http://www.faz.net/-gpf-9acz7

Journalist Luke Harding : „Trump ist kompromittiert“

  • -Aktualisiert am

Eine freundliche Zusammenkunft: Putin und Trump auf dem G20-Gipfel in Hamburg im Juli 2017 Bild: AP

Donald Trumps Zurückhaltung dem russischen Präsidenten gegenüber ist auffällig. Der Journalist Luke Harding zeigt sich im FAZ.NET-Interview überzeugt davon, dass Moskau Material gegen ihn hat.

          Sie beschreiben in Ihrem Buch „Verrat“ enge Kontakte von Donald Trump nach Moskau. Ist der amerikanische Präsident für Sie ein Agent Putins?

          „Agent“ ist nicht der richtige Begriff, er löst die falschen Assoziationen aus. Donald Trump führt keine Kosaken-Tänze auf in der Uniform eines Sowjet-Obersts. Entscheidend ist, dass er sowohl als Kandidat, als auch als gewählter Präsident und als vereidigter Präsident eine besondere Verbindung zu Putin hat. Ein Beispiel ist Trumps Zurückhaltung, den Kremlchef zu kritisieren – obwohl er sonst jeden harsch kritisiert, vor allem die Deutschen und ihre Autos. Er ist rüde gegenüber Theresa May, gegenüber dem Bürgermeister von London, Hollywood, gegenüber der New York Times, gegenüber Jeff Sessions – aber es gibt nur einen einzigen Menschen auf diesem Planeten, dem gegenüber er die Freundlichkeit in Person ist – Wladimir Putin. Trump hat die Gewohnheit, sich über die Körpergröße von kleinen Männern lächerlich zu machen und sie, wenn er von ihnen spricht, auch als klein zu bezeichnen; Putin ist sehr klein, aber Trump erwähnt das nie.

          Was ist der Grund für Trumps Charme gegenüber Putin?

          Er ist kompromittiert. Wir haben Belege dafür, dass er in Moskau heimlich auf Video aufgezeichnet wurde. Wir wissen nicht, was auf dem Video zu sehen ist. Vielleicht geht er früh zu Bett und liest eine französische Novelle aus dem 19. Jahrhundert; vielleicht ist zu sehen, wie er eine exotische Erfahrung macht. Was wir wissen, ist, dass der KGB und sein Nachfolger FSB eine lange Erfahrung darin haben, Prominente heimlich auf Video aufzunehmen. Trumps Verbindungen nach Russland gehen eine lange Zeit zurück, bis zu einer Reise 1987. Die hatte noch die sowjetische Regierung organisiert. Und übrigens auch bezahlt. Schon damals wurde er überwacht. Es spricht viel dafür, dass es sich bei Trump um eine „On-off-Operation“ handelt, also der KGB einfach Material sammelte, um ihn einzubinden und Einfluss auf ihn zu nehmen. Im Geheimdienst-Jargon wird das als „kultivieren“ bezeichnet, also als „heranzüchten“.

          Der Journalist Luke Harding war Korrespondent des „Guardian“ in Moskau

          Wie ging es dann weiter?

          Trump wurde weiter „kultiviert“. Intensiviert wurde das während der Obama-Präsidentschaft 2011, 2012 und 2013.

          Gibt es neben dem angeblich kompromittierenden Video auch noch andere Indizien?

          Alle Mitglieder in Trumps erster Mannschaft hatten auf die eine oder andere Art eine Verbindung nach Moskau oder eine russische Dimension. Jeff Sessions, Michael Flynn, Rex Tillerson,  Felix Sater, Paul Manafort oder Carter Page. Für mich wirkte das fast so als habe Moskau Trumps Mannschaft zusammengestellt.

          Das sind aber keine Beweise.

          Am schwersten wiegen die finanziellen Verbindungen. De facto haben Trumps Unternehmen drei Jahrzehnte lang als Waschmaschine für russisches Bargeld funktioniert. Und teilweise als Unterschlupf für russische Gangster. Viele von ihnen lebten in den achtziger und neunziger Jahren im Trump-Tower. Das lässt sich nachweisen. Mehrere von ihnen wurden später verurteilt und kamen ins Gefängnis. Bemerkenswert ist, dass ich all das in meinem Buch schildere, und Donald Trump mich nicht verklagt hat. Es wurden hunderttausend Exemplare verkauft, das Buch war Nummer eins in der „New York Times“-Bestseller-Liste, ich beschuldige ihn darin offen der Geldwäsche. Und er hat nicht reagiert. Es gab noch keinen Brief von einem Anwalt von Trump. Das können Sie interpretieren wie Sie wollen!

          Sie halten Trump also für kompromittiert. Wie weit reicht Ihrer Theorie nach Putins Einfluss auf ihn?

          Sehen Sie sich doch einmal an, was mit Außenminister Rex Tillerson passiert ist. Als der sagte, dass der Giftanschlag auf Sergej Skripal in Salisbury eine Tat des russischen Staats war, und das massiv verurteilte, wurde er zwei Stunden später von Donald Trump gefeuert. Der rechtfertigte die Entlassung später damit, er habe über so einen Schritt schon lange nachgedacht. Aus beste Quellen direkt im Weißen Haus habe ich erfahren, dass Donald Trump einen Wutanfall bekommen hat, als er die Aussage von Tillerson gelesen hat; und war demnach für Argumente nicht mehr zugänglich. Also selbst die Leute im Weißen Haus glauben, dass Trump in einer gewissen Weise die Aufträge einer ausländischen Macht ausführt.

          Das ist harter Tobak…

          Ja, ich weiß, es klingt außerordentlich, wie ein Plot aus einem Roman, aber leider ist es bis zu einem gewissen Grade Realität, und es geschieht direkt vor unseren Augen.

          Sie sehen auch eine Verbindung zwischen dem Mordanschlag auf Skripal und der Arbeit des Sonderermittlers Robert Mueller, der die Einmischung Russlands in den amerikanischen Präsidentenwahlkampf und die Verbindungen zu Trump untersucht. Worin besteht die?

          Der Anschlag ist eine Botschaft der Arroganz und Einschüchterung gegenüber Großbritannien, das keine Freunde mehr hat in Europa, keine guten Beziehungen zu Deutschland, sehr schlechte Beziehungen zu Trump. Der Anschlag ist zweitens eine Botschaft an jeden in Russland, und vor allem in den russischen Geheimdiensten, der es erwägt, mit dem Westen zu kooperieren, und im Besonderen mit Sonderermittler Mueller. Allen solchen potentiellen Überläufern wurde gesagt: „Das wird Euch passieren! Wir werden Euch jagen! Und wir werden Euch bekommen! Und Eure Familie gleich mit! Wenn Ihr uns verratet.“ Zudem war die Tat eine Botschaft an den britischen Geheimdienst MI6, der immer noch ein großer Rivale der russischen Dienste ist. Es war der MI6-Mann Christopher Steele, der das Dossier über Trumps Russlands-Verbindungen zusammenstellte, das enormen Schaden für Moskau bedeutete, für Putins Ansehen.

          Sind die westlichen Reaktionen auf den Anschlag ausreichend?

          Theresa May hat angekündigt, dass Prince William nicht zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Russland kommen wird. Putin weint, die deutsche Nationalmannschaft weint, alle weinen (lacht). Die Ausweisung von Diplomaten ist okay, aber reicht nicht aus. Was entscheidend wäre, ist, die russischen Geldflüsse nach London zu stoppen. Ein Großteil von ihnen entspringt illegalen Quellen. Und in dieser Hinsicht wurden keine ernsten Schritte unternommen. Die wären aber nötig.

          In Deutschland herrscht viel Sympathie für Putin, und viele in der Bundesrepublik glauben nicht an eine Verantwortung Moskaus für den Anschlag auf Skripal. Wie ist das in Großbritannien?

          Die Briten haben seit dem Polonium-Mord an Alexander Litwinenko die Botschaft kapiert: Dass in Moskau ein hässliches, zum Teil mörderisches Regime an der Macht ist, das tut, was es will, egal wo. Amerika hat diese Botschaft leider etwas zu spät verstanden. Und ich bin nicht überzeugt, dass sie in Deutschland überhaupt angekommen sind. Ich würde nicht sagen, dass die Deutschen schwer von Begriff sind, aber es gibt dort eine sehr starke Pro-Putin-Lobby, die auch in Industrie und Geschäftswelt sehr stark ist. Ich glaube deshalb, in Deutschland hat man nicht richtig verstanden, mit wem man es in Moskau zu tun hat.

          Weitere Themen

          Amerikas Rechte stehen hinter Trump

          Nach Treffen mit Putin : Amerikas Rechte stehen hinter Trump

          Donald Trump muss für sein Treffen mit Wladimir Putin Kritik von allen Seiten einstecken. Der rechte Teil seiner Basis steht hinter ihm – auch, weil viele Unterstützer der „Alt-Right“ eigene Verbindungen nach Russland haben.

          Gegen Trumps Einwanderungspolitik Video-Seite öffnen

          Ein Zeichen setzen : Gegen Trumps Einwanderungspolitik

          Mit Puppen in Käfigen will die Künstlerin Marilyn Miller in der Nähe eines New Yorker Parks ein Zeichen gegen die harte Einwanderungspolitik von Donald Trump setzen. Die Trennung von Eltern und Kindern habe sie zum Weinen gebracht.

          Topmeldungen

          Kommunikationschef : Trumps neuer Mann im Weißen Haus

          Bill Shine ist Donald Trumps neuer Kommunikationschef. Der ehemalige Vize-Präsident von Fox News wird in Gerichtsverfahren beschuldigt, im Sender eine frauenfeindliche Kultur gefördert zu haben.

          Salvini verklagt Saviano : Minister der Unterwelt

          Der italienische Innenminister Matteo Salvini von der Lega verklagt den Mafia-Rechercheur Roberto Saviano. Seine Klage kündigt er per Twitter an, als sei das alles sehr spaßig. Dabei ist es todernst. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.