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Neue Verschwörungstheorie : Die kruden Phantasien von „Q“

  • -Aktualisiert am

Ein Mann hält ein „Q“ hoch und wartet Anfang August in Pennsylvania auf den Einlass zu einer Wahlkampfveranstaltung der Republikaner, bei der auch Donald Trump spricht. Bild: dpa

Bei Veranstaltungen von Donald Trump halten Anhänger neuerdings Schilder mit dem Buchstaben „Q“ hoch. Dahinter steckt eine absurde Verschwörungstheorie – die zeigt, wie irrational der politische Diskurs in Amerika werden kann.

          QAnon – was klingt wie der Name einer Selbsthilfegruppe, ist die neueste rechte Verschwörungstheorie in Amerika. Angefangen hat alles auf der Internetplattform 4chan. Dort tauschen sich seit Jahren Anhänger der Alt-Right-Bewegung und der „Manosphere“, der Männerrechtler also, aus. Zahlreiche Verschwörungstheorien und Hass-Threads zeugen von den ins Politische gewendeten Aggressionen und Abstiegsängsten vieler User. Ein anonymer Nutzer, der sich in Anspielung auf die Sicherheitseinstufung „Q“ nennt, postet hier seit dem vergangenen Oktober. „Q“ behauptet, eine Person – oder gar mehrere – aus der hohen Verwaltungsebene der Trump-Regierung zu sein. Als solcher habe er natürlich Zugang zu geheimen Infos.

          Der User verbreitet wilde Phantasien darüber, was sich alle Präsidenten bis auf den jetzigen hätten zuschulden kommen lassen: Da geht es um dunkle Machenschaften und internationale Kindervergewaltigerringe – und die Schuldigsten sind der frühere Präsident Barack Obama, die Clintons und der liberale Milliardär George Soros. Der erste Post des Nutzers „Q“ handelte davon, dass Hillary Clinton kurz vor ihrer Verhaftung stehe: „Richtet Euch auf massive Unruhen ein“, war da zu lesen.

          „Habt Vertrauen in den Plan!“

          Donald Trump ist der Held der QAnon-Anhänger. „Q“ bekämpft angeblich den sogenannten Deep State, eine vermeintliche Verschwörung innerhalb des Regierungsapparates, die für eine beliebige Anzahl von Dingen verantwortlich sein soll – von Steuererhöhungen über Korruption bis zum Machterhalt liberaler Eliten, die bestimmte Universitäten besucht haben. Trump sei „Q“ zufolge angetreten, um dem „Deep State“ endgültig den Garaus zu machen – und er höre auf „Q“.

          Manche Anhänger glauben sogar, dass der Präsident selbst der anonyme Nutzer ist. Laut dem Magazin „Vice“ ist eine Lieblingsphrase der QAnon-Fans: „Habt Vertrauen in den Plan!“ Demzufolge dient alles, was Trump tut, dem Kampf gegen den „Deep State“ und den Kindervergewaltiger-Ring. Auch die Russland-Ermittlungen sind in dieser Phantasiewelt nur ein Fake, um den wahren Kampf zu verschleiern.

          Die Fans dieser Geschichten bestätigen sich immer wieder gegenseitig in ihrem gemeinsamen Glauben daran, dass eine rücksichtslose Klasse von Milliardären und Millionären das Land kontrolliere. Dass sich ihre Phantasmen hier zumindest zum Teil mit der Realität überlappen, könnte ihren Erfolg mit erklären. Schließlich ist die amerikanische Politik tatsächlich abhängig von Großspendern und viele Menschen können sich weder die Ausbildung noch die Krankenversicherung leisten, die sie sich wünschen. Die Frustration über reale Missstände paart sich mit mangelnder Bildung und Ressentiments gegen einzelne Gruppen – was Populisten wie Donald Trump hilft, hilft oftmals auch den wildesten Verschwörungstheoretikern.

          Trolle brauchen Aufmerksamkeit

          Seit Neuestem schwappt QAnon sogar aus dem Internet in die „echte Welt“ hinüber: Auf Veranstaltungen mit Donald Trump wurden schon Anhänger mit „Q“-T-Shirts und -Schildern gesichtet. Seitdem bekommen die wilden Geschichten von „Q“ jede Menge Medienaufmerksamkeit. Whitney Phillips von der Syracuse University, die das Online-Trolling und Verschwörungstheorien untersucht, warnte im britischen „Guardian“ davor, „Q“ zu viel Aufmerksamkeit zu geben. Die Trolle und die Medien hätten eine „symbiotische Beziehung“: „Trolle brauchen Journalisten, um ihre Attacken zu verstärken (und sie finden die Berichterstattung lustig), und einige Journalisten brauchen die Trolle, damit sie etwas Sensationelles zu berichten haben.“

          Das Treiben von „Q“ sollte man also besser ignorieren, meinen manche Beobachter. Schließlich schieße es so sehr ins Absurde, dass es unwahrscheinlich sei, dass jemand es ernst nehmen könne. So soll unter anderem John F. Kennedy jr. seinen Tod nur vorgetäuscht haben und unlängst auf einer Trump-Veranstaltung gesichtet worden sein. Doch es gibt zu viele Menschen, die diesen Phantasien Glauben schenken – und das Weitertragen dieser „Theorien“ untergräbt nach Meinung mancher Fachleute das Vertrauen vieler Bürger in die demokratischen Institutionen. Sie zu ignorieren, sei daher gefährlich.

          Wer ist „Q“ wirklich?

          Donald Trump selbst befeuerte die Spekulationen, als er die Theorie weiter verbreitete, sein Vorgänger Barack Obama sei nicht in den Vereinigten Staaten geboren. „Pizzagate“ war eine andere solche Verschwörungstheorie im Wahlkampf – dabei sollten Mitglieder der Demokraten, inklusive Hillary Clinton, einen erfundenen Pädophilenring unterstützt haben, der aus einer Pizzeria in Washington operiert habe.

          Die wachsende Beliebtheit von „Q“ zeigt vor allem Probleme in der amerikanischen politischen Kultur und in der republikanischen Partei auf, deren Anhänger sich zum Teil mit diesen Phantasien befassen. Konservative verbreiten seit Jahren unbewiesene Verschwörungstheorien, unter anderem im Sender Fox News. Da hieß es etwa mehrfach von eingeladenen Fachleuten, dass das „Gerede vom Klimawandel“ eine Verschwörung sei.

          „Q“ soll angeblich eine Quelle aus der Regierung sein

          Faktisch unterstützten selbst die konservativen Mainstream-Medien dauernd Verschwörungstheorien, kommentierte die „Washington Post“: „Sie zeichnen ein Bild, in dem die Gesellschaft durchsetzt ist von einer Verschwörung nach der anderen: eine Verschwörung liberaler Professoren, um eure Kinder einer Gehirnwäsche zu unterziehen, eine Verschwörung liberaler Journalisten, die Nachrichten zu manipulieren, eine Verschwörung von Liberalen in Hollywood, um eure Werte zu korrumpieren, eine Verschwörung in der Regierung, um Trump zu zerstören. Egal, wer an der Macht ist, da draußen versuchen immer noch mehrere Verschwörungen, euch zu schaden.“ QAnon wäre dann nur die extremste Form eines rechten politischen Diskurses, den manch einer in der Partei schon lange für sich nutzt.

          Wer „Q“ wirklich ist, wird sich vielleicht nie herausfinden lassen. Auf der Suche nach der Wahrheit spinnen einige ihre eigene Verschwörungstheorie: „Buzzfeed News“ spekulierte, ob „Q“ ein Streich sei, den die Linke den Trump-Anhängern spielen wollte. Um zu zeigen, wie sehr die „Alt-Right“ außer Kontrolle geraten könne und wie groß ihr Bedarf an Hassgeschichten sei, hätten vielleicht linke Anarcho-Trolle „Q“ erfunden.

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