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Steve Bannon in Zürich : Der Prophet der Revolte

Bild: dpa

In Washington ist der ehemalige Trump-Flüsterer in Ungnade gefallen, doch bei seinem ersten Auftritt in Europa zeigt sich Steve Bannon entspannt. Er sei hier, um zu lernen. Dazu gehört auch ein Treffen mit einer deutschen Politikerin.

          Nein, der Teufel werde nicht auf der Bühne stehen, verspricht Roger Köppel, Chefredakteur der „Weltwoche“. Aber es werde jemand sein, der mit seinen Ansichten den Mut gehabt habe, gegen die „Mainstream-Meinung“ aufzustehen und der es geschafft habe, Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten zu machen. Und als müsse er sich rechtfertigen, Donald Trumps ehemaligen Chefberater Steve Bannon nach Zürich eingeladen zu haben, versichert er den Zuschauern noch schnell, Bannon sei einer der derzeit interessantesten Menschen.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Bannon betritt die Bühne so, wie er immer aussieht: Etwas zerknautschte helle Hosen, ein ausgebeultes Jackett über einem dunklen Hemd und ein unrasiertes Gesicht. Doch das Äußere ist bei ihm nur Fassade. Was wirklich in ihm steckt, eröffnet sich dem Zuhörer, wenn er spricht. Sympathisch, humorvoll, einnehmend redet er rund dreißig Minuten auf diesem „Free Speech Summit“.

          Auch wenn Bannon derweil in Amerika bei Weitem nicht mehr so einflussreich ist, wie er es bis Anfang des Jahres noch war, so hört man aus seinen Worten doch immer noch jenen Donald Trump heraus, der im amerikanischen Wahlkampf drei Punkte rauf und runter betete, die Bannon ihm mitgegeben hatte: Die Bürger müssen ihre Souveränität vom „Establishment“ zurückerobern, Jobs müssen in das eigene Land zurückkehren und Amerika muss sich aus den „sinnlosen Kriegen“ im Nahen Osten zurückziehen.

          Schimpfen auf Hillary kommt gut an

          Mit diesen drei Punkten kann der ehemalige Chefredakteur der rechten Nachrichtenseite „Breitbart“ auch bei den Zuschauern in Zürich punkten. Für jeden einzelnen gibt es Szenenapplaus, was Bannon zwingt, seine Ausführungen kurz zu unterbrechen. Geradezu enthusiastisch wird das Publikum – das sowohl vom Alter, vom Geschlecht als auch von der politischen Einstellung her, soweit sich diese am Äußeren festmachen lässt, gut durchmischt ist – wenn er gegen Hillary Clinton wettert, die „korrupteste Politikerin, die wir je hatten“. Und das in der Schweiz, die weder etwas mit der amerikanischen Wahl noch mit der demokratischen Kandidatin zu tun hatte.

          Bannons Botschaft fällt auf fruchtbaren Boden. Das „System“, wie es jetzt sei, könne so nicht fortbestehen. Es werde eine populistische nationalistische Revolte geben und auch Unruhen. Das liege daran, dass die arbeitende Bevölkerung, verunglimpft als „deplorables“, nicht mehr dazu bereit sei, sich von der „permanenten politischen Klasse“ unterbuttern zu lassen. In Bannons düsterer Weltsicht ist diese Revolte dringend notwendig, ansonsten drohe ein „Marxismus“, der alles zerstören werde, wofür die Mittelschicht geschuftet habe. Die Leute müssten endlich erkennen, dass sie in einer Art moderner Sklaverei gehalten würden. Die von den Menschen jeden Tag produzierten geistigen Inhalte – Daten – würden ihnen von den großen Firmen – Facebook, Amazon, Google – genommen, um sie in der Sklaverei zu halten. Es gehe um die Freiheit des Einzelnen, die endlich zurückgewonnen werden müsse, so Bannon.

          Populisten in Europa

          In Amerika werde dieser Anspruch der „einfachen Menschen“ von Donald Trump erfüllt. Aber auch in Europa sieht Bannon entsprechende populistische Bewegungen: in Frankreich den Front National, in Deutschland die AfD, in Italien habe gerade eine Mehrheit der Wähler gegen das Establishment gestimmt und in Ungarn gebe es Victor Orban, einen „großen Patrioten und großen Helden“.

          In seiner Botschaft bleibt Bannon sich also auch nach seinem Abgang aus dem Weißen Haus und dem Rausschmiss bei „Breitbart“ treu. Geändert hat sich hingegen seine Sichtweise auf Donald Trump. Hatte er nach dessen Wahl laut dem Skandalbuch „Fire and Fury“ noch lauthals damit geprahlt, Trump zum Präsidenten gemacht zu haben und das Hirn von dessen Operation zu sein, klingt das mittlerweile gesetzter: Trump habe die Wahl allein gewonnen. Er, Steve Bannon, und die anderen Berater hätten ihm lediglich die Türen geöffnet und Trump Trump sein lassen. Das habe genügt. Auch wenn sie nicht mehr miteinander redeten und Trump unfreundliche Dinge über ihn auf Twitter schreibe, „liebe“ er „den Kerl“ noch immer.

          Im Vorwahlkampf habe der spätere Präsident sich gegen das beste Bewerberfeld der Republikaner seit langem durchgesetzt, so Bannon. Selbst zusammen hätten die anderen Kandidaten Hillary Clinton nicht besiegen können. Doch Trump sei „durch sie gefahren wie eine Sichel durch Gras“. Er sei „eine panzerbrechende Granate gegen die permanente politische Klasse“, und deshalb habe er die Wahl gewonnen.

          Trotz solcher Aussagen ist Bannon momentan beim amerikanischen Präsidenten nicht wohl gelitten. Die Überheblichkeit und die herabsetzenden Äußerungen über Familienmitglieder, die der Journalist Michael Wolf ihm in seinem Buch „Fire And Fury“ in den Mund legt und von denen Bannon sich nicht distanziert hat, haben wohl zu einem längeren Zerwürfnis geführt.

          Balsam auf Bannons Seele

          Umso lieber scheint er da in Europa gesehen zu werden. In den vergangenen Tagen sei er durch Italien gereist, er werde noch weiter hier bleiben und sich auch Asien anschauen, um zu lernen, sagt er. Von ihm lernen wollte dagegen die AfD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag Alice Weidel, die Bannon zu einem Gespräch in einem Züricher Hotel traf. Auch der freundliche Empfang bei seiner Rede und die alles andere als kritischen Fragen des rechtskonservativen Politikers Köppel dürften ihm gefallen haben. Für einen Mann mit einem solchen Ego war das sicher Balsam auf die verwundete Seele.

          Von einer dauerhaften Übersiedlung nach Europa sprach Bannon aber nicht. Womöglich auch, weil er als wichtiger Zeuge des Sonderermittlers Robert Mueller in der Russlandaffäre des Präsidenten gilt. Doch darum ging es am gestrigen Abend leider überhaupt nicht. Der Einzige, der mit Bannon nicht übereinstimmte, schien im Nieselregen vor der Halle zu stehen: Ein einsamer Demonstrant mit einem Schild – „Nazi go Home“.

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