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Veröffentlicht: 14.11.2016, 14:15 Uhr

Gründe für Trumps Erfolg Der unbändige Zorn auf die Städter

Viele Wähler aus ländlichen Gegenden Amerikas haben Trump ihre Stimme gegeben. Sie fühlen sich von der Regierung betrogen. Die Gründe dafür kennt die Politikwissenschaftlerin Katherine Cramer.

von Anna-Lena Ripperger
© AP Trump soll den „Politik-Sumpf“ in Washington trocken legen, das wünschen sich viele Menschen im Bundesstaat Wisconsin.

Die Trump-Wähler verstehen – lange vor dem Wahlsieg des republikanischen Kandidaten Donald Trump hat sie genau das versucht. In den vergangenen Jahren fuhr Katherine Cramer immer wieder mit einem Aufnahmegerät durch den Bundesstaat Wisconsin, ein Staat der vor allem von der Landwirtschaft geprägt ist und das erste Mal seit 1988 mehrheitlich für einen republikanischen Präsidentschaftskandidaten gestimmt hat.

Sie wollte herausfinden, wie Menschen auf dem Land über Politik sprechen, und zwar in ihrem Alltag, beim Kaffee, beim Tanken oder im Kuhstall. Cramer ist Professorin für Politikwissenschaft an der Madison University in Wisconsin. Ihr Forschungsschwerpunkt: Wie Menschen Politik verstehen und warum sie wählen, wie sie wählen.

Für sie sind die Trump-Wähler nicht einfach wütend. Die Entscheidung, einem Mann wie ihm zu vertrauen, habe viel mit der Selbstwahrnehmung dieser Wähler zu tun – und mit ihrem Blick auf die Welt, sagt Cramer in einem Interview mit der „Washington Post“. Ihrer Meinung nach würden Forscher zu viel Energie darauf verwenden, herauszufinden, wie Menschen zu bestimmten politischen Themen stünden. Um wirklich zu verstehen, wie Menschen wählten und welche Kandidaten für sie attraktiv seien, sollte man lieber nachvollziehen, „wie sie die Welt und ihren Platz in ihr sehen“.

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Das hat Cramer mit ihrem mehrjährigen Forschungsprojekt versucht. Sie traf sich dafür immer wieder mit Menschen aus den ländlichen Gegenden von Wisconsin. Dabei stieß sie auf etwas, das sie als „rural consciousness“ bezeichnet, als „ländliches Bewusstsein“. Cramers Interviewpartner haben nämlich eines gemeinsam: Sie glauben, dass sie anders sind als die Menschen in den Städten.  Und sie glauben, dass sich niemand aus dem politischen Establishment für sie und ihre Probleme interessiert.

Macht, Geld und Respekt sind ungerecht verteilt

Zur Wut über die in ihren Augen ungerechte Verteilung von Macht und Geld komme bei der ländlichen Bevölkerung Wisconsins aber noch etwas Drittes, sagt Cramer: der gefühlte Mangel an Respekt. Viele ihrer Interviewpartner glaubten, dass die urbanen Eliten auf sie, „die ungebildeten Rassisten vom Land“, herabschauen würden.

Was diese Ressentiments gegen die urbanen Eliten in der Praxis bedeuten, erklärt Cramer im ersten Kapitel ihres Buches „The Politics of Resentment“, die Politik des Ressentiments. Ein Freund habe vor kurzem versucht, an einer Tankstelle in Madison, der Hauptstadt des Bundesstaates Wisconsin, mit einem anderen Fahrer ins Gespräch zu kommen. „Mit Leuten wie Dir rede ich nicht“, habe der nur geantwortet, als er den Aufkleber „Obama 2008“ auf dem Auto des Freundes gesehen habe.

Situationen wie diese seien in Wisconsin nichts Ungewöhnliches mehr, schreibt Kramer. „Die Leute behandeln sich wie Feinde.“ Auch sie selbst hat die Wut auf „die Städter“ bei ihren Interviews gespürt. Die Leute wollten wissen, ob sie als Professorin wirklich arbeite, wenn sie Zeit dafür habe, durch Wisconsin zu fahren, nur um Gespräche zu führen.

Hard-working people

Nicht zu bekommen, was einem zusteht, obwohl man hart arbeitet – diese Wahrnehmung sei ihr in ihren Gesprächen oft begegnet, sagt Cramer. Dieses Gefühl führe unter der ländlichen Bevölkerung nicht nur zum Hass auf Eliten, sondern auch zu Rassismus. Viele rassistische Stereotype drehen sich um die „Faulheit“ bestimmter gesellschaftlicher Gruppen, wie etwa der Afroamerikaner oder der Latinos.

Für Cramer steht fest: Die Republikanische Partei – und in der jüngeren Vergangenheit auch Donald Trump – haben dieses Gefühl in der ländlichen Bevölkerung bewusst verstärkt und den Menschen eingeredet, dass sie von der Regierung und den Eliten tatsächlich um ihren „gerechten Anteil“ betrogen würden. Auch Bernie Sanders habe mit dieser Position Wahlkampf gemacht, sagt Cramer. Anders als Trump habe er aber darauf verzichtet, bestimmte gesellschaftliche Gruppen wie Muslime oder Migranten zu Sündenböcken zu machen.

Mit der Realität hat das Gefühl, nicht fair behandelt zu werden, nicht unbedingt etwas zu tun. Eine Studie der Nachrichtenseite „Mother Jones“ aus dem Jahr 2012 zeigt, dass die Mehrzahl der ländlich geprägten Bundesstaaten von der amerikanischen Bundesregierung  mehr Steuergelder bekommt, als sie gezahlt hat.

Cramer: Es geht nicht um Fakten

Dass gerade jene Menschen, die von der Politik der Regierung eigentlich profitieren, eben diese Regierung hassen, wundert Cramer trotzdem nicht. „Es mag furchtbar klingen, aber es geht nicht um Fakten und politische Strategien.“ Es gehe darum, welches Bild man sich von sich selbst und der eigenen Situation mache – und welches von der der anderen.

Dieser Blick auf die Realität sei auch ausschlaggebend dafür, welche politischen Argumente Menschen für wahr hielten, sagt Cramer. Denn nur wenn jemand einer Quelle vertraue, sei er auch bereit, deren Informationen zu glauben. „Jedes Mal, wenn ein Liberaler Trump-Anhänger als ignorant oder betrogen oder fehlinformiert bezeichnet, trägt das absolut nichts dazu bei, dass der Liberale die Fakten vermittelt, die er vermitteln will.“

Und genau das ist ihrer Meinung nach der Kern von Trumps Erfolg: Er erschien den Menschen – wie etwa den Bewohnern von Wisconsin – glaubwürdig. Er habe ihnen das gesagt, was sie glauben können. Weil es in ihr Weltbild passt.

Den Schluss, den Cramer aus ihrem Forschungsprojekt zieht: Politik sei in Amerika zu einer Frage der persönlichen Identität geworden. Es gehe den Wählern weniger darum, dass jemand ihre politische Prinzipien vertrete. Wichtig sei ihnen, dass die richtige Seite gewinne – ihre Seite. Für viele Wähler war das am Dienstag die von Donald Trump.

© AFP, Reuters Tausende Menschen demonstrieren wieder gegen Trump

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