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Kommentar zur Drogenkrise : Amerikas bittere Wahrheit

Sanitäter versorgen einen bewusstlosen Drogenabhängigen in Everett, Massachussets (Archivbild). Bild: Reuters

Donald Trump bezeichnet die Bekämpfung der „Drogenkrise“ zu Recht als Generationenaufgabe. Will Amerika die Situation in den Griff zu bekommen, darf es die wahren Ursachen des Problems nicht länger ignorieren.

          Präsident Trump hat kürzlich die „Drogenkrise“ zum nationalen Gesundheitsnotstand erklärt. Eine Kommission hatte ihm das ans Herz gelegt, „um jeden Amerikaner auf eine schlichte Tatsache zu stoßen: Wenn diese Plage Sie oder Ihre Familie noch nicht erwischt hat, dann wird sie es bald tun – sofern wir nicht alle beherzt dagegen vorgehen.“ 2016 sind 64.000 Amerikaner an einer Überdosis gestorben; das sind mehr, als im Vietnam- und in den beiden Irak-Kriegen zusammen gefallen sind.

          Zu Recht spricht Trump von einer Generationenaufgabe. Denn in der Pillen-, Heroin- und Fentanylkrise verknoten sich einige der großen Probleme des Landes: das dysfunktionale Gesundheitssystem, die einseitige Justizpolitik, das niedrige Bildungsniveau. Begünstigt wird die Epidemie von der Spaltung der Gesellschaft. So nahm das prosperierende urbane Amerika lange kaum Notiz von dem Elend, das in der Fläche des Landes herrscht. Und an Ort und Stelle scheitert pragmatische Hilfe oft an ideologischer Verbohrtheit.

          Fehlanreize im amerikanischen Gesundheitswesen haben die Krise verursacht und behindern ihre Eindämmung. Pharmaunternehmen konnten ihre Opioid-Medikamente lange als unbedenklich vermarkten. Sie überschütteten Amerika mit Oxycodon- und Hydrocodon-Tabletten. Wahlkampfspenden halfen der Branche, die Aufseher auf Distanz zu halten. Patienten ließen sich sowieso nicht lange bitten, nach Wurzelbehandlung oder Hexenschuss auf einer Wolke zu schweben, die in vielen anderen Ländern Krebspatienten vorbehalten ist. Kundenzufriedenheit ist für amerikanische Ärzte ein wichtiger Faktor, wenn sie Risiken und Nebenwirkungen abschätzen. Zugleich standen sie unter dem Druck der Versicherer, die ihnen Patienten zuführen: Pillen sind billiger als Diagnostik, Operationen und Physiotherapien.

          Drogenkonsum : Trump ruft Gesundheitsnotstand aus

          Es gibt kriminelle Ärzte, die Drogendealer wurden. Es gibt in der Provinz auch von jeder Fortbildung, Fachdebatte oder Tageszeitung abgeschnittene Ärzte, die weiter an die Mär vom harmlosen Wundermittel glauben. Die Mehrheit der Mediziner aber steckt in einer Zwickmühle.Verschreiben sie weiter Opioide, wird der Zyklus nie durchbrochen: Noch 2015 wurden so viele Pillen verordnet, dass alle Amerikaner drei Wochen lang „high“ hätten sein können. Verweigern die Ärzte die Medizin aber plötzlich Patienten, die damit seit Jahren Schmerzen und Sorgen betäuben, treiben sie auch diese Leute in die Arme der Kartelle.

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          Dann geht es mit Heroin oder dem noch tödlicheren Fentanyl weiter. Allenfalls jeder zehnte Suchtkranke ist in Therapie; die allerwenigsten stationär. Was sich auf dem Lande Entzugs- oder Suchtklinik nennt, ist oft wenig mehr als ein Schuppen, vor dem die Dealerei munter weitergeht. Der von Trump fahrlässig befeuerte Gesundheitsstreit vereitelt gemeinsame Kraftanstrengungen der wichtigsten Akteure. Beim Billionen-Ringen von Klinikkonzernen, Versicherern und Volksvertretern gerinnen Therapien gegen die Sucht zu taktischer Verfügungsmasse.

          Von der Globalisierung demoralisiert

          Die Rückkehr zu einer harten Law-and-Order-Linie unter Trump macht nichts einfacher. Die Haft in überfüllten Gefängnissen macht aus süchtigen Kleindealern meist keine produktiven Mitglieder der Gesellschaft, sondern gut vernetzte Verbrecher. Doch wer zum Sheriff, Staatsanwalt oder Richter gewählt werden will, wird das in großen Teilen des Landes nicht mit dem Versprechen betreiben, Straftäter teuer zu therapieren. Trotz Allgegenwart der Krise wächst die Empathie der Bevölkerung für die Opfer nur langsam. Viele Amerikaner halten Drogenkonsum nicht für eine Krankheit, sondern für eine schlechte Entscheidung. Die dürfe die Gesellschaft nicht „belohnen“, indem sie Süchtigen zurück ins Leben hilft.

          Soll der Steuer- oder Prämienzahler also Mittel finanzieren, die Abhängige nach einer Überdosis wieder zu atmen helfen? Sollen Kommunen saubere Spritzen ausgeben, um wenigstens die Verbreitung von Aids zu bremsen? Sollen Abhängige sogenannte Ersatzdrogen bekommen? Die meisten Fachleute sagen dreimal ja. Viele Konservative sagen instinktiv nein. Mancherorts hindern sie sogar Schulen daran, die Schüler aufzuklären. Solche Kämpfe, die täglich in Gemeinderäten und lokalen Internetforen ausgefochten werden, spiegeln sich in Washington. Von der Großzügigkeit, mit der selbst Fiskalkonservative große Milliardensummen für die Hurrikan-Opfer in Texas und Florida bewilligt haben, zeigt sich wenig, wenn es um Rauschgiftsüchtige geht.

          Wegen der Opioid-Abhängigkeit sinkt die Lebenserwartung weißer Amerikaner. Es gibt Landstriche, in denen Trump haushoch gewonnen hat, aber örtliche Politiker und Unternehmer möglichst viele Flüchtlinge ansiedeln wollen – denn im Gegensatz zu Trumps „vergessenen Männern und Frauen“ bestehen syrische oder burmesische Arbeitssuchende meist die vorgeschriebenen Rauschgifttests.

          Globalisierung und Automatisierung haben Teile Amerikas veröden lassen und viele Leute demoralisiert. Politiker beider Parteien redeten ihnen ein, dass sich ihre „harte Arbeit“ bald wieder lohnen werde. Mit Drogen fliehen viele Amerikaner auch vor der Einsicht, dass das im 21. Jahrhundert nicht mehr gelingt wie vor fünfzig Jahren. Um sein Drogenproblem in den Griff zu bekommen, wird Amerika als Erstes der ganzen Wahrheit ins Auge sehen müssen.

          Andreas Ross

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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          Quelle: F.A.Z.

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