http://www.faz.net/-gpf-8yhjf

Amerikanische Präsidentschaft : Trump macht Amerika klein und China groß

Donald Trumps Ausstieg aus dem Pariser Abkommen könnte Amerika isolieren und China stärken. Bild: AP

Die Vereinigten Staaten machen dank Donald Trumps Politik China den Weg frei zur Weltführung. Gleichzeitig treibt der Präsident sein Land in die internationale Isolation.

          Auffallend locker und gut gelaunt trat der chinesische Ministerpräsident diese Woche in Berlin und Brüssel auf. Nach seinem Treffen mit den EU-Spitzen erlaubte Li Keqiang sich sogar einen Scherz. Kommissionspräsident Juncker hatte seinen Ausführungen ohne Simultanübersetzung gelauscht. Es liege aber nicht an überragenden Chinesisch-Kenntnissen, stellte der Luxemburger am Ende klar, sondern an einem kaputten Empfänger. Darauf Li mit theatralischer Geste: „Not made in China.“ So endete der EU-China-Gipfel in herzlichem Gelächter, obwohl es vorher keineswegs konfliktfrei zugegangen war.

          Auf dem Weg zur Weltführung

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die gute Laune des chinesischen Gastes hatte einen einfachen Grund: Für sein Land ist nun der Weg frei, die Führung in der Welt zu übernehmen. Donald Trump will das Pariser Klimaschutzabkommen verlassen und hat die Vereinigten Staaten mit dieser Entscheidung isoliert. Sie wenden sich ab von 194 Partnern, die daran festhalten wollen; viele haben das in aller Deutlichkeit gesagt. Dagegen bekundete kein einziges Land Interesse an einem neuen Deal mit Trump. In der Gegnerschaft zu Paris bleiben ihm nur Syrien und Nicaragua als Partner. Die Präsidenten Assad und Ortega also, zwei Personen, die Washington schon mal loswerden wollte. Welcome to the Trump Club!

          Mit dem Rückzug aus dem Pariser Abkommen gibt Trump nicht nur die nationalen Klimaschutzziele auf. Es geht dabei auch um einen Fonds, der auf hundert Milliarden Dollar anwachsen soll. Mit diesem Geld wollen die Industriestaaten jenen Entwicklungsländern unter die Arme greifen, die am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen sind. Der Fonds bleibt bestehen, doch Trump spart zwei Milliarden Dollar, die sein Vorgänger zugesagt, aber noch nicht eingezahlt hatte. Diese Summe ist lächerlich gering für ein Land wie Amerika – 0,01 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die politischen Kosten dieser Kündigung sind aber viel höher. Amerika stößt seine Partner vor den Kopf, es stiehlt sich aus der Verantwortung.

          Amerika in der Isolation

          Der Weg zum Pariser Abkommen war so schwer, weil es eben nicht allein um Klimaschutz ging, sondern um Wachstumschancen. Die Entwicklungsländer verzichten darauf, so schonungslos zu wachsen, wie es die Industriestaaten getan haben. Ein Durchbruch wurde erst möglich, als China und Indien anerkannten, dass sie auf der Schwelle stehen und als größte Verschmutzer so nicht weitermachen können. Diese Einsicht wurde befördert durch das Eigeninteresse: Was nutzt die prächtigste Skyline, wenn man in den Straßen nicht mehr atmen kann? In ungezählten Verhandlungsrunden wurden Interessen vermittelt und ausgeglichen, jeder musste sich bewegen.

          Trump redet über dieses Meisterwerk der Diplomatie so, als handle es sich um eine Weltverschwörung gegen Amerika. In Paris hätten alle aus Freude über den wirtschaftlichen Schaden für sein Land applaudiert – das hat er ernsthaft behauptet. So wie er ja schon im Wahlkampf twitterte, China habe sich den Klimawandel ausgedacht, um Amerikas verarbeitende Industrie zu schwächen. Widerlegt wurde er nun auf dem Fuße: von den vielen Bürgermeistern und heimischen Unternehmern, die am Klimaschutz festhalten wollen, ja, damit sogar gutes Geld verdienen.

          Make China great again?

          Den anderen Staaten bleibt die Hoffnung, dass selbst ein Trump die Gesetzmäßigkeiten der Marktwirtschaft nicht außer Kraft setzen kann. Obendrein wird der Austritt erst nach der nächsten Präsidentenwahl rechtskräftig – so viel Atem hat das Weltklima noch. Trotzdem wird Trumps Nachfolger das Rad der Geschichte nicht einfach zurückdrehen können, weder in vier noch in acht Jahren. Dieser amerikanische Präsident hat sich für die Isolation entschieden, dafür, sein Land – im Weltmaßstab - kleiner zu machen. Und Peking wird den Platz lächelnd einnehmen: Make China Great Again.

          Europa muss sich in dieser Welt neu orientieren. Die bisherige Strategie ist gescheitert: im Schulterschluss mit Amerika jene Normen zu setzen, an denen sich China orientieren muss. Das wird es mit Trump im Klimaschutz so wenig geben wie beim Handel, bei den Sozial- und Industriestandards. Das Projekt eines transatlantischen Freihandelsabkommens ist tot, der Vertrag über eine transpazifische Freihandelszone ebenso. Beides hätte Chinas Gestaltungsmacht begrenzt.

          Unser Angebot für Erstwähler
          Unser Angebot für Erstwähler

          Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

          Zum Angebot

          Europa muss nun wenigstens in der Handelspolitik versuchen, zum neuen Pol des verbliebenen Westens zu werden. Es gibt ja auch noch Japan, Brasilien und Kanada. Doch wird all das nicht reichen, um China einzuhegen. Die Europäische Union wird sich Peking weiter annähern müssen. Im besten Fall gelingt es ihr, im Gegenzug die eigenen Anliegen voranzubringen: die weitere Öffnung des chinesischen Marktes, die Eindämmung der russischen Expansion und eine Stabilisierung Afrikas. Peking kann ja ein Partner sein. Seinen Aufstieg verdankt es nicht der Losung „China First“, sondern leisen Tönen und klugen Allianzen, geschmiedet zum wechselseitigen Vorteil und doch stets das nationale Interesse im Blick.

          Quelle: F.A.S.

          Weitere Themen

          Hongkongs virtueller Friedhof Video-Seite öffnen

          China : Hongkongs virtueller Friedhof

          Beerdigungen können im chinesischen Hongkong äußerst kostspielig sein. Ein Start-up bietet nun eine digitale Lösung, die deutlich günstiger ist.

          Topmeldungen

          F.A.Z. exklusiv : Lindner: Wir fühlten uns gedemütigt

          Im Interview mit der F.A.Z. spricht der FDP-Vorsitzende über die Gründe für den Ausstieg aus den Jamaika-Sondierungen. Vor allem einer Partei wirft Christian Lindner fehlende Kompromissbereitschaft vor.
          Keine Zeit für Grokodilstränen: Sigmar Gabriel und Martin Schulz am Dienstag im Bundestag

          SPD nach Jamaika-Aus : Einmal Opposition und zurück

          Nach dem Paukenschlag wird in der SPD noch einmal neu nachgedacht. Es gelte, Neuwahlen zu vermeiden – heißt es hinter vorgehaltener Hand. Behutsam müsse man die Partei auf eine Regierungsbeteiligung vorbereiten. Nur wie?
          Heute ein seltenes Phänomen: Steiger in Deutschland.

          Letztes Bergwerk im Ruhrgebiet : Schicht im Schacht

          Auf Prosper-Haniel, der letzten Zeche im Ruhrgebiet, bereiten sich die Arbeiter auf die Schließung vor. Von 2700 Mitarbeitern werden viele in den Vorruhestand gehen, andere sich neue Jobs suchen. Die Pumpen unter Tage aber müssen weiterlaufen – für immer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.