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Waffengewalt in Amerika : „Schießereien gehören zum Alltag“

  • -Aktualisiert am

Eine Waffenmesse in Texas (Archivbild) Bild: AFP

In Amerika stehen die Jugendlichen gegen die Waffenlobby auf. Besonders in armen Gegenden sind schon Kinder mit Waffengewalt konfrontiert – jetzt hoffen sie, dass sich endlich etwas ändert.

          „Diese Kids gehen nirgendwo hin. Ich kann Ihnen das garantieren. Ich kenne diese Energie. Das sind die Kinder und Enkel der Demonstranten aus den 70ern, die Nachfahren von Menschen, die die Rassentrennung zu Fall gebracht haben. Sie werden uns zu großen Veränderungen zwingen.“ Eric Adams ist Bezirksbürgermeister von Brooklyn, und ihn muss niemand davon überzeugen, dass die amerikanischen Waffengesetze geändert werden müssen. Er spricht heute vor Jugendlichen aus dem Stadtteil. Die Lokalpresse ist gekommen, Kameras klicken, Applaus. Ein „Emergency Meeting”, einberufen nach der Attacke an der Marjorie Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida. Siebzehn Menschen sind tot, und seitdem ist der landesweite Protest der Teenager nicht verstummt – im Gegenteil, es gibt die ersten Erfolge: Unternehmen, die der Waffenlobby NRA keine Mitgliederrabatte mehr geben, Geschäfte, die ihre Waffen-Verkaufspolitik endlich ändern. Und ein Präsident, der plötzlich härtere Regeln für den Kauf von Gewehren und Pistolen fordert.

          Darauf haben sie hier in Brooklyn lange gewartet. Und zumindest politisch ist die Sache in der liberalen Stadt offiziell ein Heimspiel. Bezirkschef Adams sagt: „Wir öffnen unser Rathaus für euch, ihr könnt den Raum nutzen, um euren Protest zu organisieren.“ Ein Jugendlicher nach dem anderen tritt ans Mikrofon, spricht darüber, dass Waffengewalt im Stadtteil alltäglich sei. Kriminelle, die sich oft genug in Gangs organisieren, haben es besonders auf Jugendliche abgesehen. „Die Leute müssen von den Drogen und von den Gangs weg, aber wir müssen auch dagegen kämpfen, dass sie so leicht an Waffen kommen“, sagt Ray’niece Holloway, die sich in der Anti-Gewalt-Initiative „Man Up“ engagiert.

          Die Waffenhersteller verdienen an den Kriminellen, die Polizei rüstet mit dem Argument auf, dass die Straßengangs es tun – und auch daran verdienen wieder die Unternehmen. Die NRA blendet diesen Kreislauf der Gewalt gern aus – und in den landesweiten Nachrichten tauchen die täglichen Opfer nur selten auf. „Hier in Brooklyn kämpfen viele Teenager gegen Gewalt. Nur passiert das, ohne dass sie vom ganzen Land gehört werden. Das ist keine Kritik am Protest der Jugendlichen aus Parkland, im Gegenteil. Aber es geht darum, welche Stimmen gehört werden und welche bislang nicht“, sagt Dominique Carson von „Man Up“.

          Teenager aus armen Familien leben gefährlich

          Dort, wo Touristen nicht hinfahren, ist Brooklyn alles andere als hip – oftmals ist es einfach trostlos, besonders für Kinder und Jugendliche. Ein solcher Ort ist Canarsie am südlichen Rand des Stadtteils. Gentrifizierung und der Glamour von Manhattan sind hier sehr weit weg. Einfache Holzhäuser bieten wenig Schutz gegen die Kälte, die kleinen Läden sind zum Teil dürftig zusammengezimmert, windschief, angefressen von der salzigen Luft – die Strände von Rockaway sind nicht weit, Möwen kreischen. Auf dem Rockaway Parkway die üblichen Ein-Dollar-Läden und ein paar von den Ketten, für die es sich lohnt, hier vertreten zu sein: „Pay Less Shoe Source“.

          Besser nicht so lange filmen, sagt eine Frau auf der Straße freundlich. „Die Leute werden schnell sauer.“ Die Mülleimer quellen über, an einer dreckigen Hauswand erinnert ein Papierschild an einen Toten, „R.I.P.“ steht da, und: „Love“, mit zwei nicht entzifferbaren Daten. Vielleicht ein erfrorener Obdachloser, vielleicht eines der vielen Opfer von Waffengewalt im Stadtteil. Sogar die Straßen sind hier schlechter. Kein Wunder: Die Steuern gehen in Amerika oftmals an die Bezirke, in denen sie gezahlt werden. Wertvoller Grundbesitz bedeutet hohe Steuern – dann sind die Schulen besser und die Müllabfuhr kommt jeden Tag.

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