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Deutschlands neue Rolle : Ist Präsident Trump Europas letzte Chance?

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Trumps Auswirkung auf Europa: Einmalige Chance zum Umdenken oder das Ende des Westens? Bild: Reuters

Trumps Wahl zum amerikanischen Präsidenten bedeutet eine Zeitenwende. Statt das Ende des Westens zu beklagen, sollte Europa die einmalige Chance nutzen, eigene Lösungen für globale Probleme anzubieten. Ein Gastbeitrag.

          Mit der Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten ist eine Zeitenwende verbunden, deren Verlauf nicht abzusehen ist. Der Bruch mit der Vergangenheit ist so dramatisch, dass Europa selbst bald von einem ähnlichen Populismus überrollt werden könnte. Alte Formeln reichen nicht mehr. Europa muss nicht nur Trump, sondern auch den eigenen Wählern beweisen, dass es in der Lage ist, ein neues Zeitalter mitzugestalten.

          Noch scheinen die Reaktionen von der üblichen Resignation und von Ratlosigkeit gekennzeichnet zu sein: Statt Trumps Herausforderung als einmalige Chance zu ergreifen, europäische Lösungen anzubieten, redet man vom Ende des Westens; statt eine konzertierte Aktion zu unternehmen, die vielen Probleme der Globalisierung auf der Basis europäischer Konzepte transatlantisch zu regeln, redet man noch immer von der „Vertiefung der EU“ oder sucht sogar neue geopolitische Strukturen. Dabei wird klar, dass alle atlantischen Nationen im selben Boot sitzen. Ohne konkrete, brauchbare transatlantische Lösungen kommt man im heutigen Amerika nicht sehr weit – in Europa auch nicht.

          Die Aufgabe ist gewaltig. Sogar Trump wird allmählich begreifen, dass sie nur transatlantisch bewältigt werden kann. Eine starke europäische Rolle kann Amerika dabei helfen, ein neues gemeinsames, atlantisches Zusammengehörigkeitsgefühl zu geben, das seit der Wende schmerzlich vermisst wurde. Der Westen ist nicht zu Ende, vor allem wenn er sich auf die neuen Gegebenheiten einstellen kann. Bewältigt er diese größte politische und philosophische Aufgabe des 21. Jahrhunderts nicht, kann er zerstritten und richtungslos in die Versenkung fallen.

          Trump ist ein Populist. Er sucht „Deals“, die, wie Nobelpreisträger Robert Shiller meint, seine Wählerschaft zufriedenstellen sollen. Der Nobelpreisträger ist sich jedoch sicher, dass die Steuererleichterungen und Infrastrukturprogramme den Wählern aus der Mittelklasse höchstwahrscheinlich nicht zugutekommen, im Gegenteil: „Unternehmer werden die Steuererleichterungen nutzen, um weiter Roboter und Computer einzusetzen, so dass weiter Arbeitsplätze vernichtet werden.“

          Gesellschaftliche Folgen der digitalen Technologien

          Noch etwas anderes wird Trump und den Seinen in Europa Schwierigkeiten machen. Trump hat zwar verstanden, dass der Gesellschaftsvertrag der Nachkriegszeit zerfällt und Gefühle die Vernunft ersetzen. Er scheint aber nicht realisiert zu haben, wie revolutionär die Prozesse sein werden. Parteien verlieren an Bedeutung, der Einfluss von Lokalpatriotismus nimmt zu. „Fakten“ werden ignoriert, aber Daten werden zum wichtigsten Gut. Microsofts Vorstandschef Satya Nadella sagt: „In den nächsten zehn Jahren werden wir einen Punkt erreichen, an dem fast alles digitalisiert ist.“

          Hier hat Europa mit seinem Sozialsystem und dem Fokus auf die Privatsphäre viel zu bieten. Amerika ist im Bereich der digitalen Technologie führend. Trumps Amerika aber wird die gesellschaftlichen Folgen, die durch diese Technologie verursacht werden, nur schlecht handhaben können. Europa hat kein Silicon Valley, aber ein gesellschaftliches Fundament, das die Wirren der Digitalisierung besser handhaben kann, als es Trumps „Deal Making“ je könnte.

          Künftig können bei der Globalisierung, der Digitalisierung, den Menschenrechten, dem Datenschutz die Differenzen zwischen den Vereinigten Staaten und Europa größer werden. Behauptet dabei Europa eine unabhängige Vision, kann es Trump helfen, durch die Wirren seiner Politik zu steuern. Und, wenn ich das als Amerikaner sagen darf: Man braucht die Europäer, um unsere eigenen liberalen Prinzipien auch in Zukunft durchzusetzen.

          Deutschland als Knotenpunkt für Wirtschaft und Sicherheit

          Für die meisten in Europa und in Amerika gibt es nur ein Land, das in Europa und transatlantisch eine konsequente Alternative zum Populismus durchsetzen kann. Es gibt nur ein Land und eine führende Persönlichkeit, die dieser Aufgabe gerecht werden: Deutschland und Angela Merkel. Die Weltpresse ist schon längst zu diesem Schluss gekommen. Barack Obama unterstrich den Punkt während seines Berlin-Besuchs gleich nach der Wahl. Nur Deutschland ist darüber nicht so glücklich. Vielleicht hilft es, die neue Rolle zu verstehen, wenn man den Ausdruck „Führung“ durch das Wort „Verantwortung“ ersetzt.

          Die Zukunft ist schon angekommen. Gefragt sind nicht große Initiativen von Großmächten; gebraucht werden Strategien und Systeme, um Probleme wie den Euro, die Flüchtlinge oder die Umwelt unter Kontrolle zu bringen. Für eine solche Rolle ist die moderne Bundesrepublik gut ausgerüstet. Es ist aber im Moment ein Land, das sich seit beinahe 70 Jahren bemüht, so „normal“ wie alle anderen zu sein, und das sich schwer damit tut, sich in die Verantwortung für die „Normalität“ anderer einzufügen. Es fehlt ihm noch an der Selbstsicherheit, unter den neuen Bedingungen einer globalisierten Kultur des 21. Jahrhunderts frei aufzutreten.

          Deutschland soll nicht eine Großmacht im herkömmlichen Sinne sein. Stattdessen könnte das Land etwas sehr viel Wichtigeres werden: ein integrierender Knotenpunkt für eine neue Art von Wirtschafts- und Sicherheitspolitik; ein Bindeglied für Informations- und Logistiknetze, das die eurasische Landmasse auch über den Atlantik mit Nordamerika verbindet. Weder Amerika noch Europa können es sich leisten, diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen. Gefragt ist Zusammenarbeit, um einen neuen transatlantischen Konsens zu finden.

          John Kornblum war amerikanischer Botschafter in Deutschland.

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