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Vorwahlen in Amerika : Donald Trump erntet

Donald Trump nach seinem Triumph am „Super Tuesday“ Bild: Reuters

Die Republikaner haben den Geist aus der Flasche gelassen. Kann ihn die Demokratin Hillary Clinton einfangen? Ein Kommentar.

          Donald Trump kann Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden. Zwar bleiben die Republikaner-Vorwahlen nach dem „Super-Dienstag“ verwickelter als die der Demokraten, deren Nominierung Hillary Clintons ziemlich sicher ist. Doch Trump dürfte mit Abstand am meisten Delegierte hinter sich wissen, wenn die Republikaner im Juli ihren Parteitag abhalten. Zur absoluten Mehrheit mögen ihm dann noch Stimmen fehlen. Aber warum sollte sich der Sieger der Saison diese auf dem Parteitag nicht verschaffen können? Trump hat die besten Chancen. Wie dann ein Duell des schmerzfreien Anti-Establishment-Kriegers gegen die etwas dünnhäutige Repräsentantin des Clinton-Imperiums ausginge, ist völlig offen.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Trumps Konkurrenten reden sich ein, jede Stimme für einen von ihnen sei ein Votum gegen den Spitzenreiter. Zahlreicher als Trumps Fans seien nur seine Feinde. Doch seit Monaten vergrößert Trump seine Anhängerschaft. New Jerseys Gouverneur Chris Christie mögen auch Rachegelüste bewogen haben, in Trumps Lager zu wechseln. Er wird aber kaum der einzige Establishment-Republikaner bleiben, der sich vom robusten Trump mehr verspricht als vom smarten Marco Rubio, dem ideologischen Ted Cruz oder dem jovialen John Kasich. Die Wirklichkeit scheint erst mit dem Rückzug des gescheiterten Jeb Bush ins Bewusstsein der Partei gesackt zu sein. Nun zeigen Funktionäre, Vordenker und Spender aufeinander und fragen, warum sie nicht längst eine Anti-Trump-Kampagne gestartet hätten. Auch dieser Streit atmet Realitätsverweigerung. Die Republikaner haben nicht erst mit einem Versäumnis vor Wochen den Weg für Trump geebnet. Sie haben jahrelang Misstrauen in Staat und Politik gesät. Trump erntet nur.

          Schon in den neunziger Jahren begnügte sich die Opposition nicht damit, Bill Clintons Politik zu kritisieren. Sie erklärte seine Präsidentschaft für illegitim. Nach Barack Obamas Amtsantritt und dem Banken-Bailout ließ sich die konservative Partei nur zu gern von der Tea-Party-Welle überspülen. Die finanzkräftigen Dompteure der vermeintlichen Graswurzelbewegung avancierten zum alternativen Republikaner-Establishment, das im Kongress ein Kompromissverbot verhängte. Mitt Romney wurde 2012 als Präsidentschaftskandidat genötigt, sich der einwanderungsskeptischen Basis anzubiedern, und machte sich mit der Forderung nach „Selbstdeportationen“ lächerlich. Als Donald Trump und andere Amerikas ersten schwarzen Präsidenten als afrikanischen Muslim abstempelten, ließ der Republikaner-Mainstream den Spuk gewähren.

          Von der Gesundheitsreform bis zur Außenpolitik wurde Obamas Politik nicht nur als verfehlt bezeichnet. Politiker wie der Senator Marco Rubio, der jetzt das Establishment retten soll, unterstellen dem Präsidenten die planvolle Vernichtung der amerikanischen Seele. Mit solcher Rhetorik haben sich die Republikaner eine historische Mehrheit im Repräsentantenhaus erkämpft. Doch seither sind sie mehr mit ihren Grabenkämpfen beschäftigt als mit einer neuen Agenda für Amerika. Jetzt staunen sie, dass so viele Wähler nicht etwa einen jungen Senator ins Weiße Haus befördern wollen, sondern einen selbsterklärten Nichtpolitiker und trickreichen Macher. Das Bild rebellischer Stärke, das so viele Politiker von sich zeichnen, ähnelt Trump mehr als ihnen.

          Der Baulöwe versammelt aber mehr als nur die Islamfeinde, Einwanderungsgegner oder Rassisten hinter sich, die das Establishment mit aufgepeitscht hat. Zu ihm stehen auch die schlecht ausgebildeten Arbeiter, die keine Chance auf Aufstieg sehen und sich von beiden Parteien im Stich gelassen fühlen. Darüber hinaus setzen Amerikaner auf Trump, die sich weder von dessen Grenzmauer-Gerede noch von einem Einreiseverbot für Muslime viel versprechen, aber „Washington“ im Mark erschüttern wollen. Viele dieser Protestwähler erwarten, dass der Geschäftsmann seinen ausgestreckten Mittelfinger im Weißen Haus wieder einklappen und in der Welt nicht allzu viel Schaden anrichten werde.

          Etliche Demokraten glauben, dass Hillary Clinton gegen Trump leichtes Spiel hätte, weil sie ihn als Frauenfeind und Rassisten demaskieren könne. Demnach würde Trump Clintons Wähler mobilisieren; der Zweikampf gegen Bernie Sanders hat ja gezeigt, dass sie aus eigener Kraft wenig Begeisterung erzeugt. An der Spitze der Berater, die diese Sicht für naiv halten, soll Bill Clinton stehen. Den Vollblutpolitiker beeindruckt Trumps Talent, Leuten aus dem Herzen (oder Bauch) zu reden, obwohl der prahlende Multimilliardär in einer fremden Galaxie aus Gold und Marmor lebt. Hillary Clinton hat mehr Mühe zu erklären, wie sie Sachwalterin der „kleinen Leute“ sein könne, obwohl sie für Vorträge nicht nur von Banken jeweils sechsstellige Summen kassiert hat. So wie Trump seine Finanzen im Dunkeln lässt, ziert sich Clinton, den Inhalt ihrer Wall-Street-Reden preiszugeben.

          Clinton verdankt ihre Vorwahlerfolge vor allem Schwarzen und Latinos. Um sie auch im November zu mobilisieren, wäre Donald Trump der beste Gegner für sie. Trump wiederum weiß Wählermassen hinter sich, wenn er „den Politikern“ unterstellt, die Interessen ihrer Spender wichtiger zu nehmen als die des Volks. Deshalb erklärt er Hillary Clinton für leichte Beute.

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