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Mexiko liefert „El Chapo“ aus : Den Staatsfeind zum Frühstück

Joaquín „El Chapo“ Guzmán nach der Landung in Amerika Bild: dpa

Mexiko hat den mächtigen Drogenboss „El Chapo“ an Amerika ausgeliefert. Ist das ein Abschiedsgeschenk an Obama? Oder eine Morgengabe für dessen Nachfolger?

          Am Ende ging alles ganz schnell. Am Mittwoch wies das Oberste Gericht in Mexiko-Stadt den Antrag der Rechtsanwälte von Joaquín Guzmán, genannt „El Chapo“ („der Kurze“), zur Befassung mit dem Fall zurück. Damit ging die Rechtssache zurück an das zuständige Bundesgericht in der mexikanischen Hauptstadt. Und das entschied noch am Donnerstagnachmittag, dass die Auslieferung des einst mächtigsten aller Drogenbosse des Landes an die Vereinigten Staaten rechtens sei.

          Matthias Rüb

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Schon wenige Stunden nach dem Urteil in letzter Instanz saß der 59 Jahre alte frühere Boss des Sinaloa-Kartells im Flugzeug der mexikanischen Luftwaffe, das ihn von der Grenzstadt Ciudad Juárez im Norden Mexikos nach Long Island im amerikanischen Bundesstaat New York brachte. Noch am Freitag, dem Tag der Amtseinführung des 45. amerikanischen Präsidenten in Washington, wurde „El Chapo“ einem Bundesrichter in Brooklyn vorgeführt. Bei seiner ersten gerichtlichen Anhörung plädierte er auf nicht schuldig. Mit leiser Stimme beantwortete er die Fragen des Richters James Orenstein, der dem Drogenboss zuvor 17 Anklagepunkte vorgetragen hatte.

          Im Prozess wird sich der kaum 1,68 Meter große „Kurze“ wegen des Vorwurfs des Mordes, des Drogenhandels und der Geldwäsche im großen Stil verantworten müssen. Orenstein setzte die nächste Anhörung auf den 3. Februar fest. Unklar ist noch, wann der Prozess gegen „El Chapo“ tatsächlich beginnen könnte – Bundesrichter Orenstein bezeichnete den Fall als komplex.

          Drogenboss : Mexiko liefert „El Chapo“ an Amerika aus

          In insgesamt sechs amerikanischen Bundesstaaten liegen Anklagen gegen „El Chapo“ vor. Die Todesstrafe droht ihm nicht. Denn Mexiko hatte dem Auslieferungsbegehren Washingtons im vergangenen Mai nur unter der Bedingung zugestimmt, dass bei einem Prozess gegen „El Chapo“ im Nachbarland nicht die in Mexiko verbotene Höchststrafe verhängt werde.

          Ist es ein Zufall, dass die Überstellung „El Chapos“, der schon Anfang der neunziger Jahre erstmals von einem Gericht in Kalifornien angeklagt worden war, am Vorabend von Donald Trumps Vereidigung erfolgte? Handelte es sich um ein Abschiedsgeschenk Mexikos an den scheidenden Präsidenten Barack Obama? Oder gar um eine Morgengabe für dessen Amtsnachfolger Trump, der doch im Wahlkampf Mexiko und die Mexikaner wüst beschimpft hatte? Weder noch, versicherte Alberto Elías Beltrán von der Generalstaatsanwaltschaft in Mexiko-Stadt. Der Fall Guzmán habe ganz normal alle Instanzen durchlaufen und sei nun eben gerade am Donnerstag zum Abschluss gekommen. Außerdem werde „El Chapo“ nach Mexiko zurückkehren und daheim vor Gericht gestellt werden, wenn er seine Strafe in den Vereinigten Staaten verbüßt habe.

          Kehrtwende in der Haltung Mexikos

          Weder das eine noch das andere werden in Mexiko viele glauben. Die Überstellung „El Chapos“ sei „ganz klar als Signal zu verstehen, dass die mexikanische Regierung mit den Vereinigten Staaten zusammenarbeiten will“, sagt der Politologe Jorge Chabot vom Centro de Investigación y Docencia Económicas in Mexiko-Stadt. Die Frage sei allenfalls, ob Trump das Angebot annehmen und seine Strategie gegenüber Mexiko ändern werde. „Wir wissen es nicht“, sagt Chabot.

          Schon die grundsätzliche Zustimmung zur Überstellung Guzmáns an die Vereinigten Staaten vom Mai 2016 hatte eine Kehrtwende in der Haltung der mexikanischen Regierung unter Präsident Enrique Peña Nieto markiert. Kurz nach der neuerlichen Festnahme von „El Chapo“ vom Januar 2016 hatte der damalige Generalstaatsanwalt Jesús Murillo getönt, eine Überstellung in die Vereinigten Staaten komme allenfalls in Frage, wenn Guzmán in Mexiko abgeurteilt worden sei und seine Strafe in einem mexikanischen Gefängnis verbüßt habe – „also in etwa 300 bis 400 Jahren“. Natürlich hängt die nun doch deutlich früher erfolgte Auslieferung „El Chapos“ mit dessen Vorgeschichte als ungekrönter Ausbrecherkönig unter Mexikos Drogenbossen zusammen. Im Juni 1993 wurde Guzmán, der in den achtziger Jahren das Sinaloa-Kartell zur mächtigsten Drogenbande Mexikos aufgebaut hatte, in Guatemala erstmals festgenommen und an Mexiko ausgeliefert.

          „Worst Hombres" als Antrittsgeschenk

          1995 wurde er zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Doch am 19. Januar 2001 gelang ihm – versteckt in einem Wäschewagen und unterstützt vom bestochenen Wachpersonal – die spektakuläre Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis Puente Grande im Bundesstaat Jalisco. 2009 schätzte die Wirtschaftszeitschrift „Forbes“ das Vermögen Guzmáns auf mindestens eine Milliarde Dollar. „El Chapos“ Sinaloa-Kartell kontrollierte zu jener Zeit rund die Hälfte des gesamten Drogenschmuggels von und über Mexiko in die Vereinigten Staaten. Dort wurde er 2013 zum „Staatsfeind Nummer eins“ erklärt – ein „Ehrentitel“, der zuvor nur dem amerikanischen Gangsterboss Al Capone verliehen worden war.

          Im Februar 2014 wurde „El Chapo“ nach 13 Jahren auf der Flucht abermals verhaftet und in das Hochsicherheitsgefängnis Altiplano im Bundesstaat México gebracht. Seine zweite Flucht vom Juli 2015, durch einen anderthalb Kilometer langen Tunnel unter seiner Zelle, gilt bis heute als unerreichtes Husarenstück. Präsident Peña Nieto beklagte die Flucht „El Chapos“ seinerzeit als „unverzeihlich“. Ein halbes Jahr später, am 8. Januar 2016, konnte Guzmán nach einer Schießerei in einem abgelegenen Dorf in seinem Heimatstaat Sinaloa wieder eingefangen werden. Zuletzt dürfte ihm seine Eitelkeit zum Verhängnis geworden sein: Wenige Wochen zuvor hatte er in seinem Versteck im Hügelland von Sinaloa dem Hollywood-Star Sean Penn und der mexikanischen Schauspielerin Kate del Castillo ein Interview gegeben.

          Präsident Trump hatte während des Wahlkampfs über illegale mexikanische Einwanderer gesagt, unter ihnen seien viele Kriminelle und Vergewaltiger. Man werde solche „bad hombres“ schon bald nach seinem Amtsantritt in Massen nach Mexiko abschieben. Nun hat ihm die Regierung des tief verunsicherten Nachbarlands erst einmal einen von Mexikos „worst hombres“ als eine Art Antrittsgeschenk übergeben.

          Quelle: F.A.Z.

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