Altkanzler Helmut Kohl (CDU) hat auch am Montag zu dem Vorwurf geschwiegen, er habe Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) im Anschluss an die Sondersitzung des Parlaments zur Flutkatastrophe am Donnerstag in kleiner Runde heftig angegriffen: „Das ist der schlimmste Präsident seit Hermann Göring“, soll Kohl laut „Spiegel“ gesagt haben. Dem Magazin ließ Kohl erklären, er nehme zum Inhalt privater Gespräche keine Stellung.
Für Thierse selbst sind die angeblichen Äußerungen eine „unglaubliche Entgleisung“. Er erwarte, dass sich die Verantwortlichen der Union davon distanzieren, sagte der Sprecher des Parlamentspräsidenten.
Auch SPD, Grüne und FDP verurteilten die Aussage - wenn sie denn so gefallen ist - als nicht hinnehmbar. SPD-Fraktionschef Ludwig Stiegler forderte Kohl zu einer Stellungnahme auf. „Sollte diese Äußerung tatsächlich so gefallen sein, wäre dies eine ungeheuerliche Entgleisung und eine Beleidigung des gesamten deutschen Parlaments“, erklärte er. Der führende Nationalsozialist Göring war 1932 bis 1945 auch Reichstags-Präsident.
„Unglaubliche Beleidigung"
Die Erste Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Fraktion, Katrin Göring-Eckardt, bezeichnete die angebliche Äußerung als „unglaubliche Beleidigung“. Kohl habe Thierse persönlich diffamiert und dem zweithöchstem Amt im Staat schweren Schaden zugefügt. Man erwarte nun von der Union, dass sie sich unverzüglich bei Thierse entschuldige.
Auch die FDP verurteilte die Äußerung. Generalsekretärin Cornelia Pieper erklärte: „Auch wenn es an der Amtsführung Wolfgang Thierses manches zu kritisieren gibt, ist dieser Vergleich, wenn er so angestellt wurde, völlig unakzeptabel.“
Laut „Spiegel“ saß Kohl im Reichstag-Restaurant mit drei bekannten Christdemokraten und einem Ex-Minister der FDP zusammen. Thierse hatte zuvor in der Unions-Fraktion Empörung ausgelöst, weil er während der Rede von Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) sehr spät gegen rot-grüne Zwischenrufer eingeschritten war.
Tischgäste schweigen
Ex-Staatssekretär Willy Wimmer (CDU), der dem Magazin zufolge mit am Tisch saß, wollte die Äußerung weder bestätigen noch dementieren: „Ich kann Ihnen nur raten, sprechen Sie mich nicht auf dieses Thema an.“ Es sei „auch um andere Themen gegangen“. Ex-Staatsminister Bernd Schmidbauer (CSU) und Ex-Wirtschaftsminister Helmut Haussmann (FDP) wollen Kohls Äußerung laut „Spiegel“ nicht gehört haben; der CDU- Abgeordnete Roland Pofalla war für eine Reaktion nicht zu erreichen.