15.11.2009 · Am Sonntag, dem Volkstrauertag, haben Zehntausende Robert Enke die letzte Ehre erwiesen. In Bildern wie jenen aus Hannover spiegelt sich nicht nur das urmenschliche Bedürfnis zu trauern, sondern Trauer und Mit-Leid an einem Ort und zu einer Zeit Raum zu geben.
Von Daniel DeckersEin bekannter Fußballspieler hat seinem Leben in tiefem Dunkel ein Ende gesetzt; ein weltbekannter Musiker ist unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen; das Oberhaupt der weltgrößten Religionsgemeinschaft ist nach monatelangem Todeskampf gestorben; die geschiedene Gattin des britischen Thronfolgers wird Opfer eines Verkehrsunfalls - so verschieden die Charaktere, so unterschiedlich die Todesumstände, so gegensätzlich mitunter die Urteile über die einzelne Person: Wie vor Jahren nach dem Tod von Lady Di und Papst Johannes Paul II., wie in diesem Sommer nach dem Tod von Michael Jackson, so ist es auch in diesen Novembertagen kaum möglich, sich den bewegenden Bildern von der Trauer über den Tod des Nationaltorhüters vor der Zeit und der Anteilnahme Hunderttausender an dem Schicksal seiner Familie zu entziehen.
Denn diese Bilder dokumentierten weit mehr als die jüngste Erregungskurve einer medial vermittelten Öffentlichkeit, die heute dieses und morgen jenes goutiert. In ihnen konfrontiert sich eine Gesellschaft, der Konventionen und selbst Religionen im Umgang mit Leid und Sterben anscheinend immer weniger bedeuten, öffentlich mit dem einzig unausweichlichen Faktum jeder Existenz.
Mögen mehr als die Hälfte der Deutschen mittlerweile in Krankenhäusern und Heimen sterben, mag „selbstbestimmt“ inzwischen höchstrichterlich zum Attribut eines guten Todes geworden sein und mögen anonyme Bestattungen in immer mehr Städten von der Ausnahme zur Regel werden, so spiegelt sich in Bildern wie jenen aus Hannover nicht nur das urmenschliche Bedürfnis zu trauern, sondern Trauer und Mit-Leid an einem Ort und zu einer Zeit Raum zu geben.
Dass dies im Kollektiv leichter fällt als in Vereinzelung, spricht gerade nicht gegen, sondern für Trauerfeiern wie jener vom Sonntag. Und dass es in einem Fußballstadion möglich ist, ein Grundgebet der Christenheit wie das Vaterunser zu sprechen, sollte jenen zu denken geben, die die Verdrängung der Religionen und ihrer Symbole aus dem öffentlichen Raum für einen Ausweis gesellschaftlichen Fortschritts halten. Einst stand ein ritualisiertes Totengedenken am Übergang von der Barbarei zur Zivilisation. Am Sonntag, dem Volkstrauertag, haben Zehntausende Robert Enke so die letzte Ehre erwiesen.
Daniel Deckers Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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