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Deshalb sind geheime Infos geheim : „Trump hat bewiesen, wie naiv er ist“

  • -Aktualisiert am

Donald Trump amüsiert sich mit seinem Besuch, dem russischen Außenminister Sergej Lawrow und dem russischen Botschafter Sergej Kisljak Bild: dpa

Welche Folgen hat Trumps mutmaßliche Weitergabe von hochsensiblen Informationen für die weitere Arbeit der Geheimdienste? Hat er der Terrorismusbekämpfung nachhaltig geschadet? Nicht nur das, meint Terror-Experte Peter Neumann im Gespräch.

          Herr Neumann, Präsident Trump hat hochsensible Geheiminformationen an den russischen Außenminister Lawrow und den Botschafter Sergej Kislyak weitergegeben.  Das ist zwar nicht illegal, gilt aber als extrem gefährlich. Warum?

          Weil es sich um Informationen der allerhöchsten Geheimhaltungsstufe handelt, die noch geheimer als streng geheim sind. Sie stehen vermutlich nicht einmal einem Dutzend Mitarbeiter des Geheimdienstes zur Verfügung, viele haben gar keinen Zugang zu diesen Informationen. Sie wurden von einem Partner-Geheimdienst zur Verfügung gestellt. Sein Verhalten hat Amerika keinerlei Vorteile eingebracht, wohl aber einige Schwierigkeiten.

          Welche meinen Sie?

          Erstens wissen die Russen jetzt, welche Quellen die Amerikaner in der Region haben. Zweitens waren ausländische Partner-Geheimdienste, die mit den Vereinigten Staaten zusammenarbeiten, ohnehin schon skeptisch gegenüber Trump. Sie sind jetzt wahrscheinlich noch zurückhaltender, wenn es darum geht, den Amerikanern Informationen zur Verfügung zu stellen. Und drittens weiß der „IS“ nun, dass es in einer bestimmten Stadt, die Trump wohl genannt hat, einen Verräter in der Führung gibt. Das ist hochproblematisch. Es war jahrelang ein riesiges Problem, dass die amerikanischen Geheimdienste keine Informationen aus dem „Islamischen Staat“ bekommen konnten, da es äußerst schwierig war, dort Spione zu rekrutieren. Die Enthüllung eines für Amerika arbeitenden Agenten im IS ist deshalb sehr kritisch. Der „Islamische Staat“ hätte nichts davon erfahren sollen.

          Um was für Leute handelt es sich bei diesen Spionen? Ist es überhaupt möglich, Mitarbeiter von Geheimdiensten beim IS einzuschleusen?

          Ich vermute, dass es Leute aus einem arabischen Geheimdienst waren. Da kommen die Saudis oder Jordanien infrage. Dass Trump gleich am Dienstagmorgen mit dem jordanischen König telefoniert hat, haben viele so interpretiert, dass er sich bei diesem entschuldigen wollte. Eine andere Theorie lautet, dass es sich um saudische Geheimdienste handelt, da diese sehr gut aufgestellt sind. Auch gab es aus ihren Kreisen viele IS-Kämpfer, sodass es leichter für die Saudis sein muss, Agenten einzuschleusen.

          Welche Gefahren drohen dem Agenten, sollte er im IS-Gebiet enttarnt werden?

          Es würde wohl wieder eine medienwirksame Hinrichtung verbreitet werden, um weitere Agenten abzuschrecken. Ich vermute, dass sich die Quelle gar nicht in der Führung selbst befindet, sondern wahrscheinlich in der Abteilung, die sich mit externen Operationen beschäftigt. Man muss nur bedenken, was für wichtige Informationen durch diese Quelle an die Amerikaner weitergegeben wurden, zum Beispiel das Wissen über die Bedrohung durch Sprengsätze in Laptops. Ohne diese Quelle gäbe es die Information vermutlich nicht.  Selbst wenn sie weiter mit Trump zusammenarbeiten sollten, müssen die Partnergeheimdienste extrem vorsichtig sein, um diese Person zu schützen.

          Der Terrorismus-Experte Peter Neumann forscht am Londoner King’s College zum Thema Radikalisierung.
          Der Terrorismus-Experte Peter Neumann forscht am Londoner King’s College zum Thema Radikalisierung. : Bild: dpa

          Ist es wahrscheinlich, dass die Quelle auffliegt?

          Das ist nicht unwahrscheinlich. Vermutlich kommen nicht mehr als ein Dutzend Leute in Frage und die werden jetzt möglicherweise genau durchleuchtet. Das weiß ich natürlich nicht genau, aber gefährlich ist es für die Quelle.

          Welchen Einfluss haben Geheiminformationen aus dem IS-Gebiet überhaupt auf die Kriegsführung des Westens?

          Die Informationen aus menschlichen Quellen sind nach wie vor sehr wichtig. Durch technische Mittel können Fähigkeiten wie militärische Ausrüstung und Aufstellung des „Islamischen Staats“ ermittelt werden. Sämtliche Kommunikation wird durch die NSA überwacht. Um aber Absichten, Pläne und  Strategien zu ergründen, werden menschliche Quellen benötigt. Dafür sind speziell arabische Partner essentiell. Wenn man diese Zusammenarbeit aufs Spiel setzt, geht unheimlich viel verloren. Die große Mehrheit an Informationen, die menschlichen Quellen entstammen, haben die Vereinigten Staaten wohl über Partner-Dienste erhalten.

          Amerikanische Regierungsmitarbeiter befürchten auch, dass Russland die Geheiminformationen nutzen und Informationsquellen aufdecken könnte. Ist das wahrscheinlich?

          Ich persönlich halte das für die kleinere Gefahr. Besorgniserregend ist eher Trumps verantwortungsloser Umgang mit hochsensiblen Informationen. Wie geht er dann mit anderen Informationen um, die Russland direkt betreffen? Das ist die vorrangige Befürchtung.

          Wird Trumps Verhalten Konsequenzen für ihn haben?

          Trump ist die einzige Person in den Vereinigten Staaten, die solche Informationen weitergeben darf, ohne eine Straftat zu begehen. Eine Einschränkung seines Rechts darauf, in alle Informationen einsehen zu dürfen, kann es nicht geben. Die Konsequenzen sind eher außenpolitische. Das Vertrauen der Partnergeheimdienste ist beschädigt. Trump hat bewiesen, wie naiv und unerfahren er im Umgang mit Nationaler Sicherheit ist.

          Warum hat das Trump das dann getan?

          Ich glaube nicht, dass das eine absichtliche Aktion war. Vielleicht hat er einfach nur angeben wollen. Aber die Aktion zeigt, dass sich Donald Trump seiner Rolle als mächtigster Mann der Welt, der über Krieg und Frieden entscheidet, nach wie vor nicht bewusst ist.

          Der Politologe Peter Neumann ist Terrorismusexperte und Terror-Sonderbeauftragter der Sicherheitsorganisation OSZE. Er sagte bereits 2011 vor dem Geheimdienstausschuss des US-Repräsentantenhaus als Zeuge zum Thema Terrorismusbekämpfung aus.

          Quelle: FAZ.NET

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