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Veröffentlicht: 20.09.2016, 05:57 Uhr

Nach Explosionen in Amerika Wahlkampf im Terror-Modus

Sie wartete ab, er urteilte vorschnell. Sie forderte Besonnenheit, er Härte. Hillary Clinton hat zuletzt eigentlich wenig falsch gemacht – und doch dominiert Donald Trump die Debatte zur inneren Sicherheit nahezu nach Belieben.

von Simon Riesche, New York
© AP Treibt Clinton in Sachen Terror und Sicherheit vor sich her: Donald Trump bei einem Auftritt am Montag in Florida.

„Good job, man“. Der Polizist, der an der Kreuzung der 47. Straße und der First Avenue im Osten Manhattans am Montagmittag den An- und Abfahrtsweg der Delegationsfahrzeuge des UN-Gipfels bewacht, weiß zunächst gar nicht, wie ihm geschieht. Wildfremde Passanten, die gerade noch stumm auf ihre Smartphones geschaut hatten, strecken ihm die Hand entgegen und klopfen ihm freundlich auf die Schulter, so sehr freuen sie sich über die so eben bekannt gewordene Festnahme des gesuchten Terrorverdächtigen Ahmad Khan Rahami. „Ach, wir haben den Typen also geschnappt“, freut sich der Beamte dann auch über die Nachricht, von der er zuvor noch gar nichts mitbekommen hatte.

Donald Trump, republikanischer Präsidentschaftskandidat, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits via Twitter allen Ermittlern und Polizeikräften in New York und New Jersey gratuliert. „Großartige Arbeit“ hätten diese geleistet, „stolz“ sei man auf Amerikas Strafverfolgungsbehörden. Nicht wenige Beobachter glauben allerdings, dass es Trump im Wettstreit mit seiner demokratischen Rivalin Hillary Clinton wohl durchaus, auch wenn er das natürlich selbst niemals zugeben würde, gut gelegen gekommen wäre, wenn die Suche nach Rahami noch etwas länger gedauert hätte. Terrorangst als Wahlkampfthema „hilft Trump und schadet Hillary“, sagt auch Karl Rove, einst mächtiger Berater des früheren Präsidenten George W. Bush, kein Trump-Freund, aber jemand der sich auskennt, mit erfolgreichen republikanischen Kampagnen.

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Fest steht: Das zurückliegende Terrorangst-Wochenende hat den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf noch einmal verschärft, vor allem aber hat es die Unterschiede zwischen Clinton und Trump noch einmal deutlich aufgezeigt. Schon die ersten Reaktionen der beiden Kandidaten auf die dramatischen Ereignisse hätten schließlich kaum unterschiedlicher ausfallen können. Als noch überhaupt nicht klar sein konnte, um was für einen Vorfall es sich genau bei der Explosion im New Yorker Stadtteil Chelsea am Samstagabend gehandelt hatte, sprach Trump im fernen Colorado bereits von einer „Bombe, die in New York explodiert sei“ und einem Ereignis, auf das man „hart“ reagieren müsse. Clinton wiederum blieb betont sachlich und verwies darauf, dass es „wichtig“ sei, „die Fakten über einen solchen Vorfall zunächst genau zu kennen“ und die Ermittler, die herauszufinden versuchen, was passiert ist, bestmöglich zu unterstützen.

Trump sieht sich bestätigt

Dass Trump nun im Lichte der aktuellen Erkenntnisse über den mutmaßlichen Attentäter aus New Jersey mit den afghanischen Wurzeln für sich reklamiert, mit seiner, wenn auch nur angedeuteten Erstinterpretation der Ereignisse am Ende Recht behalten zu haben, dürfe Clinton besonders ärgern. Zumal ihr Gegenspieler seine vorschnelle Reaktion in den Medien und auf Wahlkampf-Veranstaltungen vor allem unter dem Stichwort „Urteilsvermögen“ zu vermarkten versucht.

© AFP, reuters Anschlag in New York: Polizei nimmt Verdächtigen fest

Während er, Trump, um die wahre Terrorgefahr im Land wisse, versuche die politisch überkorrekte Clinton ihre eigenen Fehleinschätzungen schönzureden, so seine lautstark vorgetragene Version, immer wieder versehen mit Verweisen auf Clintons politische Vergangenheit in Obamas Kabinett: „Hillary Clintons Schwäche aus ihrer Zeit als Außenministerin hat Terroristen auf der ganzen Welt ermutigt.“

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