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Veröffentlicht: 10.11.2016, 21:13 Uhr

Falsche Wahlprognosen Gefühl der Präzision

Die allermeisten Demoskopen haben Trumps Sieg nicht kommen sehen. Jetzt schlägt ihnen Häme entgegen. Ist die Kritik berechtigt?

von Bernhard Clemm
© AFP Die Schlacht ist geschlagen – Trump hat gewonnen.

Noch kurz vor der Wahl standen die Zeichen für Hillary Clinton auf Sieg: Das Prognosemodell der „New York Times“ bezifferte ihre Siegchancen auf 84 Prozent, die „Huffington Post“ sogar auf 98 Prozent. Das „Princeton Election Consortium“ war sich seiner Sache am allersichersten: Clinton werde mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent gewinnen – alles andere wäre eine „gigantische Überraschung“. Lediglich das Blog „FiveThirtyEight“ von Nate Silver, der durch seine Vorhersagen in der Vergangenheit als Guru der amerikanischen Prognose-Szene gilt, äußerte sich zurückhaltender: Sein Modell sah Clintons Siegchance bei 67 Prozent.

Selbst bei „Fox News“ hatte man sich zu Beginn des Wahlabends schon mit Clinton abgefunden. Dann begann der Wind zu drehen, Clintons Siegchancen rauschten in den Abgrund, und die Berichterstatter waren überrumpelt. Nicht wenige projizieren ihre Enttäuschung nun auf die Meinungsforschung. So zum Beispiel Filmemacher Michael Moore, der auf Facebook forderte: „Feuert die Demoskopen, Experten und Vorhersager und alle anderen Medienleute, die nicht von ihrem Narrativ abweichen wollten.“

Nur 11 von 96 Umfragen sahen Trump vorn

Ist die Kritik berechtigt? Zuerst einmal muss man zwischen den genannten Vorhersagemodellen und den Umfragen unterscheiden, auf denen sich erstere stützen. Der Charme der Modelle besteht darin, eine komplizierte Situation auf einen Wert zu reduzieren. Das tun sie, grob gesagt, indem sie eine Vielzahl glaubwürdiger Umfragen aggregieren und dabei deren Präzision in der Vergangenheit berücksichtigen. Die resultierende Prozentzahl versteht jeder, und sie lässt sich gut darstellen. Das Model der „New York Times“ hatte deshalb über weite Strecken des Wahlkampfes seinen Platz auf der Homepage sicher.

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Aber die Qualität der Prognosen beruht auf der Qualität der Meinungsumfragen. Und die haben bei dieser Wahl versagt. Vor allem auf nationaler Ebene lag die Demoskopie überwiegend falsch: In einer Auflistung der Website „RealClearPolitics“ zählt man etwa 96 Umfragen seit Anfang September – nur elf davon sahen Trump vorn. Nun ist aufgrund des amerikanischen Wahlsystems nicht die landesweite Stimmenmehrheit entscheidend: Nach derzeitigem Stand hat Clinton knapp mehr Wählerstimmen auf sich vereinigt als Trump. Aber das ist ein schwacher Trost, denn die Mehrheiten in den einzelnen Staaten entscheiden. Auch dort haben die Umfragen nicht gehalten, was sie versprachen. Zum Beispiel in Florida, einem der wichtigsten Swing States: Von 43 Umfragen seit September prognostizierten lediglich zehn einen Trump-Sieg. Am Dienstagabend wusste man es besser.

Wie konnten die Umfrageinstitute so falsch liegen? Immerhin gab es eine Ausnahme: Die im Auftrag der „LA Times“ durchgeführten Umfragen sahen Trump in den letzten Monaten durchgehend vorne - und wurden dafür oft kritisiert. In einer Analyse nach der Wahl vermies die Zeitung unter anderem darauf, dass die genutzte Online-Methode die Präferenz der Trump-Unterstützer besser erfassen könne. Neben der Präsidentenfrage wollten die Demoskopen im Auftrag der „LA Times“ nämlich auch wissen: Fühlen Sie sich wohl dabei, über ihre Präferenz zu sprechen? Trump-Wähler zögerten öfter, einem Telefon-Befrager ihre Absichten zu erklären. Ein Effekt, den die Soziologen als Schweigespirale bezeichnen: Wenn man die eigene Meinung in der Minderheit wähnt, bleibt man lieber still.

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