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Das erste Jahr als Präsident : Wie Donald Trump das politische System Amerikas zerstören will

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I am the Greatest! Könnte von ihm stammen: Amerikas Präsident Donald Trump ist ein Jahr im Amt. Bild: AFP

Wieder sorgt ein Buch über Donald Trump für Aufregung. Diesmal geht es weniger um skandalträchtige Enthüllungen. Der Autor zeigt vielmehr, wie Amerikas Präsident sein Land abseits der Skandale tiefgreifend verändert.

          „Es ist schlimmer, als Sie denken“ – so heißt es im Originaltitel des heute erscheinenden Buches „Trump im Amt“ von Pulitzer-Preisträger David Cay Johnston. Enthüllungen über Donald Trumps Haarpracht oder seine vermeintlichen Strategien zur Zerstörung fremder Ehen wird man darin nicht finden. Das skandalträchtige Buch „Fire and Fury“ von Michael Wolff wird da erst einmal konkurrenzlos bleiben.

          Zwar gibt auch Johnston der Persönlichkeit von Donald Trump einigen Raum, bleibt aber nicht dort stehen. Während sich Wolff vor allem für Vorgänge im „inner circle“ des Präsidenten interessiert, will Johnston den Amerikanern vor Augen führen, was Trumps einjährige Amtszeit bisher verändert hat – und wovon sie sich vielleicht durch die Skandale ablenken lassen.

          Kein Sinn für Kompromisse und für Interessenausgleich

          Auch für Johnston ist Narzissmus das definierende Element von Donald Trumps Charakter – und gerade das habe ihn ins Weiße Haus gebracht. Trump habe jahrzehntelang seinem Vater Fred nachgeeifert – und habe dabei viel Kontakt zu zwielichtigen Gestalten, korrupten Geschäftsleuten und auch zur Mafia gehabt. „Diese Lebenserfahrung erklärt, warum er und seine Angestellten oft reden, als sei die Position des Präsidenten eine diktatorische, eine zutiefst unamerikanische Idee“, schreibt Johnston in seinem Buch.

          Trump habe keinen Sinn für Kompromisse und für Interessenausgleich. „Trump selbst hat seine Lebensphilosophie auf einen einzigen Begriff gebracht: Rache“, heißt es im Buch. „Er hat wiederholt gesagt, dass es ihm Freude bereitet, das Leben von Menschen zu zerstören, die er als illoyal ansieht.“ Auch Trumps Rassismus sei keine Dummheit, sondern seine echte Überzeugung. Der Präsident sei „ein Rassist durch und durch“, sagte Johnston in einem Interview.

          Die Präsidentschaft von Donald Trump sei anders als alles, was Amerika bisher gesehen habe, schreibt der Journalist in seinem Buch. Doch genauso gefährlich wie Trump selbst seien auch seine Leute. Während der Präsident hunderte von Positionen einfach unbesetzt ließ, besetzte er andere mit loyalen Personen, die nicht unbedingt durch Kompetenz glänzen müssen. Kurzfristige Verträge verhindern oft, dass der Kongress Einstellungen bewilligen muss. Rassisten, Muslim-Hasser und Klimawandel-Leugner hätten, so Johnston, nun freie Hand in vielen Institutionen. „Die Trump-Regierung hat unsere Regierungsbehörden mit politischen Termiten durchsetzt“, urteilt der Journalist. „Diese Termiten operieren im Verborgenen, geschützt vor den Augen der Öffentlichkeit, in manchen Fällen mit ungewöhnlicher Geheimhaltung. Sie schüchtern Wissenschaftler ein, lassen Informationen und Dokumente verschwinden, zerstören sie sogar.“

          Genau, wie es Trumps ehemaliger Chefstratege Steve Bannon angekündigt hatte, sei es gekommen: Es gehe um nicht weniger als um die Zerstörung der öffentlichen Verwaltung. „Diese Regierung sucht nach den am schlechtesten qualifizierten und aggressivsten Termiten, um die öffentliche Verwaltung aufzufressen,“ schreibt der Autor.

          In Wahrheit dazu da, den Reichen zu dienen

          Es seien vor allem ökonomische Verlierer, die auf Trump setzten, meint Johnston, der bereits 2016 eine Biographie unter dem Titel „Die Akte Trump“ veröffentlichte. Beide Parteien hätten die ärmeren Menschen im Lande jahrzehntelang mit ihrer Politik im Stich gelassen und den Reichtum weiter nach oben umverteilt. Trump nutze ihre Wut jedoch nur aus. Die neue Regierung sei in Wahrheit dazu da, den Reichen zu dienen.

          Im Buch findet der Leser zahlreiche Beispiele dafür, dass Trump der arbeitenden Bevölkerung bislang eher geschadet als genützt habe. So würden bestimmte Arbeitsschutzregulierungen abgeschafft und entsprechende Daten, zum Beispiel über Todesfälle am Arbeitsplatz, seien nicht mehr öffentlich zugänglich. Die Behörde für Außenhandelsbeziehungen sei mit dem Argument ausgehöhlt worden, man solle diese dem freien Markt überlassen – das koste jedoch Jobs, weil durch die Aktivitäten der Behörde in den vergangenen Jahren 18.000 neue Arbeitsplätze entstanden seien.

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          Trump habe auch an anderen Stellen Versprechen nicht gehalten und Situationen verschlimmert: So plane er, Veteranen ihre Versorgungsansprüche massiv zu kürzen. Und durch die Abschaffung von Extra-Prüfungen beim Waffenkauf hätten psychisch Kranke nun praktisch den gleichen Zugang zu Waffen wie alle anderen Bürger. Johnston widmet ein Kapitel der Privatisierung des Erziehungswesens und will zeigen, wie Bildungsministerin Betsy DeVos vor allem die Interessen der kommerziellen Betreiber von Colleges vertrete.

          Der Journalist nennt Trump’s Präsidentschaft eine Kleptokratie: Er beschreibt, wie die Einnahmen von Trumps Hotels nach seinem Wahlsieg in die Höhe gingen und wie Angestellte des Weißen Hauses Lobbyisten dazu bringen, Geld in den dazugehörigen Bars auszugeben. Ein paar farbenfrohe Behauptungen stellt Johnston dann doch auch auf: In Interviews erinnert er gern daran, dass Ivana Trump einst behauptete, ihr ehemaliger Mann habe ein Buch mit Hitlers Reden in der Nachttischschublade.

          David Cay Johnston wiederholt viel Bekanntes, aber es gelingt ihm, den Blick auf den Umbau und die Arbeit der Regierungsbehörden zu lenken. Gefährlich sind vor allem Trumps langfristige Pläne, meint der Journalist. Wenn seine These von den „politischen Termiten“ stimmt, dann müssen sich die Amerikaner Sorgen um ihre öffentlichen Institutionen machen.

          Johnston ist allerdings nicht allzu optimistisch, was seine eigenen Landsleute angeht: „Dass Millionen Menschen für einen narzisstischen, von Faktenwissen unbeleckten Trickbetrüger gestimmt haben, der sein Leben lang andere beschwindelt und Menschen aus seiner Umgebung wiederholt zu kriminellen Handlungen und Gewalt gegen seine Kritiker genötigt hat, sagt mehr über Amerika aus als über Trump.“

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