„Dreißig Menschen, die sich bei lebendigem Leib selbst verbrennen. Mütter, Väter. Sie übergießen sich mit Kerosin und zünden sich an. Bei lebendigem Leib. Es ist furchtbar.“ Kelsang Gyaltsen schließt die Augen, seine Hände zittern leicht, während er in einem Café im Züricher Bahnhof über das Schicksal seiner tibetischen Landsleute berichtet.
Eigentlich ist Gyaltsen ein Routinier. Seit vielen Jahren ist er der Gesandte des Dalai Lamas und führt für die Tibeter die Verhandlungen mit der Pekinger Regierung. Er braucht also gute Nerven und hat schon viele schwierige Situationen erlebt. „Aber im Moment ist es wieder ganz schlimm.“
Auch Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao gibt sich angesichts der vielen Selbstverbrennungen bestürzt: „Diese jungen Tibeter sind unschuldig, wir sind tief bekümmert über ihr Verhalten“, sagte Wen vor wenigen Tagen in Peking. Nur kommt die chinesische Regierung zu einem völlig anderen Schluss: Schuld an den vielen Selbstverbrennungen ist aus ihrer Sicht der Dalai Lama.
Die riesige Propagandamaschine der Chinesen
Zhu Weiqun, Vizeminister der Einheitsfront im Zentralkomitee der KP und in der chinesischen Regierung zuständig für Tibet, sagte Anfang des Jahres gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Den Dalai Lama als gewaltlos zu bezeichnen ist ein Witz.“ Indem der Dalai Lama die Tibeter, die sich selbst in Brand gesetzt haben, als Helden bezeichne, ermutige er zu dieser Art der Gewalt gegen sich selbst. Peking wirft den Exiltibetern vor, die tibetischen Gebiete von China abtrennen zu wollen. Würden die Tibeter endlich akzeptieren, das Tibet zu China gehöre, könne man über alles andere sprechen. „Unsere Tür steht nach wie vor offen“, sagte Zhu.
Als Kelsang Gyaltsen diesen Satz hört, reißt er weit die Augen auf. Er schüttelt den Kopf, beugt sich nach vorne und ballt die Fäuste. „Das ist unfassbar. Ich kenne Herrn Zhu seit vielen Jahren und kann ihnen sagen, Herr Zhu sagt viel, nur bedauerlicherweise stimmt vieles davon nicht.“ Gyaltsen spricht aus Erfahrung. Seit 2003 ist Vize-Minister Zhu Weiqun sein Ansprechpartner bei den Verhandlungen über eine Lösung des Tibet-Problems.
An diesem Tag in Zürich muss Gyaltsen nicht verhandeln. Er will erklären, oder, wie er es nennt, die riesige Propagandamaschine der Chinesen entlarven. Gyaltsen holt tief Luft. Mit der rechten Hand umfasst er seine tibetische Gebetskette am linken Handgelenk. Die graumelierten Haare und der dunkle Teint verleihen ihm etwas Sanftes. In ruhigem Ton erklärt Gyaltsen, wie zäh sich die Verhandlungen mit den Chinesen gestalten, dass er seit Januar 2010 viermal um direkte Gespräche mit Herrn Zhu gebeten habe und dass die Antwort jedes Mal ablehnend gewesen sei. Eine offene Tür könne er daher nicht erkennen. „Aber die chinesische Seite kann natürlich nicht öffentlich zugeben, dass kein Interesse an einem Dialog mit uns Tibetern besteht. Diese Blöße geben sie sich nicht.“ Deshalb behaupte Peking bei jeder Wortmeldung des Dalai Lamas, dass dieser Dinge gesagt hätte, die Verhandlungen unmöglich machen würden.
„Aber wenn auf Tibeter geschossen wird, dann hat der Dalai Lama schlicht die Verantwortung, auf diese Taten aufmerksam zu machen - auch im Ausland. Und es ist seine moralische Pflicht, die chinesische Regierung aufzufordern, von der andauernden Gewalt gegen Tibeter abzulassen.“ Es sei immer dasselbe Spiel, seit Jahren. Einige Gruppen innerhalb der Kommunistischen Partei hätten ihre ganze Karriere darauf aufgebaut, Stimmung gegen den Dalai Lama zu machen. „Diese Kräfte sind nicht an einer Versöhnung mit den Tibetern interessiert, weil dann ihre Karriere gefährdet wäre.“
Und so blickt Gyaltsen gespannt auf den für kommenden Herbst vorgesehen Führungswechsel in China. Ministerpräsident Wen Jiabao und Staatspräsident Hu Jintao werden ihre Posten räumen und Platz machen für eine neue Politikergeneration. Derzeit könne er nicht sagen, was Xi Jinping oder Li Keqiang, die designierten neue Führung in Peking, über Tibet denken. „Klar ist, die chinesische Regierung mit ihrer sturen und unnachgiebigen Haltung stellt sich auf die falsche Seite der Geschichte. So wie viele Diktaturen nicht in der Lage waren, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten, so wird auch die chinesische Führung an ihrer Bunkermentalität, an ihrer Arroganz der Macht scheitern.“ Nur reiche eine neue Führung nicht aus.
„Solange Tibeter sterben, wird der Dalai Lama seine Stimme erheben“
Die internationale Gemeinschaft, der Westen und vor allem auch Europa müssten endlich deutlich Stellung beziehen, fordert Gyaltsen. „Das Ansehen Chinas in der Welt ist für die Pekinger Regierung von großer Bedeutung. Vor diesem Hintergrund kann eine feste Position der internationalen Gemeinschaft die chinesische Regierung dazu bringen, ihre Tibet-Politik zu überdenken.“ Doch Gyaltsen ist zu sehr Diplomat, als das er offen die deutsche Regierung kritisieren würde. Er lehnt sich in seinem Ledersessel zurück und setzt zu einem historischen Abriss der deutsch-tibetischen Beziehungen an: Lange Zeit habe es kaum Verbindungen zwischen Deutschland und Tibet gegeben, große Unkenntnis über Geschichte und Kultur seines Volkes sei die Folge gewesen. Erst mit der Flucht des Dalai Lamas habe sich das geändert. „Aber genügt das, um eine Änderung der Situation zu erreichen? Genügt das, um den nötigen Druck auf die chinesische Regierung auszuüben? Da muss ich sagen, es genügt nicht.“
Der Dalai Lama sei als Sympathieträger von unschätzbarem Wert für die Tibeter - hierin sieht Gyaltsen auch einen bedeutenden Unterschied zum Schicksal der Uiguren im Nordwesten Chinas: „Die haben eben keinen Dalai Lama.“ Doch auch die Tibeter haben eigentlich keinen Dalai Lama mehr. Vergangenes Jahr trat Seine Heiligkeit von all seinen politischen Ämtern zurück und übergab die politische Führung dem frisch gewählten Ministerpräsidenten Lobsang Sangay.
„Der Rücktritt des Dalai Lamas ist zum Wohle des tibetischen Volkes“, sagt Gyaltsen allerdings. Als persönlicher Gesandter kann er erklären, was den Dalai Lama dazu bewogen hat: „Er wollte sicherstellen, dass auch nach seinem Ableben der Freiheitskampf fortgesetzt wird. Ein anderer Faktor ist, dass politische und religiöse Befugnisse getrennt sein müssen. Das hat er immer gesagt.“ Gyaltsen sieht darin auch die Chance für eine verstärkte Demokratisierung der Tibeter: „Erst jetzt werden sich viele Tibeter frei genug fühlen, die politische Führung zu kritisieren. Als der Dalai Lama an der Spitze der politischen Verwaltung stand, war es für viele schwierig, den eigenen Guru zu kritisieren. Diese Befangenheit ist jetzt abgefallen von den Tibetern.“ Und der Dalai Lama habe sich mit seinem Rücktritt ja auch nicht vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen: „Solange Tibeter sterben, wird der Dalai Lama seine Stimme erheben und sich öffentlich zu den Missständen in Tibet äußern.“
Gyaltsen sieht den Dalai Lama also als moralische Instanz im Hintergrund, die notfalls besänftigend auf die Tibeter einwirken könne. Bis jetzt habe man es geschafft, den tibetischen Widerstand gegen die chinesische Besatzung gewaltlos zu organisieren. „Und ich bin überzeugt davon, dass, solange der vierzehnte Dalai Lama am Leben ist, die große Mehrheit der Tibeter an diesem gewaltlosen Weg festhalten wird.“ Aber danach? Die Frage stellt sich, schließlich ist der Dalai Lama schon 76 Jahre alt. Gyaltsen ist sich erstmals in dem zweistündigen Gespräch nicht sicher. „Dann kann eine Situation entstehen, die ich mir jetzt nicht ausmalen möchte. Dann kann eine Denkweise sich Bahn brechen, die für die eigene Sache den Sieg und für die anderen die Niederlage fordert.“
Mich würden von dem Dalai Lama zwei Dinge interessieren:
Gerhart Hase (LetzterHase)
- 03.04.2012, 08:45 Uhr
Solidarität mit Tibet
heide Roscher (heiro17)
- 29.03.2012, 09:44 Uhr
Den Tibetern geht es unter den Chinesen wesentlich besser
Albrecht Schmidt (barbaluschmidt)
- 27.03.2012, 10:29 Uhr
Sprachautonomie
Inger-Kristina Wegener (IngerKristinaWegener)
- 23.03.2012, 12:23 Uhr
was DL gesagt und getan hat ist gegen die Verbote des tibetischen Buddhismus
Lila Lee (riverruns77)
- 23.03.2012, 02:44 Uhr