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Vor Amtsübernahme : Mexiko hat Angst vor dem „Horrorfilm Trump“

Ende September protestierten diese mexikanischen Musiker in Mexiko-Stadt gegen Donald Trump – wie man weiß, vergebens Bild: dpa

Mexiko steckt schon jetzt in einer tiefen Krise – doch mit Donald Trump als Nachbarn droht das Land endgültig in Agonie zu verfallen. Kurz vor Trumps Amtsübernahme bereitet sich die Regierung auf das Schlimmste vor.

          José Porfirio Díaz, langjähriger Präsident des 19. Jahrhunderts, ist Schöpfer des berühmtesten Sprichworts mexikanischen Selbstmitleids: „Armes Mexiko, so fern von Gott und so nah an den Vereinigten Staaten“. Kaum je seit den Tagen des mexikanisch-amerikanischen Krieges von 1846 bis 1848, bei dem Mexiko mehr als die Hälfte seines Territoriums an den Nachbarn aus dem Norden verlor, war die Sentenz so wahr wie heute.

          Matthias Rüb

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Jedenfalls steckt Mexiko wenige Tage vor der Amtseinführung von Donald Trump in einer tiefen Krise und ist buchstäblich von Gott und der Welt verlassen. Das hat nicht nur mit dem 45. amerikanischen Präsidenten zu tun. Aber Trump hat den Absturz verschlimmert und beschleunigt, noch ehe er überhaupt ins Weiße Haus eingezogen ist. Am Dienstag fiel die mexikanische Landeswährung auf einen historischen Tiefstand von 22 Peso gegenüber dem Dollar. Die Nationalbank in Mexiko-Stadt versuchte, mit dem Verkauf mehrerer Milliarden Dollar gegenzusteuern. Zuvor hatte Trump versichert, er werde die im Wahlkampf versprochene „Mauer“ an der Grenze zu Mexiko in jedem Fall rasch bauen lassen. Selbst wenn der Grenzwall vom amerikanischen Steuerzahler vorfinanziert werden müsse, werde man später die Kosten etwa durch Zölle für mexikanische Ausfuhren in die Vereinigten Staaten vom Nachbarn zurückholen, sagte Trump.

          Hinzu kommen Trumps Drohungen an amerikanische Unternehmen – besonders in der Automobilindustrie –, er werde sie mit hohen Strafzöllen für Exporte aus Mexiko nach Amerika für ihre ökonomische Fahnenflucht bestrafen. Prompt hat Ford eine schon angelaufene Investition von rund 1,6 Milliarden Dollar in ein Werk im zentralmexikanischen Bundesstaat San Luis Potosí zum Bau des Kleinwagens Focus auf Eis gelegt und will stattdessen in einem Werk in Michigan 700 neue Arbeitsplätze schaffen.

          Trump will Nafta auf den Prüfstand stellen

          Trump begrüßte die Entscheidung von Ford bei seiner Pressekonferenz am Mittwoch in New York ausdrücklich und äußerte die Erwartung, auch General Motors (GM) und der japanische Marktführer Toyota würden diesem Beispiel folgen statt weiterhin so viele Autos für den amerikanischen Markt in Mexiko bauen zu lassen. Daraufhin kündigte Toyota Investitionen von zehn Milliarden Dollar in den Vereinigten Staaten an – und eben nicht in Mexiko. Auch der italienisch-amerikanische Konzern Fiat-Chrysler erwägt die Reduktion oder gar die Aufgabe seiner Fahrzeugproduktion in Mexiko. Das sei „durchaus möglich“, sagte Konzernchef Sergio Marchionne bei der Automesse in Detroit.

          Erste Pressekonferenz : Trump will Mauer zu Mexiko sofort bauen

          Dabei ist die Automobilindustrie nur der Anfang. Trump will das gesamte, seit 1994 geltende nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta auf den Prüfstand stellen. Denn er ist der Überzeugung, dass Nafta vor allem dem Handelspartner Mexiko unfaire Vorteile bringe – wegen der dortigen deutlich niedrigeren Löhne. Die mexikanische Volkswirtschaft ist in den 23 Jahren seit Inkrafttreten von Nafta immer enger mit der amerikanischen verwachsen. Jeden Tag tauschen die Nachbarländer Waren und Dienstleistungen im Wert von knapp anderthalb Milliarden Dollar aus. Vier Fünftel aller mexikanischen Ausfuhren gehen ins nördliche Nachbarland. Umgekehrt stammt gut die Hälfte der Direktinvestitionen in Mexiko aus den Vereinigten Staaten. Die Überweisungen von mexikanischen Migranten aus Amerika in ihre Heimat erreichten im vergangenen Jahr die Rekordhöhe von 27 Milliarden Dollar; das waren allein gut zwei Milliarden mehr als 2015. Die „Remesas“ aus den Vereinigten Staaten sind schon seit Jahren die mit Abstand größte Devisenquelle für Mexiko, noch vor den Erlösen aus dem Ölexport und dem Fremdenverkehr und auch vor den Direktinvestitionen.

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