05.09.2010 · Er will die Welt nach seiner Vorstellung gestalten. Das klingt nach viel Selbstvertrauen und noch mehr Arroganz. Was treibt Thilo Sarrazin dazu, ein Jahr nachdem sein Interview über Kopftuchmädchen riesigen Wirbel erzeugte, wieder in die Öffentlichkeit zu treten?
Von Melanie AmannWahrscheinlich tragen Lehrer einen großen Teil der Verantwortung dafür, dass das Leben von Thilo Sarrazin aus den Fugen geraten ist. Seine Frau, Ursula Sarrazin, ist Grundschullehrerin, und wie alle Lehrer befreundet mit anderen Lehrern. Lehrer laden einander zum Essen ein, fahren gemeinsam in Urlaub, sitzen an Sommerabenden auf der Terrasse ihrer Reihenhäuser und im Winter gemütlich am Kamin, vor dem Klavier und den hohen Bücherregalen mit Fontane und Updike.
Und dann reden die Lehrer über die Schule. Über Tanja aus Kiew, die brillant in Mathematik und Musik ist, über die fleißigen vietnamesischen Jungs und ihre ehrgeizigen Eltern und über die Sorgenkinder aus Marokko, Syrien und der Türkei. Sie stellen Vermutungen an, warum sich manche Kinder durchbeißen und warum andere einfach scheitern.
„Hier muss sich niemand integrieren“
Wie „Osmose“ sei es gewesen, sagt Thilo Sarrazin: Immer wieder waberten die privaten, gefühlsgesteuerten Kamingespräche, diese auf anekdotischer Evidenz basierenden Theorien in seinen Beruf hinein. Sie fielen ihm ein, als er im Bonner Bundesfinanzministerium vom Geburtenrückgang hörte. Als er im Mainzer Finanzministerium einen Fonds für die Pensionsansprüche der alternden Beamten austüftelte. Und als er als Finanzsenator in Berlin im Dienstwagen durch Wedding oder Kreuzberg gefahren wurde.
„Als Ökonom habe ich lange Zeit an einen Integrationsautomatismus geglaubt – der Markt werde es richten“, sagt Sarrazin. „Dann merkte ich, dass diese Betrachtung die falschen Anreizstrukturen unseres Sozialstaats völlig ignoriert. Hier muss sich niemand integrieren.“
Kosten, Nutzen und Risiken der Veröffentlichung
Anekdoten und Indizien häuften sich, ein Bauchgefühl meldete sich, das Bauchgefühl wurde zur nagenden Sorge, die Sorge mündete in den Entschluss, die gefühlte Wahrheit statistisch zu untermauern, Lösungen zu finden. Und die Analyse zu veröffentlichen, um jeden Preis. „Deutschland schafft sich ab“ – eine stramme These für einen Bundesbankvorstand mit den Ressorts Risiko-Controlling, Informationstechnologie und Revision.
Über die Vorabdrucke für sein Buch, die Wahl der richtigen Medien, die Talkshow-Auftritte und Lesungen hat sich Sarrazin viele Gedanken gemacht. Auch die Kosten, Nutzen und Risiken der Veröffentlichung hat der Ökonom abgewogen. Jetzt ist ihm nicht nur die Präsentation entglitten, er muss seine ganze Prognose korrigieren, wie die Ökonomen in der Finanzkrise ihre Konjunkturprognosen.
War es die Sache wert?
Dass sein Buch alle Bestsellerlisten stürmt und nach fünf Tagen schon die sechste Auflage im Druck ist, hat Sarrazin nicht einkalkuliert. Ebenso wenig, dass der Bundesbank-Vorstand einstimmig seine Abberufung fordern würde, dass die Kanzlerin sich gegen ihn stellt, sogar auch der Bundespräsident, ganz unverblümt mehrere Minister, der Zentralrat der Juden und all die Gestalten, die sein Buch mal gelesen haben, mal nicht und mal nur teilweise.
War das die Sache wert? Dazu sagt Thilo Sarrazin jetzt nichts. Aber was bitte ist überhaupt „die Sache“? Was treibt den 65-Jährigen dazu, ein Jahr nachdem sein Interview über Kopftuchmädchen, Wärmestuben und Gemüsetürken einen riesigen Wirbel erzeugte, wieder in die Öffentlichkeit zu treten? Mit der These, dass türkische Gastarbeiter „sicher keinen Beitrag zu unserem Wohlstand erbracht haben“ oder dass „bei höherer relativer Fruchtbarkeit der weniger Intelligenten die durchschnittliche Intelligenz der Grundgesamtheit sinkt“.
„Ich wollte in die Nähe der Macht“
Was treibt Sie an? – Vor vier Jahren hat Sarrazin die Frage schon einmal in einem Fragebogen beantwortet: „Die Welt ein Stück weit so zu gestalten, wie ich sie mir vorstelle.“ Ganz schön anmaßend. Dr. Sarrazin gestaltet, aus Sorge um Deutschland. Dazu braucht es ein unerschütterliches Selbstvertrauen, eine ordentliche Portion intellektueller Arroganz und ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein.
Sein Gestaltungswille trieb Sarrazin nach Studium und Promotion in den öffentlichen Dienst. „Ich wollte in die Nähe der Macht“, wird er später sagen. Schon der junge Ministerialbeamte Sarrazin wies gern darauf hin, dass nicht etwa er auf Befehl der Minister handelte, sondern diese seine Thesenpapiere umsetzten. „Ich musste ihn gelegentlich daran erinnern, dass er die Währungsunion nicht allein konzipiert und umgesetzt hat“, sagt sein Förderer Theo Waigel.
Seine Chefs ließen den klugen Querkopf gewähren
Aber Sarrazin wusste sich als „geschätzten Ansprechpartner für die Medien“ und wirkte unbekümmert weiter „für meine Ziele“. Das bekümmerte andere. Hans Tietmeyer, sein damaliger Chef im Ministerium, erklärte ihm, dass Amtsträger sich zu allen Themen äußern dürfen, für die sie nicht zuständig sind. „Die Regel habe ich stets eingehalten“, sagt Sarrazin.
Seine Chefs ließen den klugen Querkopf gewähren. Auch Edgar Meister, 1991 Finanzminister in Rheinland-Pfalz, dessen Staatssekretär Sarrazin wurde: „Wenn es ein Gen für geniale Finanzexperten gibt, dann hat er es“, sagt Meister trocken. „Leider hat er noch ein anderes Gen, das ihn dazu treibt, immer ein bisschen zu weit zu gehen.“ Und Leute mit Lust gegen sich aufzubringen, etwa die Förster. Anstatt bei ihnen wie befohlen für eine unbeliebte Forstreform zu werben, belehrte der Staatssekretär sie, dass „der Wald auch ohne Förster wächst“.
Sarrazin blieb nicht lange im Amt
Stur, rechthaberisch, arrogant – als Sarrazin 1997 nach Berlin ging, zur staatlichen Treuhand Liegenschaftsgesellschaft (TLG), genoss er einen Ruf wie Streber Adalbert aus den Geschichten vom kleinen Nick: Alle Kinder würden ihm gern auf die Nase hauen. Aber das dürfen sie nicht, weil der eine Brille hat. Und hinter der Brille rechnet Sarrazin schneller und denkt schärfer als alle anderen.
Weil er das selbst am besten weiß, interessieren ihn die Meinungen anderer bis heute wenig, auch wenn sie von oben kommen. „Sarrazin machte sich bei der TLG irgendwann selbständig“, sagt Manfred Overhaus, damals Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. „Er war nicht bereit, seine Strategie zu diskutieren. Als kreativer, kritischer Kopf hielt er wenige Leute für intellektuell satisfaktionsfähig.“ Lang blieb Sarrazin nicht im Amt.
„Verstoß gegen die Vorstandsloyalität“
Auch nicht in seiner nächsten Station bei der Bahn. Von dort funkte Sarrazin am Konzernvorstand vorbei ins Verkehrsministerium: Man solle bloß nicht dem Wunsch von Hartmut Mehdorn nachgeben, Geld für Bauprojekte ins nächste Jahr zu strecken – das sei reine Verschwendung. „Das war ein Verstoß gegen die Vorstandsloyalität“, sagt Mehdorn. „Es stand Sarrazin nicht zu, gegen die Beschlusslage politisch Einfluss zu nehmen.“
Sarrazin konnte und kann nicht anders. Was er ausrechnet, ist richtig, und was richtig ist, muss gesagt, gehört und umgesetzt werden: „Ich wollte nie für Dinge verantwortlich sein, die ich für falsch halte.“ Deshalb nannte er als Berliner Finanzsenator seinen ersten Haushalt klipp und klar verfassungswidrig. Deshalb ernährte er sich nach Hartz-IV-Budget und verkündete, das Geld reiche völlig aus. Überhaupt sollten Arbeitslose lieber schwarzarbeiten als faulenzen.
Die Marke Sarrazin
Bald meldeten sich Verlage mit Ideen für Buchprojekte. Alle sprachen von einer Marke Sarrazin. „Ich werde unabhängig von meinen Ämtern wahrgenommen. Als Person, die etwas zu sagen hat.“ In der Bundesbank konnte er schon lange nicht mehr gestalten. Aber er hatte noch so viel zu sagen. Über Arbeitsmarkt und Sozialsystem, Bildung und Chancengleichheit, Demographie und Integration – alles sauber berechnet, mit einem unangenehmen Ergebnis. Da muss die Gesellschaft eben durch.
Als Sarrazin vor einem Jahr, das große Buch war halbfertig, mit ein paar Sätzen einen Sturm auslöste, da wusste er: Nicht nur er hat viel zu sagen. Die Bürger mögen, was er sagt. Nicht die klugen Kollegen in der Bundesbank, aber die Nachbarn, die unbekannten Leute beim Bäcker und im Supermarkt, die Autofahrer, die hupten und winkten. Nicht immer waren sie auf Sarrazins Niveau, aber sie waren auf seiner Linie. Fast 1000 Briefe heftete er ab, „nur wenige negativ, drei beleidigend, höchstens fünf Prozent mit brauner Färbung. Das gab mir moralische Unterstützung.“ Der Bundesbank versprach er öffentlich: „Ich werde mehr Vorsicht und Zurückhaltung walten lassen.“ Daheim rechnete Sarrazin weiter und machte sich mit bewährter Methode auch an Themen, die er nicht studiert hatte damals am Institut für Industrie- und Verkehrspolitik der Universität Bonn.
„Ich habe keine Umarmungen und Dankesrufe erwartet“
Aber jetzt melden sich Experten, die vor seinen Thesen und Tabellen nicht den Hut ziehen. Die Intelligenzforscherin, auf die er sich beruft, sagt, er habe sie nicht verstanden. Mehr Kinder aus der Unterschicht machten das Land nicht dümmer. Das Statistische Bundesamt sagt, man könne den Mikrozensus nicht über Jahrzehnte weiterrechnen, sondern möge bitte ein, zwei Weltkriege einplanen, Finanzkrisen, Meteoreinschläge.
Alles eingepreist, winkt Sarrazin ab, der sich schon als Kind selbst das Lesen beibrachte. „Ich habe keine Umarmungen und Dankesrufe erwartet“, sagt er trotzig. Aber auch nicht, dass linke Gruppen sein Gesicht auf ein Foto des Entführungsopfers Peter Lorenz montieren. Dass eine Zeitung haargenau beschreibt, wo er wohnt. Dass er selbst mit jedem krummen Satz, jedem tapsigen TV-Auftritt alles noch schlimmer macht. Und dass die Akteure, die er zum Handeln bewegen will, jetzt auch seine richtigen Tabellen ignorieren. „Sarrazin fehlt die Einsichtsfähigkeit“, urteilt die Bundesbank. Jetzt wird sein Leben gestaltet.
Der Mensch
Thilo Sarrazin wurde 1945 in Gera geboren, wuchs in Recklinghausen auf und arbeitete nach VWL-Studium und Promotion bei der Friedrich-Ebert-Stiftung. Es folgte eine Ministerialkarriere; der Vater zweier Söhne stieg im Bundesfinanzministerium auf, gestaltete die deutsche Währungsunion mit und wurde in Rudolf Scharpings Mainzer Regierung Finanzstaatssekretär. Posten bei der Treuhand und im Vorstand der Bahn-Tochter DB Netz AG verließ er im Streit. Als Finanzsenator brachte er Berlins Haushalt mit straffem Sparkurs auf die Spur und wurde bundesweit mit Sprüchen über Hartz-IV-Empfänger bekannt. 2009 wurde Sarrazin Bundesbank-Vorstand, nach dem Wirbel um sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ erbat die Bank seine Abberufung. Seit einer Ohrenoperation ist Sarrazins rechte Gesichtshälfte teilweise gelähmt.
Die Bank
Die Bundesbank ist die „Bank der Banken“, sagt sie selbst. Über sie refinanzieren sich die Geldhäuser, und über sie wird die Wirtschaft mit Bargeld versorgt. Präsident Axel Weber wirkt über seinen Sitz und seine Stimme im Europäischen Zentralbankrat an geldpolitischen Entscheidungen mit. Die sechs Vorstandsmitglieder werden je zur Hälfte von Bundesregierung und Bundesrat vorgeschlagen und vom Bundespräsidenten ernannt. Sarrazin wurde von Berlin und Brandenburg vorgeschlagen. Wie er jetzt abzuberufen ist, darüber debattieren die Juristen noch fleißig. Für eine Amtsenthebung von Vorständen vor Ablauf ihres Vertrages gibt es keine Regeln. Die Bundesbank soll unabhängig von Weisungen der Bundesregierung arbeiten - jetzt wird gestritten, ob die Bitte um Sarrazins Abberufung nicht auch auf politischen Druck hin geschah.
Melanie Amann Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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