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Trump-Beraterin Conway : Ihr Spezialgebiet: Alternative Fakten

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Sie hat den Ruf, die einzige Frau zu sein, der Trump zuhört: Kellyanne Conway. Bild: Reuters

Sie gilt als die einzige Frau, der Trump zuhört: Kellyanne Conway. Als Beraterin im Weißen Haus ist sie für den neuen Präsidenten äußerst wertvoll und verfolgt eine neue Strategie, um seine Politik zu verteidigen.

          Donald Trump hat ihr einiges zu verdanken: Als Wahlkampfleiterin verhalf sie dem Republikaner zum Sieg: Kellyanne Conway. Trump zeigte sich erkenntlich. Als „president-elect“ machte er sie im Dezember zu seiner Beraterin. Sie solle sich vor allem um die Vermittlung seiner Politik bemühen, kündigte Trump an. Diesen Job scheint Conway sehr ernst zu nehmen.

          Sie prägte im Zusammenhang mit Trumps Amtseinführung den Ausdruck „alternative Fakten“ – eine Formulierung, die weltweit eine Mischung aus Bestürzung und Belustigung hervorrief und viele an das „Wahrheitsministerium“ aus George Orwells Roman „1984“ erinnert, das in einem fiktiven totalitären Staat systematisch Unwahrheiten verbreitet. Konkret bezog sich Conway auf die Behauptung von Präsidentensprecher Sean Spicer, die Besucherzahlen bei Trumps Vereidigung seien die größten der Geschichte gewesen. Conway verteidigte Spicers Behauptungen – obwohl die Aufnahmen von der National Mall eine andere Sprache sprachen.

          Jetzt hat die 50 Jahre alte Conway nachgelegt und entsprechend der von ihr ausgegebenen Losung gleich noch einen Terroranschlag erfunden: „das Bowling-Green-Massaker“. Als Rechtfertigung für Trumps Einreiseverbot für Muslime aus sieben Staaten verwies Conway auf ein „Massaker“, das zwei irakische Einwanderer vor einigen Jahren im Bundesstaat Kentucky begangen haben sollen. Die meisten Leute wüssten davon nichts, weil darüber „nicht berichtet“ worden sei, sagte die Trump-Beraterin am Donnerstagabend (Ortszeit) dem Fernsehsender MSNBC.

          Dass diese „alternativen Fakten“ nichts anderes sind als falsche Fakten, war in diesem Fall allerdings besonders leicht nachzuweisen – schließlich hatte noch nie zuvor jemand irgendetwas von einem „Bowling-Green-Massaker“ gehört. Das merkte auch die Zeitung „Washington Post“ trocken an: „Über das Bowling-Green-Massaker ist nicht berichtet worden, weil es sich nicht ereignet hat.“

          Conway korrigierte sich am Tag danach. Aber trotz der massiven Kritik an ihren Behauptungen wirkte sie dabei nicht sonderlich reumütig. Den Aufruhr nannte sie „künstlich“. Ihre Falschbehauptung versuchte sie im Kurznachrichtendienst Twitter als simplen Versprecher abzutun: „Bowling-Green-Terroristen“ habe sie gemeint – statt „Bowling-Green-Massaker“.

          Conway stellte es so dar, als knüpfe der Präsident mit dem Einreiseverbot damit an die Politik seines Vorgängers Barack Obama an. Das „Massaker“ in Bowling Green sei von zwei Irakern ausgeheckt worden, weshalb Obama ein sechsmonatiges Einreiseverbot für irakische Flüchtlinge verfügt habe. Die Trump-Beraterin kam auf Bowling Green, weil in diesem Ort zwei Iraker gewohnt hatten, die 2011 wegen terroristischer Aktivitäten festgenommen worden waren.

          Die Fakten? Nicht so wichtig

          Nach Erkenntnissen der Ermittler hatten sie versucht, Geld und Waffen für die Terrororganisation Al-Qaida im Irak zu beschaffen. Außerdem sollen sie Sprengstoffanschläge auf die amerikanische Truppen im Irak verübt haben. Einen Anschlag in den Vereinigten Staaten hatten sie nach den Erkenntnissen der Ermittler hingegen nie geplant – geschweige denn begangen. Auch für Conways Behauptung, Obama habe ein Einreiseverbot für irakische Flüchtlinge verhängt, fehlte die entsprechende Faktenbasis. Der damalige Präsident hatte nach der Festnahme der Iraker lediglich angeordnet, die Überprüfung von Flüchtlingen zu verschärfen.

          Sich nie entschuldigen und stets auf die Kritiker zurückschlagen, für diese Strategie ist Trump bekannt – und auch Kellyanne Conway setzt sie gekonnt um. Neben Pressesprecher Sean Spicer ist sie die Figur aus dem engeren Zirkel um Trump im Weißen Haus, die seit der Machtübernahme vor zwei Wochen am häufigsten in den Medien auftritt. Sie gilt als eloquent, schlagfertig und selbstbeherrscht und versucht so, die Kritik an Trump abzuwehren.

          Sie war der entscheidende Faktor für Trumps Erfolg im Wahlkampf

          Den Aufstieg in den innersten Zirkel der Macht hat Conway ihrer entscheidenden Rolle im Wahlkampf zu verdanken. Die studierte Politologin und Juristin aus dem Ostküstenstaat New Jersey hatte 1995 eine Demoskopie-Firma gegründet, die von zahlreichen Republikanern engagiert wurde. In den Vorwahlen des vergangenen Jahres arbeitete die vierfache Mutter zunächst für den Senator Ted Cruz, um dann nach dessen Ausstieg ins Trump-Team zu wechseln. Dort erwarb sich die 50 Jahre alte Conway den Ruf, die einzige Frau zu sein, der Trump zuhört.

          Conway prägte die Kommunikationsstrategie des Quereinsteigers aus der Wirtschaft und warf stellte sich auch schon damals in zahlreichen Medienauftritten vor den umstrittenen Präsidentschaftskandidaten. Als der Immobilienmogul etwa wegen seiner vormaligen Prahlereien mit sexuellen Übergriffen massiv unter Druck geriet, führte sie ihre persönlichen Erfahrungen als Frau mit Trump ins Feld: Sie sei oft mit ihm allein gewesen, und er habe sich „immer nur liebenswürdig und wie ein Gentleman“ verhalten.

          Für ihren maßgeblichen Anteil am Überraschungssieg des Republikaners erntete sie nicht nur den euphorischen Dank des neuen Präsidenten und den Topjob im Weißen Haus, sondern auch viel parteiübergreifenden Respekt. Wie viel von dem noch bleibt, wenn Conway weiter dem Prinzip „alternative Fakten“ folgt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

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