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Veröffentlicht: 10.08.2017, 10:48 Uhr

Tweet mit Selbstlob Trumps Atomlüge

Größer und mächtiger als je zuvor seien Amerikas Atomstreitkräfte, behauptet Präsident Trump höchstpersönlich. Stimmt das?

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© AP Noch heute das Rückgrat der amerikanischen Nuklearbomberflotte: Eine B-52 „Stratofortress“ hebt 1965 von der Militärbasis Guam im Pazifik ab

Wer Amerikas Präsident auf Twitter folgt und anderen Quellen wenig Glauben schenkt, der könnte ihn für einen äußerst tatkräftigen Oberbefehlshaber halten. Kurz vor Weihnachten hatte Donald Trump angekündigt, die Vereinigten Staaten müssten ihre nuklearen Fähigkeiten stärken und deutlich ausbauen. Gestern dann, just in dem Moment, in dem die Krise mit der spät berufenen Atommacht Nordkorea einem neuen Höhepunkt entgegensteuerte, war es soweit. Das Nukleararsenal Amerikas, twitterte Donald Trump, sei „nun deutlich stärker als je zuvor“. Seine erste Order im Amt sei es gewesen, die Atomstreitkräfte zu modernisieren. Amerikas 45. Präsident ist gerade einmal 200 Tage im Amt. Wer es in so kurzer Zeit schafft, die Atomstreitkräfte auf Vordermann zu bringen, muss ein tatkräftiger Macher sein – könnte man meinen.

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Die Geschichte hat nur einen Haken. An dem Tweet, den Donald Trump seiner „Feuer-und-Wut-Drohung“ in Richtung Nordkorea quasi hinterherschoss, ist nahezu alles falsch. Und auch wenn Trump für Tweets voller falscher Fakten bekannt ist, so spielen dieser hier inmitten der jüngsten Zuspitzung der Nordkorea-Krise doch eine größere Rolle. FAZ.NET hat ihn deshalb einem Faktencheck unterzogen.

„Meine erste Anordnung als Präsident…“

Trumps erste Amtshandlung nach seiner Vereidigung als Präsident hatte nichts mit den Streitkräften zu tun. Er unterzeichnete vielmehr ein Dekret, mit dem er die Abschaffung der von ihm verhassten Gesundheitsreform seines Amtsvorgängers Barack Obama einleiten wollte. Bis heute ist das nicht geglückt. Alle Versuche, „Obamacare“ zu kippen, scheiterten am Widerstand im amerikanischen Kongress. Und das, obwohl die Republikaner in beiden Kammern die Mehrheit stellen. Mit den Streitkräften befasste Trump sich erst nach sieben Tagen, in seinem ersten Dekret zur nationalen Sicherheit.

„… war es, das Nuklear-Arsenal zu erneuern und zu modernisieren…“

Einen solchen Auftrag hat Donald Trump in seinem „first national security memorandum“ nicht gegeben. Zwar rief er allgemein dazu auf, die amerikanischen Streitkräfte wiederaufzubauen. Aber mit Blick auf die atomaren Fähigkeiten gab er lediglich eine Studie in Auftrag, so wie es neue amerikanische Regierungen bei Amtsantritt üblicherweise stets tun. Der neue „Nuclear Posture Review“ liegt noch nicht vor. Die „Washington Post“ zitiert Verteidigungsexperten mit der Einschätzung, dass vor Ende dieses Jahres damit auch nicht zu rechnen sei.

Was die Modernisierung der amerikanischen Nuklearstreitkräfte angeht, so läuft seit 2015 ein gewaltiges Programm. Es wurde nicht von Trump, sondern von der Regierung Obama im Jahr 2010 in Auftrag gegeben. Nach Schätzungen des amerikanischen Congressional Budget Office wird es allein in den nächsten zehn Jahren 400 Milliarden Dollar kosten. Die Gesamtkosten für die nächsten 30 Jahre werden mit einer Billion Dollar veranschlagt. Hinweise auf größere Budgetänderungen der Regierung Trump im Modernisierungsprogramm der nuklearen Triade, bestehend aus Bombern, U-Booten und Interkontinentalraketen, gibt es nicht.

„Es ist nun stärker und mächtiger als je zuvor.“

Die Vereinigten Staaten verfügen derzeit über rund 1950 einsatzfähige Nuklearwaffen. 180 davon sind taktischer Natur und lagern auf amerikanischen Basen in Europa. Hinzu kommen noch 7000 weitere Sprengköpfe in Reserve. Zweifellos verfügt Amerika damit über ein gewaltiges und äußerst bedrohliches Arsenal. Auf Augenhöhe mit Russland verfügen die beiden Staaten zweifellos über die schlagkräftigsten Nuklearstreitkräfte. Aber: Die Bestände sind seit den 80er Jahren stark geschrumpft. Von ungekannter Größe kann somit keine Rede sein. Und es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass sich die Zusammensetzung der Atomwaffen in den vergangenen 200 Tagen sich so verändert hätte, dass sie zu unerreichter Stärke gelangt seien.

© Opinary

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