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Amerika nach Kongresswahlen : So weiblich wie nie zuvor

Bild: dpa

Die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten hat viele Frauen auf die Barrikaden getrieben – und etliche dazu bewogen, sich selbst zur Wahl zu stellen. Das Ergebnis ist historisch.

          Über wenig ist bei der amerikanischen Linken seit Donald Trumps Sieg vor zwei Jahren so hitzig diskutiert worden wie über den Sinn oder Unsinn von „identity politics“: Hatten Trump und die Republikaner womöglich recht, als sie den Demokraten vorwarfen, zu oft spezifische Botschaften auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen zuzuschneiden, also beispielsweise auf Afroamerikaner, Einwanderer aus Lateinamerika, Frauen, Homosexuelle oder andere sexuelle Minderheiten? Oder ist dieser Vorwurf bloß eine Finte der Republikaner, um den Demokraten einen Strick daraus zu drehen, dass sie unter ethnischen oder sexuellen Minderheiten viel populärer sind? Trump behauptet jedenfalls, er richte seit jeher ein und dieselbe Botschaft an alle Amerikaner. Dass sich davon in besonderem Maße weiße Männer mit niedrigem Bildungsstand angesprochen fühlen, streiten Konservative ab oder akzeptieren es zumindest nicht als Gegenbeweis.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Wie so viele Streitfragen haben die Demokraten auch diese nie beantwortet: Sollen sie sich jetzt erst recht an jene Gruppen wenden, die sich von Trumps Kabinett der (mit wenigen Ausnahmen) weißen Männer nicht vertreten fühlen? Oder müssen sie sich zunächst um Trumps „vergessene Männer und Frauen“ in der teilweise deindustrialisierten, vom gesellschaftlichen Wandel überrollten Fläche kümmern, die damit hadern, dass Amerika bald kein mehrheitlich weißes Land mehr ist?

          Mindestens 112 Frauen sind im neuen Kongress

          Nach den Zwischenwahlen zögerten Wortführer der Demokraten jedenfalls nicht, nach altem Muster mit einer Reihe „historischer“ Durchbrüche zu prahlen. So ziehen erstmals zwei Frauen ins Repräsentantenhaus, die Indianerstämmen  angehören.

          Hat Geschichte geschrieben: Rashia Tlaib (Mitte) ist eine der ersten beiden Musliminnen im Kongress.

          Auch Musliminnen gibt es im neuen Kongress zum ersten Mal; eine der beiden ist zugleich das erste Kongressmitglied mit somalischen Wurzeln. In Colorado übernimmt zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte ein bekennender Schwuler ein Gouverneursamt.

          Besonderes Augenmerk gilt einer Gruppe, die zwar im Kongress, aber nicht in der Gesellschaft eine Minderheit ist: den Frauen. Schon bevor alle Ergebnisse bekannt waren, stand am Mittwoch fest, dass dem neuen Kongress so viele Frauen wie nie zuvor angehören werden: mindestens 112, wahrscheinlich mehr als 120 – insgesamt besteht der Kongress aus 435 Abgeordneten und 100 Senatoren.

          Der gewachsene Frauenanteil geht überwiegend, aber nicht ausschließlich auf Erfolge der Demokratischen Partei zurück; beispielsweise in Tennessee hat die Tea-Party-Republikanerin und vehemente Trump-Unterstützerin Marsha Blackburn den Sitz des nicht mehr angetretenen Republikaners Bob Corker ergattert. In Missouri und North Dakota mussten sich demokratische Senatorinnen männlichen Herausforderern geschlagen geben; in Nevada nahm eine Demokratin einem Republikaner den Sitz ab.

          Trumps Wahl im Jahr 2016 hatte der progressiven Frauenbewegung einen enormen Schub gegeben. Zum einen brachten die frauenfeindlichen Sätze und die Belästigungsvorwürfe gegen den Republikaner, der überraschend die erste Präsidentschaftskandidatin einer großen Partei besiegt hatte, Frauen auf die Barrikaden. Zum anderen elektrisiert Feministinnen die Sorge, dass die Republikaner die Mehrheitsverhältnisse am Obersten Gericht verändern und dort dann womöglich das seit 1973 geltende Recht auf Abtreibung eingeschränkt werden könnte. Am 21. Januar 2017, dem Tag nach Trumps Amtseinführung, protestierten in Washington und vielen anderen Städten Hunderttausende Frauen gegen Trump und für Frauenrechte. So viele Amerikaner sind seither nie wieder gegen Trump auf die Straße gegangen. Christinnen beispielsweise, die Trump kritisch sehen, aber auch Abtreibung ablehnen, fühlten sich auf den Kundgebungen ohnehin nicht willkommen.

          In den Vorwahlen kandidierten nach Zählung eines einschlägigen Forschungsprojekts an der Rutgers University 428 Demokratinnen und 162 Republikanerinnen; am Dienstag standen von ihnen 210 Demokratinnen und 63 Republikanerinnen zur Wahl. Unter den demokratischen Kandidatinnen gehörten etwa ein Drittel ethnischen Minderheiten an. Beobachter heben hervor, dass nicht nur mehr Frauen denn je kandidiert hätten, sondern dass viele von ihnen auch selbstbewusster „als Frauen“ angetreten seien: indem sie beispielsweise ihre Kinder nicht versteckt, sondern in den Mittelpunkt gerückt hätten, oder beispielsweise die Gesundheitspolitik als Frauenfrage intoniert hätten.

          Viele demokratische Bewerberinnen versuchten auch, Wasser der #MeToo-Bewegung auf ihre Mühlen zu lenken und sprachen von eigenen Erfahrungen mit sexueller Belästigung oder Missbrauch durch Männer. Wissenschaftler sagen, Kandidatinnen gäben häufiger an, wegen eines bestimmten Themas in die Politik zu gehen. Männer sagten häufiger, dass sie anträten, um ein Amt zu erlangen und dem Land zu dienen.

          Alexandria Ocasio-Cortez zieht mit gerade mal 29 Jahren als jüngste Frau in den Kongress ein.

          Als jüngste Abgeordnete aller Zeiten zieht Alexandria Ocasio-Cortez aus New York ins Repräsentantenhaus ein, die vor wenigen Wochen ihren 29. Geburtstag gefeiert hat. Sie gehört der Gruppe „Demokratische Sozialisten Amerikas“ an und ist schon zu einem Fernsehstar geworden, der auch in anderen Wahlkreisen für dezidiert linke Kandidatinnen geworben hat.

          Ihre Fraktion möchte auch künftig die fast 40 Jahre ältere Demokratin Nancy Pelosi führen. Sie war 2007 zur ersten weiblichen „Speaker of the House“ gewählt worden, musste sich nach der für die Demokraten verheerenden Zwischenwahl 2010 aber mit der Rolle der Minderheitsführerin begnügen. Für viele Konservative ist Pelosi Inbegriff einer radikalen Linken. Doch in einer nicht nur jüngeren, bunteren und weiblicheren, sondern auch linkeren Demokraten-Fraktion könnte sie auch diese Rolle einbüßen.

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