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Terroristen - Europa Jeder hilft, so gut er kann

13.06.2004 ·  Ermittlern wird immer klarer, wie kompakt der Kern islamistischer Extremisten in Europa ist. Aktivisten haben über Jahre ein feines Netz aus Kontaktpersonen gespannt und sind im Visier der Behörden.

Von Dirk Laabs
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Als Imad Barakat, einer der mutmaßlichen Anführer von Al Qaida in Spanien, im April 2002 verhaftet wurde, mußte er nicht nur seine Gefolgsleute zurücklassen, sondern auch Haus, Frau und seine sechs Kinder. Ein Freund Barakats kümmerte sich deshalb um dessen Familie, arrangierte für sie sogar den Umzug in ein neues Domizil. Die spanische Polizei filmte den Freund dabei und beobachtete ihn auch danach auf Schritt und Tritt. Der gute Geist war Sarhane Ben Abdelmajid Fakhet, genannt "der Tunesier". Obwohl er observiert wurde, konnte dieser Mann die Anschläge auf die Vorortzüge in Madrid im vergangenen März fast zwei Jahre lang wesentlich mitplanen. Drei Wochen nach dem Blutbad sprengte er sich mit weiteren Mittätern in einem Apartmenthaus in die Luft.

„Mohammed der Äqypter“ lebte im Saarland

Doch die spanischen Ermittler suchten weiter nach Komplizen. Denn schon 2002 war der spanischen Polizei bei der Beschattung des Tunesiers etwas aufgefallen: Er schien eine Art Mentor zu haben. Dieser war für die Polizei ein alter Bekannter, ein Mann, der auch andere Islamisten in Madrid immer weiter zu radikalisieren schien: Rabei Osman Sayed Ahmed, genannt "Mohammed der Ägypter" - da er, wie er später den Behörden mit einem Paß belegte, tatsächlich in Ägypten geboren wurde.

Die spanischen Behörden ermittelten zudem, daß Mohammed eine Zeitlang im Saarland gelebt hatte. Die Spanier wandten sich direkt an das Landeskriminalamt dort. Dessen Beamte fanden heraus, daß die Kollegen recht hatten: Im April 1999 hatte Mohammed versucht, von Frankreich kommend, nach Deutschland einzureisen. An der Grenze wurde er gestoppt. Er behauptete, Palästinenser zu sein. Die Behörden glaubte ihm nicht, sperrten ihn zunächst in eine Justizvollzugsanstalt bei Saarbrücken ein.

Flucht nach Spanien

Später, im September 2000, kam er in ein Asylbewerberheim im saarländischen Lebach - die Behörden wußten nicht, wohin sie den vorgeblich Staatenlosen abschieben sollten. In dem Auffanglager richtete Mohammed einen Gebetsraum ein und begann dort, ausführlich gegen Juden zu hetzen. Das saarländische Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) beobachtete ihn daraufhin - wie es zu diesem Zeitpunkt das Bundesamt für Verfassungsschutz und andere Landesämter im ganzen Land mit Dutzenden anderen Islamisten ebenfalls taten.

Nach dem 11. September 2001, als sämtliche "übliche Verdächtige" überprüft wurden, suchten die Ermittler des saarländischen LfV auch nach Mohammed - ohne Erfolg. Sie stellten fest, daß sich der Ägypter im August 2001 abgesetzt hatte. Relativ bald muß er dann nach Spanien gereist sein und unter anderem dort "den Tunesier" getroffen haben, vermuten Ermittler. Gemeinsam begannen die beiden dann mit weiteren Komplizen die Anschläge von Madrid zu planen, denn wie Mohammed später einem Komplizen sagte, begannen die Vorbereitungen für die Anschläge von Madrid zweieinhalb Jahre vor dem blutigem 11. März 2004.

Das saarländische Landeskriminalamt ermittelte

Deutsche Ermittler betonen daher jetzt, es könne keine Rede davon sein, daß die Madrider Anschläge in Deutschland geplant wurden. Dennoch ermittelt die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe gegen Mohammed wegen der Anschläge in Madrid. Ein Verfahren gegen einen Marokkaner, der sich kurz in Darmstadt aufhielt, läuft schon seit längerem. Die Bundesanwaltschaft fühlt sich zuständig, weil es bei den Anschlägen von Madrid auch deutsche Opfer gab. Daß es wirklich irgendwann zu einer Anklage kommt, ist unwahrscheinlich; die spanische Justiz hat Vorrang.

Im April 2003 - noch vor den Anschlägen in Casablanca - hatten sich die spanischen Ermittler an deutsche Behörden gewandt. Nach Abgleich von Fingerabdrücken und verschiedenen Bildern von "Mohammed" hatte das LKA Saarland festgestellt, daß "der Ägypter", hinter dem die Spanier her waren, tatsächlich der staatenlose Hobby-Imam aus dem Saarland war. Das LKA wandte sich an den Generalbundesanwalt; im Auftrag der Karlsruher Ankläger ermittelte das LKA wegen der möglichen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Nach einem Monat hatten die saarländische Kripobeamten die Telefonate des Ägypters überprüft, die er bis August 2001 geführt hatte. Konkretes kam dabei nicht heraus, für eine Anklage reichte es schon lange nicht, die Sache ruhte.

Verhaftung in Mailand

Bis letzte Woche. Da verhafteten die italienischen Behörden Mohammed in Mailand. Sie informierten die Karlsruher Ankläger umgehend über neue Beweise, die es zuhauf gab; schließlich hatte die italienische Polizei Mohammed wochenlang observiert. Am Telefon prahlte er oft und gern, einem Freund soll er gesagt haben: "Ich sage dir die Wahrheit - die Madrider Spur führt zu mir, obwohl ich nicht dort war, als es passierte. Vor der Operation, am 4. (März), hatte ich Kontakt mit ihnen. Aber erzähl' bloß niemandem davon. Ich bewege mich allein, sie dagegen arbeiten in Gruppen. (...) Diese Märtyrer in Madrid waren meine geliebten Brüder. Das war mein Projekt, ein Projekt, für das ich viel Geduld und Vorbereitung brauchte, es hat mich zweieinhalb Jahre gekostet!" Die Telefonate wurden mitgeschnitten. Verhaftet wurde Mohammed, weil die Italiener fürchteten, seine Planungen für einen Anschlag, möglicherweise in Belgien, stünden kurz vor der Umsetzung.

Die federführenden Ermittler wiederum, die spanischen Behörden, sind sich jedoch keineswegs sicher, daß Mohammed tatsächlich der Kopf der Anschläge von Madrid war. Er gilt zwar als sehr gefährlich, wurde noch in der ägyptischen Armee zum Sprengstoffexperten ausgebildet, war in Afghanistan in einem Terrorcamp. Den entscheidenden Mann hinter den Madrider Anschlägen wähnt man jedoch noch auf freiem Fuß. Als Komplize wollen die Spanier Mohamed dennoch anklagen, ein Auslieferungsantrag an Italien läuft. Die Spanier wollen die Rolle Mohammeds noch nicht abschließend beurteilen, denn sie wußten schon von ihren Observationen, daß er in der Zeit vor dem 11. März viele Reisen durch ganz Europa machte und offenbar mit anderen Dingen beschäftigt war. Dabei soll es auch um die Rekrutierung von Kämpfern für den Irak gegangen sein.

Islamistische Aktivistengruppe hat einen kompakten Kern

Langsam wird den Ermittlern in ganz Europa nun klar, daß sich offenbar drei Operationen überschneiden: der 11. September, der 11. März und der Versuch europäischer Islamisten, Selbstmordattentäter in den Irak einzuschleusen. Eine große Gruppe von Islamisten in Europa hat sich bald nach dem Einmarsch der britischen und amerikanischen Truppen in den Irak zu einem Netz zusammengeschlossen und versucht, Kämpfer in den Irak zu bringen. Viele Aktivisten sind bereits aufgeflogen und verhaftet worden: unter anderem in Spanien, Belgien, Italien - und Hamburg. Von dort stammen mindestens zwei der Köpfe dieses Rekrutierungsnetzes, das der Gruppe "Ansar al-Islam" zugerechnet wird. Einer dieser Anführer, Abderrazak M., ist Algerier und wurde im April nach Italien ausgeliefert.

Die Ermittler erkennen immer deutlicher, wie übersichtlich die Gruppe der islamistischen Aktivisten in Europa und wie kompakt ihr Kern ist, so daß sich offenbar fast alle angehenden Terroristen untereinander kennen. Viele Mitglieder der Ansar-Zelle beispielsweise waren auch mit den Attentätern des 11. September gut bekannt. Sie schauten gemeinsam Propagandavideos, stachelten sich gegenseitig an. Besonders interessant ist der Fall von Naamen M., einem Franzosen. Er soll einer der Irak-Schleuser sein, war außerdem aber eng mit Ramzi Binalshibh befreundet, einem der Chefplaner des 11. September, der lange in Hamburg lebte. Kurz bevor sich auch Naamen M. - wie "der Ägypter" - im August 2001 zeitweilig aus Deutschland absetzte, telefonierte Binalshibh mit ihm.

Ein Netz mit persönlichem Charakter

Naamen M. lebt wieder in Hamburg, ist auf freiem Fuß. Er ist mit der Tochter eines prominenten Mannes verheiratet: Scheich Fazazi - der nicht nur die Attentäter von Madrid, sondern auch die von Casablanca zu ihren Anschlägen religiös motiviert haben soll. Fazazi, ehemaliger Stammgast auch in radikalen Moscheen in Hamburg, verbüßt inzwischen eine Haftstrafe von 30 Jahren in Marokko. Jeder kennt jeden, jeder plant und hilft in diesem Netz bei verschiedenen Operationen mit, so gut es geht - ohne den genauen Plan zu kennen.

Das alles heißt nicht, daß Männer wie Naamen M. auch die Anschläge des 11. September mitgeplant haben. Die Ermittler glauben aber, daß die vielen Kontaktpersonen der Attentäter des 11. September, auf die sie seit fast drei Jahren immer wieder stoßen, allesamt potenziell hochgefährlich sind. Und diese Männer haben untereinander ein feines Netz aus persönlichen Kontakten gewoben; manchmal sind die Verbindungen auch enger, gar familiär. Der Kopf der Hamburger Irak-Schleuser etwa, Abderrazak M., hatte zwei Brüder in Spanien. Sie wurden im vergangenen Monat verhaftet; sie sollen das Geld für die Schleuser-Operation besorgt haben. Einer der Brüder hatte Kontakte zu den Attentätern von Madrid. Andere Männer, die im Zusammenhang mit den Anschlägen von Madrid verhaftet wurden, hatten auch Binalshibh gefälschte Pässe besorgt, so daß er kurz vor dem 11. September fliehen konnte.

Kontakte zwischen Hamburg und Spanien

Die Verbindungen zwischen Spanien und Hamburg sind vielfältig und solide. Dennoch gibt es noch nicht einen einzigen Hinweis darauf, daß irgendein Aspekt der Anschläge von Madrid in Deutschland geplant worden ist, wie ein deutscher Ermittler klarstellt. Ein Verfassungsschützer sagt jedoch, er warte jede Minute darauf, daß eine enge Verbindung zwischen den Attentätern von Madrid und Hamburger Islamisten bewiesen werden könne. All diese Kontakte könnten kein Zufall sein. Alle deutschen Ermittler nehmen zudem wieder einmal mit Schrecken zur Kenntnis, daß sowohl "der Tunesier" als auch "der Ägypter" eng beschattet wurden, aber trotzdem in aller Seelenruhe den Mord an 190 Menschen planen konnten.

"Die Madrider Spur führt zu mir", prahlte
Rabei Osman Sayed
Ahmed alias "der
Ägypter". Foto Reuters

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.06.2004, Nr. 24 / Seite 5
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