http://www.faz.net/-gpf-8wppn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 08.04.2017, 05:45 Uhr

Amerika und China Mein Haus, meine Marschflugkörper

Der Besuch von Xi Jinping bei Donald Trump in Florida war mit großer Spannung erwartet worden. Am Ende ging es vor allem um Amerikas Luftschläge gegen Syrien. Die könnten auch eine Botschaft an den Gast gewesen sein.

von Simon Riesche, Washington
© AP Großmacht-Staatschefs unter sich: Chinas Xi zu Gast bei Amerikas Trump.

Dass Amerikas Präsident Donald Trump einige Lieblingswörter hat, die er immer wieder in seine Reden und Statements einbaut, ist bekannt. Das Adjektiv „tremendous“ – auf Deutsch „enorm“, „gewaltig“ oder „sagenhaft“ – steht in seiner persönlichen Vokabelhitliste ohne Frage ganz weit oben. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass Trump den amerikanisch-chinesischen Beziehungen zum Ende seines zweitägigen Treffens mit dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping einen „sagenhaften Forstschritt“ (tremendous progress) attestierte.

Xi gab die warmen Worte des Gastgebers gerne zurück, blieb aber ebenfalls im Ungefähren. „Es gibt tausend Gründe, die chinesisch-amerikanischen Beziehungen gut werden zu lassen, aber keinen, sie auseinanderbrechen zu lassen“, so Xi, der Trump außerdem zu einem Gegenbesuch nach China einlud. Trump sagte: „Wir haben eine Freundschaft entwickelt.“ Und Xi erwiderte, gerne sei er dazu bereit, das Verhältnis der beiden Staaten „von einem neuen Ausgangspunkt“ voranzubringen. Dazu gab es lächelnde Gesichter und freundliches Händeschütteln.

Raketenschlag nach dem Abendessen

Die harmonischen Gesten und Töne standen in krassem Gegensatz zum militärischen „Begleitprogramm“, das Trump seinem chinesischen Gast ungefragt vorsetzte. Am Donnerstagabend Ortszeit, Herr Xi und seine Frau hatten sich nach dem gemeinsamen Abendessen mit den Trumps in deren Privatklub Mar-a-Lago auf den Weg zu ihrem nahegelegenen Hotel gemacht, als die amerikanische Regierung bekanntgab, dass sie gerade 59 Marschflugkörper auf Ziele in Syrien abgefeuert hatte – als Vergeltung für einen syrischen Chemiewaffenangriff zwei Tage zuvor.

Mehr zum Thema

Öffentlich ließen sich der plötzlich zur Nebenfigur degradierte Xi und seine Delegation nichts anmerken, aber man darf annehmen, dass sich der chinesische Präsident, dessen Regierung ein recht enges Verhältnis zu Syrien pflegt, über das Timing der Amerikaner geärgert haben dürfte. Überraschungen und unüberschaubare Situationen, die Gast oder Gastgeber in Verlegenheit bringen könnten, gilt es im chinesischen Protokoll unbedingt zu vermeiden.

Die Entscheidung der amerikanischen Regierung, die Luftschläge quasi im Beisein der chinesischen Gäste durchzuführen, ist aber auch noch aus einem anderen Grund brisant. Wie zahlreiche Kommentatoren vermuten, dürfte sich darin auch eine mehr oder weniger gut versteckte Botschaft von Trump an Xi befunden haben: Sieh her, ich bin ein Mann der Tat, und wenn du mir nicht dabei hilfst, Nordkoreas Atomwaffenprogramm einzudämmen, dann könnten die nächsten Raketen schon bald in Richtung Pjöngjang unterwegs sein!

© dpa, reuters Trump über das Treffen mit Xi: „Wir haben eine Freundschaft entwickelt“

Vor dem Treffen hatten Trump und seine Leute bereits mehrmals einen präventiven Erstschlag gegen Nordkorea ins Spiel gebracht, vor allem aber China dazu aufgefordert, im Nachbarland mehr Druck auf Diktator Kim Jong-un auszuüben. Wenn Peking das Problem der atomaren Aufrüstung Nordkoreas nicht löse, „dann werden wir es tun“, so Trump Anfang der Woche in einem Interview mit der „Financial Times“. Ein Krieg in Nordkorea wäre auch für China ein Albtraum-Szenario.

Kein Streit in der Öffentlichkeit

Ob Trump Xi überzeugen konnte, mehr diplomatischen Einsatz zu zeigen, bleibt abzuwarten. Auffällig war, dass beide Staatschefs offenbar wirklich bemüht waren, ein neues Kapitel der Beziehung zueinander aufzuschlagen. Hatte Trump im Wahlkampf mit teils drastischen Worten immer wieder Chinas Handelspolitik kritisiert und der Volksrepublik unter anderem mit Strafzöllen gedroht, so war in Mar-a-Lago davon, zumindest nach außen hin, nichts zu vernehmen. Konkrete Gespräche soll es innerhalb der nächsten hundert Tage geben, erklärte Amerikas Handelsminister Wilbur Ross nach dem Ende des Treffens. China habe zudem ein Interesse bekundet, seinen Handelsüberschuss zu reduzieren, um die Inflation im Land besser zu steuern.

Derweil übten sich Trump und Xi weiter in Höflichkeitsfloskeln. Er gehe davon aus, dass „viele potentiell schlimme Probleme verschwinden werden“, sagte Trump. „Ich glaube, dass wir uns auf stabile Weise weiterentwickeln werden, um freundschaftliche Beziehungen zu schaffen“, sagte Xi. Gemeinsam werde man der „historischen Verantwortung“ gerecht werden, „für den Frieden und die Stabilität in der Welt“ zu sorgen. Ein versteckter Seitenhieb auf den unberechenbaren Amerikaner? Vielleicht. Trump fand offenbar trotzdem alles „tremendous“.

Erdogans Keule

Von Christian C. Meier

Erdogan stellt sich hinter Qatar. Doch dort sollte man sich lieber nicht zu sicher sein, dass die Freundschaft des Türken ewig währt. Mehr 1

Zur Homepage