13.07.2005 · Nach dem Durchbruch der britischen Terrorfahnder mahnt Inneminister Clarke, Großbritannien müsse die Wurzeln des gewaltsamen Fundamentalismus bekämpfen. Inzwischen seien elf Tote der Anschläge identifiziert.
Die britische Polizei sucht nach Hintermännern für die Selbstmordanschläge von London. Nach Berichten vom Mittwoch befürchten die Ermittler, daß ein Mitglied der Terrororganisation Al Qaida die vier Selbstmordattentäter angeleitet und Großbritannien vor der Tat selbst verlassen hat. Außerdem wurden Befürchtungen laut, es könnten weitere solcher Anschläge im Vereinigten Königreich vorbereitet werden. Es waren die ersten Selbstmordanschläge auf britischem Boden.
Die Regierung hat erstmals indirekt davon gesprochen, daß die Anschläge von London Selbstmordattentate waren. Andere Menschen könnten erneut so handeln wie die Attentäter, sagte der britische Innenminister Charles Clarke am Mittwoch der BBC. Großbritannien müsse die Wurzeln des Problems angehen und den Fundamentalismus bekämpfen, der dazu führen könne, daß sich „vier junge Männer zusammen mit anderen Menschen an einem Donnerstag morgen in der U-Bahn in die Luft sprengen“. Inzwischen seien elf Tote der Anschläge identifiziert.
Durchbruch bei ihren Ermittlungen
Am Dienstag hatten die britischen Terrorfahnder einen Durchbruch bei ihren Ermittlungen erzielt und die Attentäter offenbar identifiziert. Wie der Leiter der Londoner Anti-Terror-Einheit, Peter Clark, mitteilte, ist auf den Aufzeichnungen einer Überwachungskamera zu erkennen, wie die vier Attentäter um 8.30 Uhr mit dem Zug im Bahnhof King's Cross in London ankommen. Rund 20 Minuten später explodierten drei Sprengsätze in den U-Bahnen. Mindestens einer der Attentäter sei dabei vermutlich getötet worden, sagte Clark. Der Gerichtsmediziner müsse dies aber noch bestätigen.
Nach Clarks Angaben kamen mindestens drei der vier Attentäter aus West Yorkshire im Norden Englands. Dort gab es am Dienstag eine Serie von Razzien in Leeds und Umgebung. Ein Verdächtiger sei festgenommen worden und werde zur Vernehmung nach London gebracht, erklärte die Polizei. Sechs Haftbefehle seien ausgestellt worden.
Premierminister Tony Blair erklärte in einer von seiner Labour-Partei verbreiteten E-Mail, die Versuche von Terroristen, die Strukturen der britischen Gesellschaft zu zerstören, seien zum Scheitern verurteilt. „Wir sind entschlossen (...) sicherzustellen, daß unsere Werte und unsere Lebensweise ungeschmälert bestehen bleiben“, hieß es.
„Alle Täter mit britischer Staatsbürgerschaft“
Sprecher von Scotland Yard bestätigten Medienberichte, wonach es sich um insgesamt vier Terroristen handelte. Alle sollen in Großbritannien geboren sein und drei von ihnen aus dem Raum Leeds in Nordengland stammen. Fingerabdrücke des Bombenbauers auf den Resten des Sprengsatzes, der in dem Doppeldeckerbus explodierte, führten demnach zu einer Gruppe pakistanischer Einwanderer in der Gegend von Leeds. Dort sprengten sich die Sicherheitskräfte den Weg zu einer Wohnung frei, nachdem sie vorher mehrere Straßen abgesperrt und 500 Anwohner in Sicherheit gebracht hatten.
Die Beamten seien Hinweisen auf Sprengstoff nachgegangen, teilte die Polizei mit. Bereits am Morgen hatten die Fahnder fünf andere Wohnungen in Leeds durchsucht. Die Razzia ist die erste seit den Terroranschlägen auf drei U-Bahn-Züge und einen Doppeldeckerbus, bei denen mindestens 52 Menschen ums Leben kamen.
Tonnenweise Beweismaterial
„Es wird die größte, intensivste und gezielteste Untersuchung in der Geschichte der britischen Polizei“, hatte ein Ermittler von Scotland Yard zu Beginn der Untersuchung gesagt. Fast 1000 Beamte sollen daran beteiligt gewesen sein. Die Kriminaltechniker trugen Tonnen an Beweismaterial aus den Trümmern der zerbombten U-Bahn- Waggons sowie des zerstörten Doppeldeckerbusses oder sammelten eine Million benutzter Zugfahrkarten, um sie auf Fingerabdrücke untersuchen zu lassen. Nach den Angaben wurden auch mehrere hundert Augenzeugenberichte ausgewertet sowie 2000 Anrufe, die bei der eigens eingerichteten Terror-Hotline eingegangen waren.
Aber auf die Identität der Täter kam Scotland Yard letztlich durch die Überwachungskameras, die zu Tausenden überall in der britischen Metropole an Bahnhöfen, U-Bahn- Stationen oder wichtigen Plätzen und Kreuzungen angebracht sind. 2500 Bänder solcher Kameras hätten sich Polizisten der Metropolitan Police (Londoner Stadtpolizei) in den vergangenen Tagen angeschaut, hieß es - und dabei wurden sie letztlich fündig.
Vermißtenmeldung brachte die Spur
Ausschlaggebend war zunächst der Anruf einer Familie, die ihren Sohn nach den Anschlägen als vermißt gemeldet hatte. Seine Leiche und persönliche Papiere wurden in dem Bus gefunden, der in der Nähe des Bahnhofs King's Cross in die Luft gesprengt wurde. Dieser Mann fand sich dann auf den Aufnahmen einer an dem Bahnhof installierten Überwachungskamera wieder - gemeinsam mit drei weiteren Männern. Offensichtlich waren sie gemeinsam aus Leeds angereist, von wo drei von ihnen stammten. In jedem der Züge und eben auch in dem Bus fanden die Kriminaltechniker dann Papiere und Gegenstände, mit denen sie über weitere Ermittlungen am Dienstag schließlich die Terroristen ermitteln konnten - leider erst nach der furchtbaren Tat.
Den Erfolg hatte Andy Hayman von der Londoner Polizei vor wenigen Tagen vorausgesagt: „Die Attentäter sind auf ihrer Fahrt zur und von der U-Bahn ganz sicher von Kameras eingefangen worden. Weil sie nicht maskiert waren, werden wir sehr gute Bilder von ihnen bekommen, anhand derer sie identifiziert werden“.
Die Regierung von Premierminister Tony Blair beriet unterdessen über eine mögliche Verschärfung von Antiterrorgesetzen. Dabei soll auch die Planung eines Terrorakts als neuer Straftatbestand eingeführt werden. Als Beauftragter der Regierung für die Antiterrorgesetzgebung sagte Lord Carlile am Dienstag dem Rundfunksender BBC, es gebe keine unmittelbare Notwendigkeit für eine Verschärfung der Gesetze. Polizei und andere Behörden sollten aber in die Lage versetzt werden, schon in einem frühen Stadium der Vorbereitung eines Terrorakts eingreifen zu können. Vertreter europäischer Sicherheitsbehörden vermuten eine bislang unbekannte lokale Zelle der Extremisten-Organisation Al Qaida hinter den Anschlägen.
Rückkehr zur Normalität
Die Sprengsätze waren professionell hergestellte Ware. Deshalb haben die Täter nur geringe Mengen gebraucht, die sich leicht verbergen ließen; und deshalb konnten jeweils fünf Kilogramm Sprengmittel eine derartige Verwüstung anrichten. Das bedeutet aber auch, daß sie Verbindung haben müssen zu Hintermännern des professionellen Terrorismus, die sich um die Beschaffung des Sprengstoffs und die Anleitung zum Gebrauch und zur Zündung kümmern.