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Veröffentlicht: 07.04.2017, 18:55 Uhr

Kommentar Trumps kleiner Krieg

Ist das die Geburtsstunde eines Weltpolitikers mit Weitblick? Oder doch nur eine weitere Show eines unter Druck gekommenen Populisten?

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© dpa Befehl zum Angriff: Präsident Trump bei seiner Pressekonferenz in Palm Beach.

Noch einmal, an unseren sehr dummen Anführer, greifen Sie Syrien nicht an. Wenn Sie das tun, werden viele sehr schlimme Sachen passieren, und von dem Kampf haben die USA nichts.“ Der Verfasser dieses Tweets aus dem September 2013 ist inzwischen selbst amerikanischer Präsident. In der Nacht zum Freitag haben amerikanische Streitkräfte auf seinen Befehl hin einen syrischen Luftwaffenstützpunkt angegriffen, der auch von russischen Truppen genutzt wurde. Muss man ihn jetzt ebenfalls einen „sehr dummen Anführer“ nennen?

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Donald Trump macht einem die Beantwortung dieser Frage nicht leicht, denn zwischenzeitlich hatte er seinen Vorgänger im Weißen Haus auch scharf dafür kritisiert, in Syrien militärisch nicht eingegriffen zu haben, obwohl Assad die von Obama gezogene rote Linie überschritten hatte. Der syrische Diktator schlachtete danach mit russischer Unterstützung weiter seine Landsleute ab. Putin hatte Obamas Einladung, zu einer maßgeblichen Kriegspartei in Syrien zu werden, dankend angenommen. Das interventionsmüde Amerika und das so erschütterte wie machtlose Europa schauten zu, wie der Kreml mit eiserner Faust Assads Gegner und mit ihnen ganze Städte niederbombte. Die Hoffnung, dass es so wenigstens zu einer Friedhofsruhe komme, in der man das Schreien von Frauen und Kindern nicht mehr hören würde, trog freilich auch.

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Trump sprach jetzt von „wunderschönen Babys“, die Opfer eines Giftgasangriffs geworden waren, den er Assad zur Last legte. Stellt dieser Vergeltungsschlag aber auch eine Kehrtwende in der amerikanischen Syrien-Politik dar, die weitreichende Folgen für das Verhältnis zu Russland hätte? Eine deutlich konfrontativere Haltung gegenüber Moskau würde die Kalkulationen des Kremls erschweren, der spätestens jetzt weiß, wie unberechenbar der amerikanische Präsident ist. Das westliche Bündnis bekäme in einer solchen Konstellation wieder größere Bedeutung für das Weiße Haus – eine Überlegung, die auch die gemäßigt positiven Reaktionen („nachvollziehbar“) in Berlin und Paris auf den Angriff beeinflusst haben dürfte. Und selbst auf die Beziehungen zu China könnte Trump dann nicht länger nur mit den Augen eines Strafzöllners schauen.

Gerade mit Blick auf Asien muss Trump daran gelegen sein, etwas von der Überzeugungskraft zurückzugewinnen, die er mit allerlei merkwürdigen Äußerungen zur internationalen Politik verloren hatte. Sein Säbelrasseln gegenüber Nordkorea wird das dortige Regime nur dann beeindrucken, wenn es glaubt, dass Trump nicht nur ein Plastikschwert an seiner Hüfte hängen hat – und dass er auch dazu bereit wäre, im Streit um die nukleare Aufrüstung blankzuziehen.

Doch soll man schon glauben, dass Trump in der Nacht zum Freitag als Weltpolitiker mit Weitblick wiedergeboren wurde? Auf den Abschussknopf zu drücken ist noch keine Strategie zur Befriedung des syrischen Hexenkessels. Äußerungen aus Washington zum Syrienkonflikt und zur Zukunft Assads waren bis in die jüngste Vergangenheit voller Widersprüche.

Trumps kleiner Krieg könnte zudem noch andere Gründe haben – innenpolitische. Die Überzeugung „all politics is local“ gab es schon vor Trump, doch ein Populist wie er hängt ihr erst recht an. Trumps Bemühen, sich seinen Anhängern sofort als tatkräftiger Macher zu präsentieren, musste schwere Dämpfer hinnehmen, ob es um die Einreisebeschränkungen oder Obamacare ging. Da ist eine Gelegenheit nicht unwillkommen, bei der man Obama noch einmal die Schuld an allem geben und sich im Gegensatz zu ihm als stählerner Präsident präsentieren kann.

Zudem muss sich die Trump-Administration immer noch des Verdachts erwehren, mit russischer Hilfe an die Macht gekommen zu sein. Den Honeymoon mit Putin beendete Trump mit der von Marschflugkörpern überbrachten Warnung an Assad freilich endgültig. Die Geschosse hätten den russisch-amerikanischen Beziehungen „bedeutenden Schaden“ zugefügt, sagte der russische Präsident.

Auch diese Reaktion konnte nicht überraschen, stört Trump doch Putins Kreise in Syrien – ein wenig. Eine neue Eiszeit muss deswegen nicht zwischen dem Weißen Haus und dem Kreml ausbrechen. Denn auch Trump wird nicht zu einem „sehr dummen Anführer“ werden und sich in einen großen Krieg hineinziehen lassen wollen, in dem Amerika in der Tat nicht viel gewinnen, aber viel verlieren könnte. Nach wie vor verbindet Amerikaner und Russen nicht nur in Syrien der Kampf gegen einen gemeinsamen Feind, den islamistischen Terrorismus, der sich auch in Europa immer wieder mit Schreckenstaten in Erinnerung bringt. In Syrien, aber auch im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wird sich zeigen, wie Putin Trumps Ankündigung interpretiert, dass in einer unruhigen Welt „am Ende Frieden und Harmonie obsiegen werden, solange Amerika für Gerechtigkeit einsteht“. Wer wird ihm diese Zeilen aufgeschrieben haben? Das wäre ein ganz anderer Trump als jener, der die unruhige Welt sich selbst überlassen wollte. Man könnte fast glauben, im Weißen Haus regiere wieder das „business as usual“.

© F.A.Z. Obama und Trump: Präsidenten im Krieg

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Von Volker Zastrow

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