-Bewegung, zu deren Vorreitern die auf Verschwörungstheorien spezialisierte Webseite Breitbart.com und der selbsternannte „Leninist“ Steve Bannon gehören.

Ich habe mich dazu hinreißen lassen, den Präsidentschaftskandidaten Trump als einen „faschistischen Demagogen“ zu bezeichnen. In Wirklichkeit verhält Trump sich oft wie ein Faschist, ohne es tatsächlich zu sein. Einer der Hauptgründe für meine Neubewertung betrifft Trumps Einstellung gegenüber Minderheiten oder die „Angst vor Unterschieden“ – eines der 14 Elemente des „ewigen Faschismus“, wie der italienische Schriftsteller Umberto Eco ihn definiert hat.

Eines sei hier ganz klar gesagt: Trump ist ein Rassist und Fremdenhasser. Man spricht nicht so über Mexikaner und Muslime, wie Trump es getan hat, und man behauptet auch nicht fünf Jahre lang immer wieder, der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten sei nicht wirklich ein Amerikaner, sofern man nicht bereit ist, rassistische und nativistische Gefühle auszuschlachten und an die allerschlechtesten Aspekte im amerikanischen Charakter zu appellieren. Und man spricht auch nicht so über Frauen und verhält sich ihnen gegenüber nicht so, wie Trump es sein Leben lang getan hat, sofern man kein eingefleischter Frauenfeind ist.

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Rassismus und Frauenfeindlichkeit gehören zu den elementaren menschlichen Vorurteilen, die ihren Ursprung in irrationalen Ängsten vor Menschen anderer Hautfarbe, anderer Nationalität oder anderen Geschlechts haben. Dazu braucht man nicht viel nachzudenken. Im Gegenteil, hier ist Ignoranz vollkommen ausreichend. Dasselbe gilt für Trumps angeblichen Antisemitismus. Der Antisemitismus bedarf allerdings etwas größerer Anstrengungen als Vorurteile hinsichtlich der Hautfarbe oder des Geschlechts. Man benötigt Theorien darüber, wie die Welt funktioniert und wie die Juden riesige komplexe Systeme manipulieren, um die Welt zu steuern. Wahrscheinlich spricht man eine Menge darüber (gewöhnlich in den Anruf-Sendungen bei C-SPAN) und schreibt langatmige Briefe an zufällig ausgewählte Journalisten und Politiker, in denen man ihnen diese Theorien erklärt. Nach meiner Erfahrung haben Antisemiten nahezu ausnahmslos eine zwanghafte Persönlichkeit, die unbedingt alles mit den Juden in Verbindung bringen muss. Außerdem sind Antisemiten oft sehr belesen, nur dass ihre Lektüre hauptsächlich aus unsinnigen Verschwörungstheorien besteht, die sie in ihren Überzeugungen nur bestärken.

Donald Trump dagegen denkt eindeutig über niemand anderen nach als über sich selbst. Er interessiert sich nicht hinreichend für Dinge, die über seine unmittelbaren Wünsche und Begierden hinausgehen, und erst recht nicht für das Schicksal der Juden. Seine Gleichgültigkeit gegenüber dem Antisemitismus hat denselben Grund wie seine Gleichgültigkeit gegenüber den Menschen, die er mit seiner Trump University täuschte oder die er in Atlantic City betrog: Er ist ein egoistisches Arschloch. Der Antisemitismus hat für ihn und sein Verhalten keine unmittelbare Bedeutung. So reagiert er denn, falls man ihn danach fragt, indem er sich mit seinem Wahlsieg brüstet oder indem er einen Reporter anschreit. Ich wette, für seine Einstellung gegenüber Schwulen gilt dasselbe.

Kaum etwas in Trumps Geschichte spricht für persönliche Animositäten gegenüber Lesben, Schwulen, Bisexuellen oder Transgender (LGBT), aber einiges spricht für das Gegenteil. Manche behaupten, Trump habe seinen Mentor, den McCarthy-Anwalt Roy Cohn, im Stich gelassen, als der, an Aids erkrankt, im Sterben lag, aber das war wohl weniger Ausdruck homophober Gefühle (Cohn war nicht offen homosexuell), sondern des bei Trump dominanten Charakterzugs, nämlich ein egoistisches Arschloch zu sein. Ein sterbender Roy Cohn war für Donald Trump ohne Nutzen, und deshalb trennte er sich von ihm. Er hätte genauso gehandelt, wenn Cohn heterosexuell gewesen und an Krebs gestorben wäre statt an einer Krankheit, die mit so viel sozialer Stigmatisierung und Scham verbunden war.

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Als Trump während seines Wahlkampfs um die Stimmen der religiösen Rechten warb und deshalb erklärte, er sei gegen die Homo-Ehe und verstünde, dass sie sich als Opfer säkularisierter Liberaler fühlten, bezog er dennoch deutlich eine für Sozialkonservative völlig unannehmbare Position in einer Frage, die zu einem wichtigen Thema im jüngsten Kulturkampf geworden ist – in der Frage der Transgender-Toiletten. Transgender-Leute, so sagte er, sollten „die Toilette benutzen, die sie für die richtige halten“. Was tatsächlich von Trumps Einsatz für LGBT-Gleichheit zu halten ist, wird sich natürlich erst an der Auswahl seines Personals und an seiner Politik als Präsident erweisen, und dass er die Richtlinie der Regierung Obama hinsichtlich der Transgender-Toiletten in High Schools aufgehoben hat, spricht dafür, dass er teilweise ein Gefangener der religiösen Rechten geblieben ist. Aber auch wenn Sozialkonservative auf den Trump-Zug aufgesprungen sind, waren feindselige Einstellungen gegenüber Homosexuellen dennoch kein sonderlicher Faktor für Trumps Sieg, wie es 2004 der Fall war, als George W. Bush sich im Wahlkampf für das Federal Marriage Amendment einsetzte.

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All das sollte allerdings nicht als Verteidigung Donald Trumps verstanden werden. Ich habe kaum Zweifel, dass er nicht zögern würde, Antisemitismus und Homophobie ganz bewusst für seine Zwecke zu nutzen, falls er einen Vorteil davon hätte. Er ist ein Experte im Schüren rassischer Ressentiments gegen jeden, der nicht weiß und männlich ist. Aber das sind leichte Ziele, und Trump weiß, dass es im Blick auf die Wähler keinen Sinn hätte, sich gegen die Juden zu wenden, und deshalb wird er es auch nicht tun. (Die antisemitischen Untertöne in der Wahlkampfrede auf seiner Abschlussveranstaltung, in der er dunkel vor „globalen Sonderinteressen“ warnte, die „die Hebel der Macht kontrollieren“, waren allzu subtil, als dass der Durchschnittswähler sie als solche erkannt hätte.)

Trump ist einfach nur gleichgültig

Trumps liberale Kritiker verfehlen den Punkt, wenn sie ihn als Homophoben und Antisemiten abstempeln, wie auch seine konservativen Fans sich irren, wenn sie ihn für den besten Verbündeten der Juden seit Kyros II. und für einen warmen Bruder halten. Trump ist einfach nur gleichgültig. Der einzige Kontext, der ihn überhaupt bewegen könnte, sich zum Beispiel um jüdische Belange zu kümmern, wäre der seiner Enkelkinder, deren Mutter Jüdin ist. Aber die leben unter dem Schutz privater Sicherheitsdienste und werden nie auf solche Hilfe angewiesen sein. Das aktuelle Unbehagen vieler Juden über den zunehmend verschwörungstheoretischen und polarisierenden Tenor des politischen Diskurses in Amerika ist daher nichts, in das Trump sich einfühlen könnte (wenn er denn überhaupt zur Einfühlung fähig sein sollte).

Und ganz ähnlich hüllen sich Trumps Avancen gegenüber den Schwulen, die meist in Gestalt von Zusicherungen daherkommen, die „LGBT-Community“ vor den Angriffen des „radikalislamischen Terrorismus zu schützen“, in kämpferische Gelöbnisse, den „Islamischen Staat“ zu vernichten. In diesem Sinne instrumentalisiert der Präsident die Schwulen opportunistisch in einer Weise, die sie ins Blickfeld eines konservativen Publikums rückt, das ansonsten kaum etwas mit ihnen zu tun haben möchte.

Donald Trump ist in vielerlei Hinsicht beunruhigend, aber ich denke, er ist zu faul, um ein Faschist zu sein. Das bedeutet natürlich nicht, dass er nicht beträchtlichen Schaden anrichten wird. Aber das wird höchstwahrscheinlich eher im Ausland zu spüren sein, wo der Präsident der Vereinigten Staaten mehr Handlungsfreiheit besitzt als im Inland.

© Opinary

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Bischoff.

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