http://www.faz.net/-gpf-8v7sl

Antisemitismus in Amerika : Der Präsident des Mobs

  • -Aktualisiert am

Bei einem Besuch des Nationalen Museums für Afrikanisch-Amerikanische Geschichte in Washington äußert sich Trump nach Wochen des Schweigens über den Antisemitismus in Amerika. Bild: Reuters

Bombendrohungen, Beleidigungen, Hetze – in Amerika bricht sich der Antisemitismus Bahn. Doch Präsident Donald Trump fällt es schwer, sich klar und deutlich von Rechtsradikalen unter seinen Anhängern zu distanzieren.

          Warum, um alles in der Welt, hat er so lange dafür gebraucht? Am vergangenen Dienstag fiel endlich der Satz, auf den amerikanische Juden seit Wochen gewartet hatten: „Die Drohungen gegen unsere jüdische Gemeinschaft sind schrecklich und schmerzhaft“, sagte Präsident Donald Trump bei einem Besuch des Nationalen Museums für Afrikanisch-Amerikanische Geschichte, und „sie erinnern daran, dass wir uns weiterhin dafür einsetzen müssen, Hass, Vorurteile und das Böse auszurotten.“

          Am Tag zuvor hatte es die vierte Runde von Bombendrohungen gegen Jüdische Gemeindezentren gegeben. Insgesamt haben seit Anfang Januar 54 Einrichtungen im ganzen Land 70 Anrufe bekommen, in denen man den Verantwortlichen mitteilte, sie würden in kurzer Zeit allesamt in die Luft gesprengt werden. Die Drohungen trafen das Herz der jüdischen Gemeinden. In ihren Zentren besuchen die Kleinsten eine Vorschule, Senioren treffen sich zum Schach oder Tratsch am Pool, Jung und Alt arbeiten sich an Fitnessgeräten ab, man diskutiert über Filme oder Vorträge. Auch wenn sich alle Attentatsankündigungen am Ende als substanzlos erwiesen, saß der Schock nach jeder neuen Räumung tief.

          Warten auf Zuspruch

          Wochenlang hatten sich Amerikas Juden in ihrer Verunsicherung Zuspruch aus Washington gewünscht, eine Stellungnahme des Weißen Hauses, eine Verurteilung, irgendetwas. Doch es kam nichts. Noch in der vergangenen Woche hatte Trump einen jüdisch-orthodoxen Reporter zusammengefaltet, als der ihn höflich auf die antisemitischen Vorfälle ansprach, über die Juden sehr besorgt seien, und über die sie „von der Regierung bisher noch kein Wort gehört“ hätten.

          Trump herrschte den verdutzten Mann an, er solle sich wieder hinsetzen. Dann lamentierte er über die Hintertriebenheit der Medien im Allgemeinen und dieses Reporters im Besonderen und wendete sich alsbald seinem Lieblingsthema zu: Donald Trump. An diesem Tag erfuhr man lediglich, dass sich Trump auch in der Liebe zu den Juden von niemandem übertrumpfen lässt. „Ich bin die am wenigsten antisemitische Person, die ihr je in eurem Leben gesehen habt“, behauptete der Präsident. Die Frage des Reporters beantwortet er nicht.

          Verwüsteter jüdischer Friedhof in einem Vorort von St Louis, Missouri
          Verwüsteter jüdischer Friedhof in einem Vorort von St Louis, Missouri : Bild: Reuters

          Es gab also immer noch keine offizielle Stellungnahme zum wachsenden Antisemitismus, den der Direktor der Anti-Defamation League (ADL), Jonathan Greenblatt, „eine potentiell tödliche Bedrohung“ nennt. Erst nachdem am vorherigen Wochenende mehr als 170 Grabsteine auf einem Jüdischen Friedhof in Missouri umgeworfen und am Montag danach neue Bomben angekündigt worden waren und ihn immer mehr Menschen dazu gedrängt hatten, verurteilt der Präsident schließlich den Hass auf Juden.

          Trump scheint es schwerzufallen, sich klar und deutlich von Leuten zu distanzieren, die sich von seinen Parolen in ihrer rechtsradikalen Gedankenwelt bestätigt fühlen. Vielleicht traf also der Moderator Chuck Todd den Nagel auf den Kopf, als er vermutete, mit seinem Schweigen wolle Trump verhindern, den „Alt-Right“-Leuten, einer Gruppe von Rechtsextremen, die ein kleiner, aber hörbarer Teil seiner Wählerschaft seien, vor den Kopf zu stoßen.

          Für diese Menschen gehört der Antisemitismus von jeher zu ihrem Weltbild. Und obwohl den Juden bewusst ist, dass es immer noch Judenhasser gibt, hatten sie sich doch insgesamt in dem Bewusstsein eingerichtet, dass man ihre Religion endlich respektierte. Die Antisemiten sah man nicht, die blieben unter sich – bis Trump und sein Team „das Gift vom äußersten Rand in die politische Mitte brachten“, wie es ADL-Direktor Greenblatt sagt.

          Weitere Themen

          Proteste bei Besuch von Mike Pence Video-Seite öffnen

          Jerusalem : Proteste bei Besuch von Mike Pence

          Bei seinem Besuch in Israel hat der amerikanische Vizepräsident Mike Pence erneut die international umstrittene Entscheidung von Präsident Donald Trump verteidigt, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen. Im israelischen Parlament protestieren arabische Abgeordnete gegen eine Rede von Pence in der Knesset, sie wurden aus dem Saal gebracht.

          Topmeldungen

          Schweigeminute am Mittag : Schule in Lünen öffnet nach Bluttat wieder

          Nach der Bluttat wird in der Schule in Lünen der Unterricht nach Plan wieder aufgenommen. Eine Schweigeminute am Mittwochmittag unterbricht die tägliche Routine. Der 15-jährige mutmaßliche Täter soll dem Haftrichter vorgeführt werden.

          Schadstoffbelastung : Die Stadtluft wird ein bisschen besser

          Im Kampf gegen Schadstoffbelastung der Luft fordern Umweltschützer Fahrverbote. In Stuttgart und anderen Städten wurde 2017 aber weniger Stickstoffdioxid gemessen. Die Autoindustrie sieht sich bestätigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.