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Terrorismus Das Phantom

22.12.2004 ·  Auch nach drei Jahren „Jagd“ fehlt von Usama Bin Ladin noch jede Spur. Verschwörungstheorien begleiten diese größte Fahndung aller Zeiten von Anbeginn. Bestätigt hat sich bisher keine.

Von Jochen Buchsteiner
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Was macht eigentlich Usama Bin Ladin? Immer wenn es ruhig wird um den am meisten gesuchten Terroristen, meldet er sich im arabischen Fernsehen zurück, wie zuletzt vor den amerikanischen Präsidentenwahlen. Jünger wird er mit den Fluchtjahren nicht, aber verzweifelt, wie ein Mann unter Druck, wirkt er in seinen Videos auch wieder nicht. Mit jeder "Botschaft", die er an die Welt aussendet, spitzt sich eine Frage zu, die sich an die internationale Anti-Terror-Allianz richtet: Ist sie nicht fähig, ihn zu stellen - oder will sie nicht?

An entschiedenen Worten mangelt es nicht. Wenn Bin Ladin glaube, er könne sich vor den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten verstecken, dann täusche er sich, sagte George W. Bush kurz nach dem 11. September 2001. Seither wurde oft Optimismus verbreitet. Immer wieder hieß es, sein Aufenthaltsort sei "eingekreist" und man sei ihm "dicht auf seinen Fersen". Im vergangenen Frühjahr zeigte sich ein Sprecher der amerikanischen Truppen in Afghanistan sogar "sicher, daß wir Usama Bin Ladin dieses Jahr fassen werden".

Zehn Milliarden Dollar Kosten pro Jahr

Zwischen 10.000 und 20.000 Soldaten stationierte Washington in den vergangenen drei Jahren in Afghanistan - bis zu viermal mehr, als die parallel tätige Internationale Schutztruppe Isaf in ihren Reihen hat. Das Ziel der amerikanisch geführten Kampftruppen, die im Rahmen des "Enduring Freedom"-Mandats entsandt wurden, ist es, "Führungs- und Ausbildungseinrichtungen von Terroristen auszuschalten, Terroristen zu bekämpfen, gefangenzunehmen und vor Gericht zu stellen sowie Dritte dauerhaft von der Unterstützung terroristischer Aktivitäten abzuhalten". Etwa zehn Milliarden Dollar läßt sich Washington sein personal- und materialintensives Engagement in Afghanistan Jahr für Jahr kosten.

Ohne Wirkung blieb das nicht. Weltweit sollen mehr als 3000 Al-Qaida-Anhänger "unschädlich" gemacht worden sein, heißt es in Washington. Zwei Drittel der Hauptkader seien ausgeschaltet. Aber die Schlüsselfigur des islamistischen Terrors und sein Stellvertreter Ayman al Zawahiri befinden sich nach wie vor auf freiem Fuß. Geheimdienstmitarbeiter und andere, die sich für informiert halten, vermuten, daß sich die beiden Führer inzwischen getrennt haben, aber nach wie vor im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet leben. Weil keine Funksignale aufgefangen werden können, glaubt man, daß die beiden über Kuriere miteinander kommunizieren und so auch Verbindung zu Terrorzellen außerhalb aufrechterhalten. Wie gut ihr Netz noch immer funktioniert, ließ sich an der mühelosen Verbreitung des jüngsten Videofilms ablesen: Er wurde einfach vor der Tür des Al-Dschazira-Büros in Pakistans gut bewachter Hauptstadt Islamabad abgelegt.

Eine Offensive nach der anderen

So viele "Offensiven" hat Washington in den vergangenen Jahren eingeleitet, daß ihre Namen fast wieder in Vergessenheit geraten sind: "Anaconda", "Bergsturm", "Wüstenlöwe", "Mutiger Schlag", die letzte, unlängst angekündigt, nennt sich "Blitzfreiheit". Weder mit militärischer Wucht noch mit dem Einsatz von "Spezialkommandos", Aufklärungsflugzeugen und raketenbestückten Drohnen gelang es der amerikanisch geführten Allianz, in das Zentrum des Feindes vorzudringen.

Dort, wo die Soldaten Stützpunkte eingerichtet haben (wie in Kandahar), kontrollieren sie die Lage weitgehend, aber außerhalb ihrer Lager bleiben sie mißtrauisch beäugte Eindringlinge ohne Rückhalt in der Bevölkerung. Journalisten, die an der militärischen "Jagd" in diesen Gebieten teilnehmen durften, berichten von "unzuverlässigen Informanten" und "schlechten Übersetzern". Die Sympathie der meisten Paschtunen gehört weiterhin den radikalen Glaubensbrüdern, nicht den amerikanischen Soldaten.

Schwachstelle auf der östlichen Seite des Paschtunengürtels

In Washington und Kabul wird die eigentliche Schwachstelle auf der östlichen Seite des Paschtunengürtels verortet, in den pakistanischen "Stammesgebieten". Immer wieder zögen sich die in die Defensive getriebenen Terroristen hinter die Grenze zurück, wohin die Amerikaner ihnen nicht folgen dürfen, heißt es bei den enttäuschten Militärs. Obwohl Islamabad unlängst zum "Haupt-Nicht-Nato-Verbündeten" Amerikas erhoben wurde, besteht Präsident Musharraf darauf, seinen Teil der Grenzregion mit eigenen Mitteln zu kontrollieren.

Nach offiziellen pakistanischen Angaben kämpfen in den Stammesgebieten etwa 500 bis 1000 Einheimische an der Seite von bis zu 300 ausländischen, überwiegend usbekischen Terroristen. Der Wert dieser Schätzungen ist allerdings gering. Sie lassen sich ebenso schwer verifizieren wie die Vollzugsmeldungen aus Islamabad. Denen zufolge sind bei den zurückliegenden Razzien, in die bis zu 25.000 Sicherheitskräfte involviert gewesen seien, 246 "Militante" getötet und 579 inhaftiert worden. 200 pakistanische Soldaten hätten bei den Offensiven, vor allem in Waziristan, ihr Leben gelassen. Im Ergebnis sind Musharrafs Offensiven deprimierend. Bin Ladins Spur, sagte er unlängst in London, sei "erkaltet".

Ein köchelnder Anti-Terror-Krieg günstiger als ein beendeter?

Über die Entschiedenheit des pakistanischen Militärherrschers sind die Ansichten geteilt. Die Anhänger des Generals bekräftigen sein persönliches Engagement, seit erwiesen sei, daß die Spuren zu den Mordanschlägen auf ihn in die Stammesgebiete führen. Auch habe er Interesse an Erfolgen im Anti-Terror-Kampf, weil sie ihm international zu Ansehen verhelfen. Musharrafs Kritiker wenden ein, daß er ein höheres Interesse daran habe, die fundamentalistische Stimmung im Land nicht weiter anzuheizen. Würde der oberste Führer der Radikalislamisten ausgerechnet in Pakistan gefaßt, stiege auch der Druck auf den amerikafreundlichen Präsidenten, argumentieren Journalisten wie Ahmed Rashid. Für jemanden, der dauerhaft von der internationalen Gemeinschaft gebraucht werden will, sei zudem ein köchelnder Anti-Terror-Krieg günstiger als ein beendeter.

Verschwörungstheorien begleiten diese größte Fahndung aller Zeiten von Anbeginn. Bestätigt hat sich bisher keine. Weder gelang es den Amerikanern - wie vielfach vorausgesagt -, die Trophäe passend zum Präsidentenwahltag zu präsentieren, noch gibt es Indizien dafür, daß sie Usama Bin Ladin schon einmal haben laufenlassen, um den Anti-Terror-Krieg besser legitimieren zu können. Nach drei Jahren einer ergebnislosen Suche spricht manches für eine banale Einsicht: Die Welt ist groß, und nicht jeder Gesuchte bewegt sich so linkisch im Untergrund wie Saddam Hussein.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.12.2004, Nr. 299 / Seite 10
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