13.07.2005 · Ein Versprecher des Londoner Polizeichefs hatte der Öffentlichkeit den ersten Hinweis gegeben, daß die Fahndung vorankomme. Ein vermißter Sohn, Fetzen eines Führerscheins und warum Scotland Yard Rucksäcke mehr elektrisieren als Gesichter: Protokoll der kriminalistischen Kleinarbeit.
Von Bernhard Heimrich, LondonIm Kalender der Aufdeckung der Londoner Bombenattentate gibt es noch viele blinde Flecke, aber dafür ist der Augenblick des Erfolgs gleich zweimal besetzt: es ist ein gutes Ergebnis, und es ist ein schlimmes. Die Polizei hat die vier Attentäter innerhalb einer Woche aufgespürt; das ist gut. Die Vier aber waren keinem der Sicherheitsdienste einschlägig bekannt; das ist schlecht. Außerdem waren es offenbar Selbstmordbomber, und zwar einheimische, sozusagen hausgemachte; das ist schlimm. Die Sicherheitsfachleute haben noch gar nicht richtig angefangen, über die Tragweite dieser Entdeckung zu grübeln.
Ein Versprecher des Londoner Polizeichefs Sir Ian Blair am Freitag hatte der Öffentlichkeit den ersten Hinweis gegeben, daß die Fahndung vorankomme. Bei einem Fernsehauftritt hatte Sir Ian gesagt, die Londoner würden sich „von vier Bombern“ nicht unterkriegen lassen. „Moment, ich meine, es waren vier Bomben. Wieviele Bomber es waren, wissen wir nicht.“ Die Fernsehzuschauer im Land wußten zu dieser Zeit in der Tat nur etwas über die Explosionen, nichts über die Täter; wieviele es seien, woher, ob sie entkommen konnten, ob sie auf ihren zweiten Einsatz warteten.
Erster Fingerzeig
Die Polizei hatte, ohne es zu wissen, ihren ersten Fingerzeig schon am Donnerstagabend um zehn Uhr in den Kladden. Da rief eine Familie in Leeds die Vermißten-Dienststelle an und meldete, der Sohn sei nach London gefahren und noch immer nicht zurück. Das war zunächst ein weiterer Routinefall. Der Name des 18 Jahre alten Hasib Hussain wurde in die Liste der potentiellen Vermißten aufgenommen, und für alle Fälle schickten die fürsorgliche Behörde der Familie einen Beamten aus der Abteilung „Kontakt mit Familien“, der im Fall schlechter Nachrichten Mut zusprechen sollte.
Während des Wartens tat der Beamte, was Polizisten überall tun: er fragte nach, sah sich genauer um, ließ sich ein Foto geben. Damit hatte die Polizei nicht nur einen Namen, sondern auch ein Gesicht. Aber noch immer war es nur eins unter zahllosen anderen. Vielleicht würde Hasibs Vater jeden Augenblick erleichtert anrufen, der Junge sei wieder da.
Eine blutverschmierte Bankkarte
Das änderte sich abrupt, als auch die Spurensucher in London den Namen Hasib Hussain entdeckten. Fetzen eines Führerscheins, eine blutverschmierte Bankkarte und andere Hinweise waren in den Trümmern oder im Umkreis des Doppeldeckerbusses Nummer 30 am Tavistock Square gefunden worden. Der Bus war eine Stunde nach den drei U-Bahn-Explosionen von der vierten Bombe zerrissen worden. Nun hatte die Polizei nicht nur einen Namen und ein Gesicht, sondern auch eine Spur in die Archive der Behörden und eine elektronische Fährte zum Umgang Hasibs mit Geld.
Außerdem hatte sie etwas noch Wichtigeres: Gewißheit, daß der junge Mann dazugehörte, sei es als Opfer, sei es als „Maultier“, also ahnungsloser Träger eines tödlichen Pakets, sei es als Täter. Vermutlich hatte man bis dahin auch herausgefunden, daß Hasib vor zwei Jahren einmal nach Mekka gepilgert war; aber das ist ja schließlich nicht verboten.
Scanner im Heimatland George Orwells
Nun wurde sein Gesicht an die Scanner der Computer und die suchenden Blicke der Polizeibeamten weitergereicht, die seit Donnerstag geduldig ein ganzes Meer von Videomaterial aus den Überwachungskameras sichteten. Das Netz dieser Kameras ist im Heimatland George Orwells wahrscheinlich dichter als in jedem anderen Land; dafür hatte aber nicht ein „Wahrheitsministerium“ gesorgt, sondern die IRA. Deshalb sind auch die Proteste gegen die Dauerbeobachtung verhaltener, als sie es anderswo wären. Diese Fahndung am Bildschirm soll am Montag abend um acht Uhr zum bis dahin wichtigsten Durchbruch verholfen haben.
Man sah Hasib mit drei anderen jungen Männern im Bahnhof King's Cross. Die Zeit war Donnerstag morgen halb neun, eine Viertelstunde vor den Explosionen an drei Stellen des U-Bahn-Netzes, zu dessen Knoten King's Cross gehört, und eine gute weitere Stunde vor der Explosion im Doppeldecker. Und alle vier trugen Rucksäcke. „Sie sahen aus wie junge Leute, die rauswollen, ein bißchen wandern“, sagte ein Beamter. „Sie schlenderten daher und schwätzen, als wären sie guter Dinge“.
Eine grundsätzliche Antwort und eine aktuelle
Diese Rucksäcke haben Scotland Yard mehr elektrisiert als die Gesichter. Auf die Frage, wie die gesuchten Terroristen aussehen, gibt es im Jahr vier nach dem „elften September“ eine grundsätzliche Antwort und eine aktuelle. Grundsätzlich gilt, ein Terrorist neuesten Typs sieht nicht aus wie einer. „Verdächtig“ wären also glattrasierte junge Männer, zumindest solche ohne den Bart des Propheten, die nicht fortwährend in die Moschee gehen und sich nicht einschlägig betätigen. Manchmal treiben sie auch Sport, um zu zeigen, daß sie nicht nur ans Jenseits denken. Kurz, sie sehen aus und verhalten sich wie Angestellte, nicht wie Taliban. Deshalb ist es auch so schrecklich einfach, solche jungen Männer zu finden: sie sind überall.
Deshalb war die zweite, aktuelle Antwort so wichtig. Die Sprengstoff-Fachleute waren zum Ergebnis gekommen, die Sprensätze seien nicht „Do-it-yourself“-Bomben aus Kunstdünger oder aus Mitbringeln aus der Apotheke gewesen, sondern professionelle Ware von militärischer Qualität. Die historischen Kunstdüngerbomben der IRA waren seinerzeit so groß, daß schon aus Notwendigkeit oft ein ganzes Auto damit vollgepackt werden mußte. Aus dieser Verlegenheit entstand die Autobombe. Und eine Autobombe hatte am vergangenen Donnerstag bestimmt niemand in die U-Bahn mitgenommen, gar nicht zu reden von dreien. Sprengstoffe professioneller Qualität dagegen hätten die Verwüstungen schon in Packungen von zehn Kilo anrichten können. Deshalb wurde den Videofahndern bei der Einweisung eingeschärft: achten Sie auf Rucksäcke.
Vier Rucksäcke an und ein bekanntes Gesicht
Jetzt hatte man vier Rucksäcke an der fraglichen Zeit am fraglichen Ort, und ein bekanntes Gesicht. Der Rest war Kleinarbeit. Überreste und andere Hinweise auf drei der vier Hauptdarsteller dieser Gruselwirklichkeit sind dingfest gemacht, der vierte war am Mittwoch noch in jener unzugänglichsten tiefsten Stelle des U-Bahn-Tunnels vermutet worden, dessen Untersuchung noch nicht abgeschlossen war.
Zunächst hatte die Polizei auch noch nicht alle Namen bekanntgegeben, doch das Muster ist deutlich geworden: es waren vier unauffällige junge Männer aus West-Yorkshire, in der Umgebung von Leeds, aus guten Familien pakistanischer Herkunft. Einer, der 22 Jahre alte Shezad Tanween, hat hin und wieder am Tresen des „Fish-and-Chips“-Shops seines Vaters gestanden und hat gern Kricket gespielt. Man sah ihn immer nur in Jeans und T-Shirts. Ein schockierter Freund sagte: „Shazzy ist der beste Kumpel, den ich je hatte. Er ist ein toller Kerl. Wir haben zusammen Kricket gespielt. Er würde so etwas nie tun!“