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Veröffentlicht: 28.10.2012, 15:33 Uhr

„Battleground States“ Gott, steh Florida bei!

In Florida hat sich schon ein paar Mal entschieden, wer Amerikas Präsident wird. Hier leben viele Reiche und viele Arme. Besonders umkämpft ist die Gegend entlang der Autobahn I-4. Es geht um 220 Kilometer.

von , The Villages/Kissimmee
© Corbis Disney für Erwachsene: Da, wo die Autobahn I-4 durch Florida führt, könnte am 6.November die Wahl entschieden werden

„Cactus Jack & The Cadillacs“ machen mächtig Stimmung. Viele Zuhörer hält es nicht mehr auf den Plastikstühlen, die zu Hunderten auf dem Market Square am Lake Sumter Landing stehen. Paare schwofen versonnen. Grüppchen vollführen in eingeübten Formationen ihren Tanz: zwei Schritte links, zwei rechts und einmal rundherum. Nach ein paar Stücken Rock and Roll gibt es schließlich einen Blues, was die sogleich innig verschränkten Pärchen besonders freut. Vom See her weht ein laues Lüftchen. Am wolkenlosen Himmel steht die Mondsichel.

Matthias Rüb Folgen:

Das Geschäft an den Verkaufsständen rings um den Market Square scheint gut zu gehen. Die Nachfrage nach Strohhüten, die selbst bei Windgeschwindigkeiten von mehr als 60 Stundenkilometern garantiert nicht vom Kopf fliegen sollen, ist rege. Sekt- und Weingläser werden feilgeboten, in die man in Null Komma nichts seinen Namen eingravieren lassen kann. Im Restaurant „City Fire“ an der Canal Street gibt es zwei Gläser Bier für zwei Dollar. Happy Hour.

Siedlungen für Pensionäre und Jungsenioren

„The Villages“ ist die „freundlichste Heimatstadt Floridas“. So preist sich die Stadt in Zentralflorida, gut achtzig Kilometer nordwestlich von Orlando, jedenfalls selbst an. „Disney für Erwachsene“, heißt die Siedlung im Volksmund. Sie erstreckt sich über vier Landkreise und wächst immer weiter ins einstige Farmland hinein. 60.000 Menschen leben in mehreren Dörfern, die sich jeweils um Golfplätze und künstliche Seen, Fitnesscenter und Schwimmbäder, Einkaufszentren und Veranstaltungsorte wie den Market Square am Lake Sumter Landing ranken.

138033367 © AFP Vergrößern Republikanische Hochburg: In „The Villages“ sind 98 Prozent der Einwohner weißer Hautfarbe, es gibt mehr als doppelt so viele Republikaner wie Demokraten

Dort wie auch am Town Square im Nachbardorf Spanish Springs und am Paddock Square in Brownwood gibt es jeden Abend Musik und Tanz - unter freiem Himmel und kostenlos. Man kann aber auch ins Kino gehen, ins „Rialto Theatre“ etwa oder ins „Old Mill Playhouse“. Dieser Tage wird bei Bier und Bratwurst allenthalben Oktoberfest gefeiert - nicht nur im deutschen Lokal „The Schnitzel Factory“, sondern auch bei „Chi’s Grill“ und im „Dinner Bell“.

Die Dörfer von „The Villages“ tragen klingende Namen wie Alhambra, Liberty Park und Country Club Hills, obwohl es in der topfebenen Landschaft von Zentralflorida gar keine Hügel gibt. „The Villages“ ist ein Konglomerat von Siedlungen für eine Alterskohorte, die in der politisch korrekten Sprache der Amerikaner „Active Adult“ (aktive Erwachsene) heißt. Darunter versteht man Pensionäre und Jungsenioren, die älter als 55 Jahre sind. Bebauungspläne für Siedlungen „aktiver Erwachsener“ schreiben keine Kindergärten und Schulen vor. Kinder und Jugendliche dürfen zu ihren Großeltern zwar für 30 Tage je Kalenderjahr zu Besuch kommen, dort aber nicht dauerhaft wohnen.

Mehr als doppelt so viele Republikaner wie Demokraten

„The Villages“ ist die am schnellsten wachsende Kleinstadt in den Vereinigten Staaten. Von einer Krise der Wirtschaft oder des Immobilienmarktes ist hier nichts zu sehen. Zimmerleute stehen auf den Dächern neuer Bungalows. Klempner installieren Wasserleitungen. Monteure bauen Klimaanlagen und Garagentore ein. Gerade wird auch ein neues Schwimmbad gebaut. In den älteren Siedlungen sorgen Scharen von Gärtnern dafür, dass die Golfplätze gepflegt, die Blumenrabatten und die Baumreihen beschnitten sind. Überall fahren Golfcarts umher, es gibt mehr als 40.000 davon. Die Einwohner nutzen ihr Cart für den kleinen Einkauf, für den Besuch bei Freunden im Nachbardorf oder eben für die Fahrt zum Tanzabend mit der Oldieband „Cactus Jack & The Cadillacs“.

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