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Presseschau : „Die Vereinigten Staaten stehen am Abgrund“

  • Aktualisiert am

„Trump-Schock“: ein Zeitungsverkäufer in Mexiko Stadt Bild: AFP

„Trump gewinnt und Amerika verliert“: So urteilen die meisten Medien über den Ausgang der amerikanischen Präsidentenwahl. Ein Überblick.

          Die „New York Times“ stellt in einem Leitartikel unter der Überschrift „Donald Trumps Revolte“ die Frage: Wer ist der Mann, der der 45. amerikanische Präsident sein wird? Und gibt keine wirkliche Antwort: „Nach anderthalb Jahren erratischer Tweets und faselnder Reden, können wir nicht sicher sein. Wir wissen nicht, wie Herr Trump die grundlegenden Aufgaben der Exekutive ausführen wird. [...] Wir wissen nicht, ob er die Fähigkeit hat, sich auf irgendein Problem zu konzentrieren und zu einer rationalen Lösung zu kommen. Wir wissen nicht, ob er die geringste Ahnung hat, was es bedeutet, das größte Atomwaffenarsenal der Welt unter seiner Kontrolle zu haben.“

          Trump sei der am schlechtesten vorbereitete Präsident der modernen Geschichte, schreibt die „New York Times“. Er habe alle Regeln der amerikanischen Politik in Frage und damit die Republikanische Partei auf den Kopf gestellt. Die „New York Times“ zweifelt daher, dass die Republikaner Trumps rachsüchtige Impulse unter Kontrolle halten werden. Und kommt zu dem Schluss: „Die Vereinigten Staaten stehen am Abgrund.“

          In der „Washington Post“ schreibt die Cartoonistin Ann Telnaes: „Trump gewinnt und Amerika verliert“. Darunter steht das Titelbild des satirischen Politromans „Das ist bei uns nicht möglich“ von Sinclair Lewis – mit dem abgeänderten Titel: „Es ist bei uns einfach passiert“.

          In einem Leitartikel schreibt die „Washington Post“: „Es ist nicht nötig, sich über die Frage Gedanken zu machen, ob Donald Trump jemals eine Atombombe einsetzen würde. Er hat es gerade getan.“ Die Ankündigung, ein Präsident aller Amerikaner sein zu wollen, komme nun viel zu spät. Zu groß sei der Schaden, den Trump bereits angerichtet habe. Autor Tom Toles beschreibt Trump als Narzissten, der alle „Kollateralschäden“ in Kauf nehme, um seine Karriere voranzutreiben. „Und jetzt sind die Vereinigten Staaten sein Kollateralschaden“.

          Der britische „Guardian“ bezeichnet Trumps Sieg in seinem Leitartikel als „Schwarzen Tag für die Welt“ und „globales, politisches Erdbeben“. Sollte Trump seine („vielen und leichtsinnigen“) Wahlkampfankündigungen wahrmachen, wäre das ein erdbebengleicher Bruch in der von Amerika dominierten liberalen Weltwirtschaft und der globalen politischen Ordnung, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus das 21. Jahrhundert zu dominieren schien. In Europa könne Trumps Triumph Nationalisten stärken – zur Freude von Moskau und Damaskus. „Zuallererst aber ist das eine amerikanische Katastrophe, die Amerika sich selbst zuzuschreiben hat.“

          Vier Punkte führt der „Guardian“ auf, die nun zu befürchten sind. Erstens eine „ungezügelte konservative Agenda“, die Rassen-, Gender- und Geschlechterfragen weit über das Ende von Trumps Amtszeit hinaus beeinflussen könnte. Zweitens, dass Trumps Hetzkampagnen gegen Einwanderer, Muslime, Schwarze, Latinos und sein unterschwelliger Antisemitismus das Land spalten und in Brand setzen könnten. Drittens stellt der „Guardian“ infrage, ob Trump tatsächlich einen wirtschaftlichen Plan hat, um die Lebenssituation der armen Bevölkerungsteile zu verbessern, auf deren Wut er seinen Wahlkampf aufgebaut hatte. Und viertens fürchtet der „Guardian“ um die Welt. Trumps Fähigkeit zu destabilisieren sei fast grenzenlos. Seine militärischen, diplomatischen, sicherheits- und umweltpolitischen Maßnahmen hätten allesamt das Potential, die Welt zum Schlechteren zu wandeln. „Die Amerikaner haben in dieser Woche etwas sehr gefährliches getan.“

          Die französische „Le Monde“ eröffnet ihren Leitartikel, der auch auf in englischer Sprache online zu lesen ist, mit einer Aufzählung von Fakten, die nüchtern betrachtet eigentlich klar gegen die Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten sprechen müssten. Das Blatt vergleicht den Wahlsieg des umstrittenen Republikaner mit einem Erdbeben, das die Spielregeln der westlichen Demokratie neu definieren werde. „Le Monde“ bescheinigt dem Immobilienmilliardär ein „diabolische politische Intelligenz“. Er habe verstanden eine Führungsfigur darzustellen, die sich zuerst gegen seine eigene Partei und dann gegen den demokratischen Gegner gestellt habe.

          „Le Monde“ schließt den Leitartikel mit einer wichtigen Lektion, die die traditionellen Parteien aus dem unerwarteten und in den Umfragen nicht vorhergesagten Sieg Trumps lernen könnten: Sie müssten achtsamer sein. Das sei umso bedeutender, weil diejenigen, die diese „Stimmen wütender Proteste“ repräsentierten – sei es Trump oder seine Klone in Europa – keinerlei Idee und Vorstellung hätten, wie sie die komplexen Probleme lösen wollten. Deswegen sei es als zukunftsweisende Warnung zu verstehen, dass Trumps Sieg auf die Brexit-Abstimmung folge. In dieser neuen Welt nach den Wahlen in Amerika sei alles möglich. Auch die Aussicht, dass die extreme Rechte die Macht übernimmt. Eine Möglichkeit, die Frankreich immer noch nicht erkennen wolle.

          Die schweizerische „Neue Zürcher Zeitung“ betont in ihrem Artikel „Die Rache der Vergessenen“, wie sehr die Umfragen abermals daneben lagen: Vor allem die weiße Unter- und Mittelschicht im nördlichen Industriegürtel des Mittleren Westens hat dem Außenseiter den Weg zum Erfolg geebnet. Es war eine Art Wiederholung des Brexit-Referendums in Großbritannien. (...) Den Durchbruch schaffte Trump aber genau mit jener Wählerschaft, die er mit seinen provokativen, oft beleidigenden Aussagen direkt angesprochen hatte: die früher gewerkschaftlich linke, weiße Unter- und Mittelschicht, die sich von den Eliten in Washington, von Wall Street und von der Demokratischen Partei verraten und verkauft fühlte und in Trump jene Figur sah, die ihrem Schmerz und ihrer Perspektivlosigkeit ein trotziges „Nein, wir verschwinden nicht einfach!“ entgegenschleuderte.

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