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100 Jahre John F. Kennedy

Von JOHANNA DÜRRHOLZ

29.05.2017 · John F. Kennedy regierte nur 1000 Tage, wurde aber zur Leitfigur einer ganzen Generation. In Stil und Auftreten wirkt er heute wie ein Gegenentwurf des gegenwärtigen Präsidenten. Verklären wir „JFK“?

Wie einflussreich war sein Wirken tatsächlich? Hat er die politische Landschaft in den Vereinigten Staaten wirklich nachhaltig geprägt? Und wer war der Mensch hinter der Symbolfigur Kennedy? Anlässlich des 100. Geburtstages, den JFK heute gefeiert hätte, lassen wir die wichtigsten Stationen in Kennedys privatem und politischem Leben Revue passieren:

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© JFK Library John F. Kennedys Tochter Caroline und seine Enkel sprechen in einer Videobotschaft über ihren Vater und Großvater.

Der Student, dem die Frauen vertrauen Nachdem er seine Studien an der „London School of Economics“ und der renommierten amerikanischen Universität Princeton zunächst aus gesundheitlichen Gründen abbrechen muss, gelingt Kennedy 1940 der Bachelor-Abschluss in Harvard. Seine körperlichen Leiden sind vielfältig: Neben Darmbeschwerden plagt ihn vor allem ein chronisches Rückenleiden. Zeit seines Lebens trägt Kennedy ein Korsett unter dem Anzug. Einmal in Harvard angekommen, fällt das Studentenleben ihm, von der Familie „Jack“ genannt, trotz seiner Gebrechen leicht: Er erfreut sich außerordentlicher Beliebtheit, die Mädchenherzen fliegen ihm an der Universität nur so zu. Was zu Studentenzeiten als vergleichsweise harmloser Wettstreit unter Freunden beginnt – wer ist der erfolgreichste Casanova? – entwickelt sich im Laufe seines Lebens zur zwanghaften Manie: Über 2000 Affären werden Kennedy nachgesagt, viele davon sollen nicht länger als eine Nacht gedauert haben.

Einstieg in die Politik John F. Kennedy ist der zweitälteste Bruder von insgesamt neun Geschwistern im Kennedy-Clan, deren Oberhaupt, Joseph Kennedy Sr., für seinen ältesten Sohn eine steile politische Karriere mit dem Ziel der amerikanischen Präsidentschaft vorgesehen hat. Joseph P. Kennedy, der Sohn irischer Einwanderer, ist bereits mehrfacher Selfmade-Millionär. Nun strebt er nach gesellschaftlicher Anerkennung, die ihm aufgrund seines katholischen Glaubens lange verwehrt wurde.

© AP Joseph P. Kennedy mit seiner Frau Rose Kennedy und fünf ihrer neun Kinder: Kathleen, Teddy, Patricia, Jean und Bobby.

Sowohl John als auch sein älterer Bruder Joseph Jr. melden sich zum Militärdienst – John landet bei der Marine, Joseph bei der Luftwaffe. Johns Schiff wird bei einem Einsatz nahe der Salomonen-Insel von einem japanischen Zerstörer versenkt – er kann nicht nur sich selbst und die ihm untergebene Crew retten, sondern zieht auch einen verletzten Kameraden stundenlang mit sich, bis sie sich auf eine kleine Insel retten können. Während John als gefeierter Kriegsheld mit Auszeichnungen heimkehrt, kommt sein älterer Bruder bei einem Einsatz ums Leben. Von da an ruhen die politischen Ambitionen des Vaters auf John.

Mit dem Slogan „Eine neue Generation präsentiert einen Führer“ („The new generation offers a leader“) kandidiert John F. Kennedy 1946 für die Demokratische Partei in Boston. Dank des väterlichen Reichtums ist die groß angelegte Kampagne schnell umsetzbar und äußerst erfolgreich. Er wird ins Repräsentantenhaus gewählt.

Aufkommende gesundheitliche Beschwerden wie die Verschlimmerung des chronischen Rückenleidens oder eine zusätzliche schwere Erkrankung des Immunsystems werden zwar geheim gehalten und mit starken Schmerzmitteln behandelt, hindern den aufstrebenden Kennedy jedoch nicht daran, seine Karriere weiter voranzutreiben. Bereits 1952 wird John, auch dank seines professionellen PR-Teams und seiner großen Beliebtheit in der Damenwelt, in Massachusetts zum Senator gewählt.

© AP John F. Kennedy und Jackie Kennedy

Heirat mit Jacqueline Bouvier Was dem charismatischen John F. Kennedy wirklich noch zum Präsidentenglück fehlt, ist eine adäquate First Lady. Er hätte keine bessere Wahl treffen können als Jacqueline Bouvier. Aufgrund ihres wohlhabenden Elternhauses toleriert die Familie sie zwar an „Jacks“ Seite, akzeptiert sie aber nie. Während ihres gesamten Ehefrauen-Daseins wird Jackie vom Kennedy-Clan schikaniert. Doch ihre Beliebtheit beim Volk ist unbezahlbar. Die hübsche, junge, weltoffene und engagierte Jackie ist dem Volk oft näher als ihr Göttergatte -- ist sie es doch, die auf die Wähler zugeht, mit ihnen spricht, ihre Sorgen ernst nimmt. Ihre Beliebtheit strahlt auf John ab, der viele Reden vor Wählern so beginnt: „Ich bin der Mann, der an Jackie Kennedys Seite auftreten darf.“ Die kluge Jackie antwortet professionell mit einem Lächeln.

Wirklich stark sind die beiden vor der Kamera, im Wahlkampf und vor allem als strahlendes Präsidentenpaar. Sie sind die Royals der Vereinigten Staaten, mindestens genauso glamourös und sogar noch jünger, schöner, fotogener als die meisten Adligen der damaligen Zeit.

Wahl zum Präsidenten Nach acht Jahren als Senator bewirbt sich John F. Kennedy 1960 um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Tatsächlich wird Kennedy nominiert und führt einen denkwürdigen Wahlkampf gegen Richard Nixon. Besonders die Fernsehduelle, ein Novum im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf, kommen Kennedy zugute: Er hat zwar nicht unbedingt die besseren Argumente und ist auch nur vier Jahre jünger , sieht aber viel besser aus als Nixon – auch, weil er im Gegensatz zu seinem nur vier Jahre älteren Kontrahenten, vorher in die Maske geht.

Mit knapper Mehrheit gewinnt Kennedy schließlich den harten Kampf – mithilfe der nennenswerten Unterstützung seines jüngeren Bruder Robert, der sich als Wahlkampfmanager hervortut. Und natürlich mit reichlich finanzieller Hilfe des Vaters. Am 20. Januar 1961 wird John F. Kennedy als jüngster gewählter Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Er ist der erste – und bisher einzige – Katholik, der dieses Amt bekleidet.

© AP Kennedy wird für die Präsidentschaft nominiert und führt einen denkwürdigen Wahlkampf gegen Richard Nixon. Besonders die Fernsehduelle kommen Kennedy zugute.

„New Frontier“: Reformen, die nicht fruchten Einmal im Amt, ist John Kennedy weit weniger erfolgreich, als sein Ruf heute vermuten lässt. Zwar trägt er zahlreiche innenpolitische Pläne vor, „New Frontier“ heißt sein Programm, das das Bildungs-, Gesundheits- und Steuersystem erneuern soll. Die meisten seiner Reformen scheitern jedoch am Kongress. Die Aufbruchstimmung, die sich Kennedy noch im Wahlkampf zunutze machen konnte, verebbt im politischen Establishment.

Auch sein Vorstoß zur Aufhebung der Rassentrennung scheitert. Seine Frau Jackie soll ihn dazu gedrängt haben – und John selbst ist zu sehr Pragmatiker, als dass er sich öffentlich gegen die Rassisten im Kongress wehren würde. Er bezieht keine klare Stellung, und erst unter seinem Nachfolger wird das entsprechende Gesetz durchgebracht.

  • © dpa John F. Kennedy bei seiner Rede am 26. Juni 1963 vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin. Mit dem legendären deutsch gesprochenen Satz „Ich bin ein Berliner“ drückte Kennedy seine Verbundenheit mit den Menschen in der geteilten Stadt aus.
  • © AP Mehr als 300.000 Menschen kamen in Berlin zusammen, um die Rede anzuhören.
  • © dpa John F. Kennedy, der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke und der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer stehen im Juni 1963 auf der Terrasse der Villa Hammerschmidt in Bonn.
  • © JFK PRESIDEN/REX/Shutterstock Jackie Kennedys Beliebtheit beim Volk strahlt auf John ab. Wirklich stark sind die beiden vor der Kamera, im Wahlkampf und vor allem als Präsidentenpaar.
  • © dapd Am 22. November 1963 wird John F. Kennedy, neben seiner Frau Jackie im offenen Wagen sitzend, erschossen. Sie wird es sein, die das Andenken an ihren Mann von Beginn an pflegt und fördert.
  • © AP Die Limouse mit dem tödlich verwundeten Präsidenten rast Sekunden nach dem Schuss ins Krankenhaus.
  • © AP Jackie Kennedy mit ihren Kindern Caroline und John Jr. bei der Beerdigung ihres Mannes am 25. November 1963

Kalter Krieg und Kuba-Krise Dafür wird Kennedy an der außenpolitischen Front aktiv. Er erhöht die Zahl der amerikanischen Soldaten in Vietnam von etwa 700 auf 16.000. Der Kalte Krieg hält den neuen Präsidenten auf Trab: Unter dem Kommando der CIA landet im April 1961 eine Brigade Exilkubaner in der Schweinebucht in Kuba. Das Ziel: Fidel Castro soll gestürzt werden. Die Kommunisten schlagen die Invasion jedoch nieder und Kennedy muss aufgeben – er will einen offenen Krieg vermeiden. Die missglückte Operation gilt bis heute als eine der größten politischen Niederlagen Kennedys.

Im Juni des Jahres trifft Kennedy während einer Europa-Reise dann zum ersten Mal auf seinen russischen Gegenspieler Nikita Chruschtschow. Die Gespräche fruchten nicht, im Gegenteil: Im Anschluss wird die Berliner Mauer gebaut. Kennedy signalisiert der Sowjetunion früh, dass Konsequenzen ausbleiben – und erteilt so einen Freifahrtschein für den Mauerbau.

© JFK Library / Air Force Television / John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston Berlin 1963: Kennedys berühmte Worte: „Ich bin ein Berliner“

Im Anschluss an die gescheiterte Invasion in der Schweinebucht erspähen amerikanische Aufklärungsflugzeuge ein sowjetisches Frachtschiff, das auf dem Weg nach Kuba ist. Der bestehende Verdacht auf Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba erhärtet sich – und löst einen Konflikt ungeahnten Ausmaßes aus. Es droht der dritte Weltkrieg.

John F. Kennedy wagt eine Gratwanderung: Zwar will er den Atomkrieg nicht riskieren, kann aber angesichts der sowjetischen Bedrohung auch nicht klein beigeben. Gleichzeitig plagt ihn sein Rückenleiden so sehr, dass ihm abwechselnd Schmerzmittel und Amphetamine verabreicht werden. Schließlich äußert Kennedy sich in einer Fernsehansprache und stellt der UdSSR ein Ultimatum: Sollte sie die Raketen nicht aus Kuba abziehen, greift Amerika an.

Das Manöver gelingt, Chruschtschow lenkt in letzter Sekunde ein, und Kennedy lässt sich von der Presse für seinen größten politischen Coup feiern – ungeachtet der Tatsache, dass auch die Vereinigten Staaten einen Kompromiss eingehen: Amerika muss seine Jupiter-Raketen aus der Türkei abziehen.

© Reuters Der Aufbruch zum Mond, der Kalte Krieg, die Kubakrise - die Amtszeit von John F. Kennedy war turbulent.

Tod und Nachwirken Die Wiederwahl vor Augen, beginnt John F. Kennedy im Herbst 1963 seine zweite Wahlkampftour. Bei einer Station in Dallas wird er am 22. November, neben seiner Frau Jackie im offenen Wagen sitzend, erschossen. Sie wird es sein, die das Andenken an ihren Mann von Beginn an pflegt und fördert. Mit Erfolg.

Kennedy gilt bis heute als Symbolfigur für ein neues, liberales Amerika. Er war ein besonderer Präsident. Doch das Bild einer makellosen Ausnahmeerscheinung ist eine Legende.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 29.05.2017 10:27 Uhr