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Veröffentlicht: 22.12.2016, 12:28 Uhr

Künftiger Präsident Trump Die Deutschen sollten keine Angst haben

Nach der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten ist klar: Wer heute nach Vernunft sucht, muss nach Deutschland schauen. 70 Jahre nach Kriegsende muss man sich hierzulande vor einer Führungsrolle nicht mehr fürchten. Ein Gastbeitrag.

von Susan Neiman
© AFP Ist von ihm eine vernünftige Politik zu erwarten? Amerikas nächster Präsident Donald Trump

Schon die ersten Titelbilder nach der Wahl in Amerika waren erstaunlich.  Auf dem Titel des „Spiegel“ wurde Donald Trump als großer flammender Asteroid dargestellt, der auf unseren kleinen Planeten zurast; darunter steht „Das Ende der Welt“, relativiert allerdings mit dem Zusatz „wie wir sie kennen“. Doch letzteres wird kleingeschrieben, in Klammern gesetzt; die Botschaft ist schon eine andere. Wie viele andere deutsche Medien griff die „Zeit“ zu einer trauernden Freiheitsstatue; umso markanter war die Schlagzeile, auf schlichtem Englisch: „Oh My God!“. Faschismusvergleiche, auf die Deutsche sonst allergisch reagieren, werden in vielen Zeitschriften gezogen.

43940005 © Privat Vergrößern Susan Neiman ist Direktorin des Einstein Forums in Potsdam

Inzwischen werden wir in Kommentaren gemahnt, weniger dramatisch zu werden beim Ausblick auf vorerst vier Jahre Trump im Weißen Haus. Einige, die den Details der Präsidentenwahl nicht gefolgt sind, sind der Meinung, man müsse demokratische Prozesse respektieren. Der Hang zur Normalisierung ist verständlich: wer will schon jeden Morgen mit dem Gedanken aufwachen, dass die Welt in eine Krise geraten ist, die kein Mensch zu lösen weiß? Diesem Hang hat die Kanzlerin widerstanden, als sie am Tag nach Trumps Wahlsieg eine beispiellos undiplomatische Rede gehalten hat, in der sie Hillary Clintons Bezwinger an alle Werte der westlichen Welt erinnerte, die er während seiner Kampagne mit Füßen getreten hat. Man kann nur wünschen, dass andere Weltpolitiker den Mut finden, sich ein Beispiel an Angela Merkel zu nehmen. Die Zeit der Diplomatie ist vorbei.

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Seit Monaten wird in den seriösen amerikanischen Zeitschriften darüber debattiert, inwieweit das Attribut „faschistisch“ auf Donald Trump angewendet werden darf. Mit Recht wies Noam Chomsky darauf hin, dass das Wort normalerweise mit einem kohärenten, wenngleich abscheulichen Programm verbunden ist, während Trump an nichts außer sich selbst zu glauben scheint. Doch der Konsens, dass Trumps Methoden wie auch seine Inhalte – insofern es diese gibt – durchaus vergleichbar sind mit denjenigen, die Faschisten und Nationalsozialisten benutzt haben, breitet sich aus. Seitdem Trump Steve Bannon zu seinem Chefstrategen ernannte, gibt es wenige Zweifel.

Ein historisches Beispiel als Trost

Bannon, der erst ein Vermögen bei der Investmentbank Goldman Sachs verdiente, bevor er die Leitung der rechtsradikalen Internetseite „Breitbart News“ übernahm, kann man ohne Zögern einen digitalen Goebbels nennen. Wer noch nicht überzeugt ist, sollte sich die Website anschauen – sowie die Pläne, Büros in Berlin, Paris und Amsterdam vor den dort anstehenden Wahlen zu eröffnen. Auch die Bilder von ausgestreckten rechten Händen, die eine rechtsradikale Rede, die mit den Wörtern „Heil Trump!“ und „Heil Sieg!“ begrüßte, sind ernst zu nehmen. Die Bilder sollte man genau anschauen, denn sie wurden nicht im fernen Alabama oder Wyoming, sondern mitten in Washington D.C. aufgenommen, und sie zeigen nicht arme, bildungsferne Menschen, sondern smarte junge Typen.

43940135 © AFP Vergrößern Trump-Anhänger im Dezember in Alabama

Sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Europa kamen schnelle Erklärungen für Trumps Wahlsieg:  die abgehängten Verlierer der Globalisierung, die an der wachsenden Kluft zwischen Armen und Reichen leiden, haben die ahnungslosen Eliten gestraft. Solche Wähler gab es durchaus bei Trumps Großkundgebungen zu sehen, doch sie machten nur die Hälfte seiner Wählerschaft aus. Die andere Hälfte hatte Jahreseinkommen von mehr als 100.000 Dollar, unter weißen Wählern hatte die Hälfte ein Hochschulabschluss. Obwohl die Geschichte der armen Abgehängten entstanden ist, bevor man tatsächlich Daten hatte, wird sie dennoch aufrechterhalten – ebenso wie der Mythos, dass Hitler hauptsächlich von den Opfern der Arbeitslosigkeit und Inflation unterstützt wurde, statt von Akademikern, die prozentual den größten Anteil der Parteigenossen ausmachte. Die Bequemlichkeit beider Narrative sollten uns stutzig machen, vor allem, wenn sie von Zahlen widerlegt wurden.

In den vergangenen Wochen wird ein anderes historisches Beispiel als Trost angeboten: obwohl die Wahl des Schauspielers Ronald Reagan 1980 die Welt damals schockiert habe, sei er schließlich nicht so schlimm wie befürchtet gewesen. Aber der Trost ist vorschnell. Wenn der Wahlsieg Trumps von Nutzen sein könnte, würde es eine Neubewertung der Heiligsprechung von Reagan fördern. Vergessen wird inzwischen, dass Reagan der Erste war, der die Grenzen zwischen Politik und Entertainment verwischte. Wie Trump zeigte Reagan kein Interesse für die Welt, in der er eine Hauptrolle spielte. Nach dem klar wurde, dass er keine Akten las, haben seine Mitarbeiter kleine Filme gedreht, wenn sie ihn für ein wichtiges Treffen vorbereiten mussten. Da Trumps Aufmerksamkeit auf 140 Zeichen einer Twitter-Botschaft beschränkt ist, werden die Herausforderungen seiner Mitarbeiter noch größer sein. Bisher hat er die Sicherheitsbriefings, die ihm als Fast-Präsident zustehen, abgelehnt. Er meint, er könne alles Wissenswertes aus den Talkshows oder aus den Telefonaten mit anderen Weltpolitikern erfahren.

Reagan war der Anfang

Nicht nur Reagans Mangel an Kenntnissen – und noch schlimmer an Neugierde – wurde im Nachhinein vergessen. Auch der Rassismus, der ihm immer wieder vorgeworfen wurde, ist in Vergessenheit geraten. Reagans Wahlkampfauftritt in der Nähe von Philadelphia, Mississippi – ein Städtchen, das nur dafür bekannt ist, weil drei junge Menschen, zwei davon weiße Juden aus dem Norden, dort 1964 ermordet worden waren, weil sie schwarze Bürger zum Wählen aufzumuntern versuchten – wird oft als Versuch kritisiert, Rassisten zu signalisieren, dass er auf deren Seite stehe. Selbstverständlich hat Reagan dort nicht gesagt, er sei dafür, dass Bürgerrechtler ermordet werden. Sein Appell an „States’ Rights“, die Rechte der Bundesstaaten gegenüber der Regierung aus Washington, griff ein Topos der Rassisten in den Südstaaten auf und konnte als Anbiederung an diese verstanden werden. Mit deren Stimmen hat er dann eine Rassenpolitik unterstützt, die von Unterstützung der Apartheid in Südafrika bis zur Streichung der Sozialhilfe in den Gettos der schwarzen Bevölkerung reichte. Da die Zeiten roher geworden sind, muss Trump nicht so vorsichtig sein: sein künftiger Justizminister Jeff Sessions, Republikaner aus Alabama, wurde in den Reagan-Jahren vom Kongress als zu rassistisch empfunden, um als einfacher Richter bestätigt zu werden.

43940115 © AP Vergrößern Ronald Reagan im Jahr 1982 in West-Berlin

Noch überraschender, vielleicht, ist das Vergessen der Wirtschaftspolitik, mit der Reagan die Kluft zwischen Reichen und Armen in historischem Ausmaß vergrößert hat. Wie Trump beherrschte er die Kunst, Stimmen von Arbeitern für ein Wirtschaftsprogramm zu bekommen, das durch radikale Steuersenkungen einerseits und radikale Kürzungen sozialer Leistungen andererseits den Interessen der Wall Street diente. Wie ein Mann, der gern stolz seine vergoldeten Armaturen zeigt, die Stimmen aus der gleichen Arbeiterschaft  bekommen kann, bleibt noch ein Rätsel, aber die Zeiten, wie gesagt, sind grob geworden.

Dennoch war Reagan der Anfang. Die Geschichte ist nachsichtig mit ihm umgegangen, weil er das Glück hatte, einen Satz vor dem Brandenburger Tor auszusprechen, der zwei Jahre später wahr geworden ist. Für diese Folgen ist er nicht verantwortlich. Dafür hat er eine Wende in der Politik zu verantworten, die zu Trumps Wahl führte. Dass Politik leicht durch Entertainment ersetzbar ist, dass richtig dosierter Rassismus immer diejenigen Wähler anzieht, die Fremden die Schuld für ihre Misere geben möchten, dass Arme wie Reiche für Wirtschaftsprogramme verfänglich sind, die die Schere zwischen beiden vergrößern – all das haben Republikaner von Ronald Reagan gelernt.

Freilich war sein Ton ein anderer, statt den gütigen Großvater werden wir bald einen verwöhnten Spätpubertierenden im Amt haben. Doch auch schönere Töne würden uns heute wenig nutzen, denn die Zeiten, in denen Reagan als harmlos in die Geschichte eingehen konnte, waren dadurch stabiler, dass andere Weltmächte wenigstens von instrumenteller Vernunft geleitet wurden. Wer will das schon heute behaupten?

Eine ironische Umkehrung

Es ist also durchaus richtig, dass die deutschen Medien Alarm schlagen. Hier und da hört man Untertöne von Schadenfreude: so dumm und vulgär sind die Amis also doch. Keine Karikatur des hässlichen Amerikaners könnte Donald Trump tatsächlich gerecht werden; man könnte beim besten Willen den Mann nicht erfinden. Doch auch wenn einige wenige ihre Vorurteile bestätigt sehen, sind die meisten hierzulande wirklich besorgt. Die Ängste über einen möglichen Nato-Austritt decken eine noch größere Angst ab: zum ersten Mal seit 70 Jahren ist es klar, dass Deutschland nirgendwo Sicherheit suchen kann – außer bei sich selbst. Trumps Wahl ist nicht nur ein Angriff auf die wichtigsten Werte, die wir haben, wie die Kanzlerin unterstrich, sondern ein Angriff auf die Vernunft schlechthin. Wer heute bei den Großmächten nach Werten und Vernunft sucht, muss nach Deutschland schauen.

So historisch ironisch diese Umkehrung nun ist, so wahr ist sie auch, und davor soll Deutschland keine Angst haben. Siebzig Jahre Aufbau- und Aufarbeitungsarbeit sind nicht vollkommen, aber sie haben schon Früchte getragen. Es ist jetzt an der Zeit, sich von der Vorstellung zu trennen, der große Bruder jenseits des Atlantiks wird uns vor Fehlern schützen. Deutschland ist schon erwachsen genug, um selbst ein Vorbild zu sein. Es muss es nur erkennen.

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