06.08.2004 · Bei den Razzien in Großbritannien soll der Polizei auch ein hochrangiges Al-Qaida-Mitglied ins Netz gegangen sein. Medien berichten zudem über geplante Anschläge auf Schiffe.
Die britische Polizei hält offenbar ein mutmaßlich hohes Al-Qaida-Mitglied in Haft. Der Häftling, von dem nur der Tarnname Abu Eisa al Hindi bekannt ist, soll eine Schlüsselrolle im europäischen Teil des Terrornetzes spielen. Vor allem aber soll er Anschläge in Großbritannien geplant haben.
Die Nachricht erreichte die Öffentlichkeit kurz nach der jüngsten Reihe von Verhaftungen in London und in der Provinz. Zwölf der dreizehn Verdächtigen wurden auch am Donnerstag noch in der sichersten Londoner Polizeistation in Paddington verhört; einer war rasch wieder freigelassen worden. Zur selben Zeit wurde bekannt, Terroristen hätten auch einen Anschlag auf den Londoner Flughafen Heathrow geplant. Sprecher britischer Muslime haben sich beschwert, ihre Gemeinschaft sei das Ziel einer kollektiven Verdächtigung geworden.
So wenig Details wie möglich
Über die Verhaftungsreihe vom Dienstag teilen die britischen Behörden bisher so wenig wie möglich mit. Es ist nicht einmal offiziell bestätigt, daß alle festgenommenen jungen Männer Briten pakistanischer Herkunft sind. Ein hoher Vertreter der amerikanischen Regierung sagte nach Angaben der "New York Times", die Festnahmen stünden "womöglich" in direkter Verbindung mit Warnungen der Geheimdienste vor Gefahren für Finanzgebäude in Washington, New York und Newark, die die Regierung Bush am Sonntag zu einer Erhöhung der Terrorwarnstufe bewogen hatten. Die amerikanische Regierung habe "enormes Interesse" an Abu Eisa al Hindi. Die britischen Verhaftungen, so der Amerikaner, beruhten zum Teil auf den bei der Verhaftung des pakistanischen Computerfachmanns und mutmaßlichen Al-Qaida-Mitglieds Naeem Noor Khan gewonnenen Informationen, die zur Erhöhung der Terrorwarnstufe für die amerikanischen Finanzgebäude geführt hätten.
Khan war am 13. Juli in Lahore festgenommen worden; eine Woche später wurde sein Computer gefunden und Material entschlüsselt. Der spätere Zugriff auf die dreizehn Verdächtigen war in Großbritannien allerdings als Ergebnis langwieriger Routine beschrieben worden. Doch es gibt auch Hinweise auf akute Entwicklungen. Bei einem Einsatz nach dem Handbuch kommt die Polizei im Morgengrauen; diesmal fand die Aktion am hellen Nachmittag statt, und zwei Verdächtige wurden sogar aus dem fahrenden Auto geholt und durchsucht.
"Schätze" im Computerspeicher von Lahore
Der Plan für einen Anschlag auf Heathrow gehört zu den "Schätzen" im Speicher jenes Computers von Lahore. In den Nachrichten aus Pakistan trägt der verhaftete Computerfachmann neben dem Namen Naeem Noor Khan auch den Namen Abu Talha. Er sei gebildet, spreche vorzüglich Englisch und sei ungehindert sechsmal in Großbritannien unterwegs gewesen. Bei der Verhaftung hat man Pläne und Fotos des Flughafens bei ihm gefunden. Weiteres wurde nicht verraten. So erfuhr man nicht, ob der Attentatsplan eine historische Anekdote ist oder ein potentielles Projekt für die Zukunft.
Nach Angaben von Scott McClellan, dem Sprecher des Weißen Hauses, ist Khan ein "aktives Mitglied" Al Qaidas, das Verbindungen zu anderen Al-Qaida-Mitgliedern habe, die an der Planung von Anschlägen gegen amerikanische Ziele beteiligt seien. McClellan teilte weiter mit, daß es neben dem drei bis vier Jahre alten Material über die Observierung der amerikanischen Finanzgebäude, das in Khans Computer gefunden worden sei, noch einen zweiten Strang neuer Informationen gebe, von dem die Regierung erst am Freitag erfahren habe. Dazu berichtete die "Washington Post" unter Berufung auf einen hohen Regierungsmitarbeiter, die neuen Informationen stammten von einer Al-Qaida-Quelle im Ausland. Sie habe den Verdacht bestätigt, daß die Terrororganisation vor der Präsidentenwahl im November einen Angriff plane und dabei Finanzgebäude in New York ins Visier genommen habe.
Internationale Anti-Terror-Operationen
Als Reaktion auf die von Khan gewonnenen Informationen und die jüngsten Hinweise vom vergangenen Freitag liefen im In- und Ausland Operationen zur Zerschlagung von Terrorzellen, hieß es aus der Regierung. So sei die Bundespolizei FBI bemüht herauszufinden, ob sich gegenwärtig Al-Qaida-Mitglieder in den Vereinigten Staaten aufhielten. Der Nachrichtensender CNN berichtete unter Berufung auf pakistanische Geheimdienstkreise und amerikanische Regierungsvertreter, Mitglieder von Al Qaida in Pakistan hätten in den vergangenen Monaten Kontakt zu mindestens sechs Personen in den Vereinigten Staaten aufgenommen. Bislang haben die Behörden keine Hinweise darauf, wer an der Observierung der Finanzgebäude beteiligt war, für die erhöhter Alarm gilt.
Zumeist ordentliche Leute aus guten Familien
Die inhaftierten pakistanisch-britischen Verdächtigen sind entweder Opfer eines Irrtums, oder sie bestätigen eine Beobachtung, die Scotland Yard mehr beunruhigt als manches andere: Sie sind nicht Hitzköpfe oder Anarchisten, sondern zumeist ordentliche Leute aus guten Familien. Einer ist Student und Sohn eines Fischhändlers, einer Dekorateur, ein anderer verkauft Autos. Das könnte bedeuten, daß heute auch in der gutbürgerlichen Schicht der islamischen Minderheit eine Bereitschaft zum Extremismus wächst, nicht nur im Proletariat, das "nichts zu verlieren hat als sein Elend". Es könnte aber auch heißen, daß es den Terroristen gelungen ist, sogenannte "Schläfer" oder "Schläferzellen" heranzuziehen, die sich möglichst unauffällig im Mittelstand versteckt halten.
Unterdessen wurden zwei führende Geistliche einer Moschee in Albany im Bundesstaat New York wegen Unterstützung terroristischer Aktivitäten verhaftet. Die Männer, die verdächtigt werden, Mitglieder der extremistischen Gruppe Ansar al Islam zu sein, hatten nach Angaben der Ermittler versucht, einem verdeckten Ermittler durch Geldwäsche beim Erwerb einer schultergestützten Rakete zu helfen. Die Verhaftungen folgten auf Durchsuchungen, die die Polizei in einer Moschee und in zwei Wohnvierteln in Albany am späten Mittwoch abend und am frühen Donnerstag morgen vorgenommen hatte.