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Außenpolitik 2018 : Droht ein neuer Krieg im Nahen Osten?

Wütend, aber schlecht organisiert: Palästinensische Demonstranten mit Steinschleudern in Ramallah Bild: dpa

Israel hat keine Angst mehr vor den Arabern und schafft Fakten zu seinen Gunsten, sagt der Geostratege Parag Khanna. Europa warnt er im FAZ.NET-Interview davor, sich langfristig ausbeuten zu lassen.

          Herr Khanna, das Jahr 2017 ging außenpolitisch mit einem Paukenschlag zu Ende. Donald Trump erkannte Jerusalem als Hauptstadt Israels an. In der UN-Vollversammlung erhielt er vom Gros der Staatengemeinschaft dafür eine schallende Ohrfeige. Droht 2018 ein neuer Krieg im Nahen Osten?

          Das glaube ich nicht, denn Donald Trumps Anerkennung ändert am Status Quo überhaupt nichts. Die Israelis haben sich längst in Ost-Jerusalem eingeschlichen. Eine Zwei-Staaten-Lösung ist damit unmöglich geworden. Wir sollten außerdem nicht vergessen, dass der Unterschied zwischen Trump und seinen Vorgängern gar nicht so groß ist, wie es den Anschein haben mag. Alle amerikanischen Präsidenten seit 1945 haben die Anerkennung versprochen. Insofern hat Trump nur bestätigt, was längst der Fall ist.

          Dennoch ist die Wut über diesen Ausdruck der Solidarität in der arabischen Welt groß. Unterschätzen Sie nicht deren Wirkung?

          Keine Frage, die Wut ist gewaltig, aber wir leben nicht mehr in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als die arabischen Staaten noch dazu in der Lage waren, den Jom-Kippur-Krieg gegen Israel vom Zaun zu brechen. Selbst für eine blutige Intifada wie in den neunziger Jahren sind die Araber heute nicht mehr koordiniert genug. Israel hat vor der Reaktion der Araber keine Angst – und schafft entsprechend Fakten zu seinen Gunsten.

          Das Schicksal der Palästinenser ist besiegelt?

          Sie haben kaum Handlungsoptionen und werden auch von den arabischen Brudernationen kaum unterstützt. Das Schicksal von Ägypten und selbst von Jordanien ist heutzutage überhaupt nicht mehr mit den Palästinensern in der West Bank oder dem Gaza-Streifen verknüpft. Sie sind auf sich selbst angewiesen und wahrlich in einer undankbaren Situation. Trump hat sich mit ihnen das schwächste Glied des Nahen Ostens ausgesucht.

          Amerikas Außenpolitik nimmt unter Donald Trump deutlich weniger Rücksicht auf Freunde und Verbündete. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel fordert, dass Deutschland sein Verhältnis zu Washington neu ausrichtet. Zu Recht?

          Dieser Schritt ist längst überfällig. Wir sprechen seit mindestens zehn Jahren schon von einer transatlantischen Scheidung. Europa war diesbezüglich bislang unglaublich träge. Insofern können die Europäer Trump fast schon dankbar sein. Er hat mit seinem Kurs massiv dazu beigetragen, den Aufbau einer ordentlichen europäischen Außen- und Verteidigungsunion zu beschleunigen.

          Ankündigungen, mehr internationale Verantwortung zu übernehmen, machen deutsche Regierungsmitglieder für ihr Land ständig. Kommt Berlin diesen Ankündigungen inzwischen auch stärker nach?

          Ich denke schon, dass Deutschland in der Außen- und Sicherheitspolitik eine immer bedeutendere Rolle spielt. In Europa geht ohne Berlin ohnehin wenig bis nichts. Auch an der Peripherie spielt Berlin eine wichtige Rolle, egal ob bei den Bemühungen um einen Waffenstillstand in der Ostukraine oder dem Flüchtlingsabkommen mit der Türkei. Selbst militärisch spielt Deutschland trotz mancher Schwächen der Bundeswehr im Baltikum eine wichtige Rolle. Unterm Strich würde ich sagen, das Glas ist halbvoll.

          Die Liste der Krisen und Konflikte ist deutlich länger. Wenn Sie sich, sozusagen aus der Adlerperspektive heraus, einmal die Herausforderungen anschauen: Worauf sollte Deutschland künftig seine Anstrengungen konzentrieren?

          Eine große Mittelmacht wie Deutschland kann es sich nicht leisten, zu priorisieren. Egal ob Terroranschläge, Flüchtlingsbewegungen, wirtschaftliche Stabilität oder Klimawandel – die großen außen- und sicherheitspolitischen Herausforderungen sind alle miteinander verzahnt und müssen überall angegangen werden.

          Es dürfte aber kaum gelingen, alle Themen in derselben Intensität anzugehen.

          Es ist eine Frage des „Wie“. Deutschland kann nur dann im Konzert neben Amerika und China erfolgreich sein, wenn es seine Rolle als Kernmacht Europas annimmt. Ich bin davon überzeugt, dass das europäische Modell aus Ressourcenteilung und regionalem Frieden für die ganze Welt ein Musterbeispiel ist. Überall wo ich unterwegs bin, egal ob in Afrika oder Asien, gibt es Bestrebungen, dem europäischen Vorbild zu folgen. Als Handelsmacht kann Europa Maßstäbe setzen, als diplomatische Großmacht für Stabilität sorgen helfen – denn im Gegensatz zu Amerika wird den Europäern das nötige Fingerspitzengefühl zugeschrieben. Allerdings bräuchte es auf beiden Feldern noch mehr Selbstbewusstsein. Ansonsten besteht die Gefahr, langfristig ausgebeutet zu werden.

          Parag Khanna ist indisch-amerikanischer Politikwissenschaftler und gegenwärtig Fellow der Robert Bosch Academy Berlin. Sein jüngstes Buch “Connectography. Mapping the Future of Global Civilization“ erschien 2016.

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