11.01.2010 · Alle Spuren führen in den Jemen: Nach dem vereitelten Anschlag des Attentäters von Detroit konzentriert sich die Aufmerksamkeit immer stärker auf das bitterarme Land auf der arabischen Halbinsel. Dort lassen sich auch Dschihadisten aus Deutschland ausbilden. Hierzulande sind die Sicherheitsbehörden alarmiert.
Von Markus Wehner, BerlinDie Ruhe ist dahin. Der kleine Ort Dammaj im Norden des Jemens wird in diesen Tagen von Kämpfen erschüttert. Die Koranschule ist von einer schiitischen Miliz angegriffen worden, fünf Studenten sollen getötet worden sein. „Wir bitten euch, Bittgebete zu machen für die Lage der Studenten in Dammaj und für die allgemeine Angelegenheit des Jemens im Bezug zu den schlechten Absichten der Juden und Christen (Allahs Fluch lastet auf ihnen)“, heißt es auf der deutschsprachigen Internetseite, die für die Schule wirbt.
Die Verfluchten, das sind die Amerikaner und ihre Verbündeten. Denn nach dem missglückten Attentat des im Jemen instruierten Detroit-Bombers am Weihnachtstag fragt sich der Westen, ob dort die neue Front im Kampf gegen Al Qaida verläuft. Auch Daru-l-Hadith, die Koranschule in Dammaj, das unweit der Grenze zu Saudi-Arabien liegt, ist davon betroffen, auch wenn ihre Anhänger versichern, dass sie mit den „Irren“ von Al Qaida nichts zu tun haben.
Wichtige Ausbildungsstätte für den Dschihad
Ob das wirklich so ist, darüber sind die Meinungen geteilt. Sicher ist, dass deutsche Sicherheitsfachleute bis hinein ins Kanzleramt alarmiert sind über das, was in Dammaj passiert. Denn die Koranschule, die in einem beschaulichen Tal unweit der Stadt Saada im Nordjemen liegt, ist zu einer der „wichtigsten Ausbildungsstätten für den Dschihad“ geworden, wie ein Verfassungsschützer meint. Zumindest ist Daru-l-Hadith ein Ziel für radikale Muslime aus aller Welt. In ländlicher Abgeschiedenheit suchen sie die Erfahrung einer urmuslimischen Gemeinschaft mit Frauen und Kindern, so wie sie der Prophet in der Frühzeit des Islam selbst begründete. Hier wird ein reiner, militanter, antiwestlicher Islam gelehrt, als Salafismus bekannt. Gerade Konvertiten reizt das.
Über Jahre hat sich eine wahre Internationale in Dammaj versammelt: Neben Jemeniten zählen mehrere hundert Indonesier, Somalier, Algerier, Marokkaner, Russen, etwa 80 Engländer und Amerikaner und bis zu 50 Franzosen zu den etwa 3000 Studenten aus 40 Ländern. Die Koranschule ist in Wirklichkeit ein weitläufiges Zentrum, das weiße Gebäude beherrscht den Ort wie eine Festung. Hunderte graubrauner Lehmhäuser scharen sich um sie.
Was die Sicherheitsbehörden hierzulande alarmiert: Auch Deutsche sind längst in Dammaj. Zehn Studenten aus Deutschland lernen derzeit dort, sechs sind Konvertiten, vier aus Migrantenfamilien. Etwa 20 bis 30 Islamisten aus Deutschland sollen die Schule besucht haben, etwa die Hälfte Konvertiten. Einige sind nach Deutschland zurückgekehrt.
Viele bleiben fünf Jahre und länger dort. Die Lehrer empfehlen, den Koran auswendig zu lernen. „Es gibt viele deutschsprachige Brüder und Schwestern, die Arabisch auf Deutsch beibringen können“, heißt es im Erfahrungsbericht eines Studenten im Internet. Da Dammaj ein Salafistendorf ist, „gibt es keine Fernseher, keine Musik, sogar die Frauen sind alle schwarz ganz bedeckt, auch das Gesicht“, und die Männer „dürfen nur in langen Kleidern rumlaufen“. Aus der Welt ist Dammaj aber nicht. Es gibt Apotheken, Internet-Cafés, Restaurants, „Primarschule für die Kinder“, und nicht zuletzt Western Union, um Geld zu bekommen. Auf den Fotos der Wohnungen, die zu kaufen oder zu mieten sind, ist meist ein Laptop zu sehen. Im Internet steht auch, wie man am besten einreist und dass Reisende mit langem Bart den Flughafen Sanaa meiden sollen. Auch die Telefonnummer des Fahrers, der für 50 Dollar von Sanaa nach Dammaj fährt, wird angegeben.
Getreu nach mittelalterlichem Ideal
Gegründet hat die Schule der saudische Scheich Muqbil al Wadi. In Saudi-Arabien saß er Anfang der achtziger Jahre mehrere Monate in Haft, weil ihn die Regierung mit der Besetzung der Großen Moschee in Mekka am 20. November 1979 in Verbindung brachte, die Hunderte Todesopfer forderte. Vierhundert Bewaffnete hatten sich über zwei Wochen verschanzt, den Sturz des saudischen Regimes und einen radikalislamischen Staat gefordert. Es war die Geburtsstunde des islamistischen Terrors.
Muqbil wurde des Landes verwiesen, kehrte aber zurück in seine Heimatregion, nur dass er sich jenseits der Grenze in Dammaj niederließ. Getreu dem mittelalterlichen Ideal sammelte der Meister seine Jünger um sich. Doch es ging um mehr als um strenge Langzeitexerzitien. Muqbil schickte seit den achtziger Jahren Studenten nach Afghanistan in den Kampf. Sechs Guantanámo-Häftlinge aus dem Jemen sagten aus, der Scheich habe sie unterwiesen. Einer von ihnen war Leibwächter von Al-Qaida-Chef Usama Bin Ladin, drei andere arbeiteten in Bin Ladins Umgebung. Muqbil, der vermögend war, habe ihm tausend Dollar für seine Reise nach Afghanistan gegeben, sagte einer aus. Muqbil starb 2001. Seine Tochter leitet heute den Unterricht für die Frauen in Dammaj.
Größere Menge Waffen lagern im Zentrum
Die Verbindungen Muqbils zu Al Qaida bedeuten nicht, dass auch heute Studenten in den Kampf geschickt werden. Allerdings ist die Beschäftigung mit Gewalt nicht auf den Selbstverteidigungskurs in Karate beschränkt, von dem Studenten berichten. So gibt es eine Schutztruppe, Schießübungen gelten als verbürgt. 2007 kamen zwei Studenten bei einer Schießerei ums Leben, unter ihnen ein Franzose. Dass die Studenten den Angriff einer Schiiten-Milizen zurückschlugen, spricht dafür, dass eine größere Menge Waffen im Zentrum lagert.
Denn Dammaj liegt im Bürgerkriegsgebiet im verarmten Nordwesten des Jemens. Dort liefern sich die schiitischen Huthis seit Jahren blutige Kämpfe mit den Truppen der Regierung von Präsident Ali Salih in Sanaa. Sie haben Hunderte Opfer gefordert und Tausende zu Flüchtlingen gemacht. Es ist die Gegend, in der im vergangenen Jahr zwei deutsche Pflegehelferinnen ermordet und eine sächsische Familie mit drei Kindern und ein britischer Ingenieur entführt wurden. Die Regierung in Sanaa schützt das Zentrum. Zwar hat Präsident Salih im Jahre 2002 80 ausländische Studenten aus Dammaj des Landes verwiesen - um den Amerikanern nach dem 11. September 2001 zu zeigen, dass er gegen islamistische Umtriebe vorgeht. Doch seitdem lässt er die Salafisten gewähren - auch, so sagen Beobachter, weil Leute aus dem saudischen Establishment ihre Hand über Daru-l-Hadith hielten.
Ermittlungen im bayerischen Weilheim
Deutsche Ermittler interessieren sich seit Jahren für die Schule und diejenigen, die dort hinreisen. In der angespannten Lage vor der Bundestagswahl, als Al Qaida, Taliban und andere Terrorgruppen Drohvideos gegen Deutschland richteten, ging die Polizei am 23. September gegen Islamisten vor, die für das Zentrum werben, dort studierten oder studieren wollen. 19 Wohnungen in fünf Bundesländern wurden durchsucht. In Bayern richteten sich die Ermittlungen gegen den 40 Jahre alten Konvertiten Alexander F. aus Weilheim, der mehrere Jahre in Dammaj gelebt hat. Der Familienvater, der fließend arabisch spricht und sich Mustafa Abu Umar nennt, hatte sich in den neunziger Jahren im Sudan und in Bosnien aufgehalten, wo er möglicherweise Kontakte mit dort kämpfenden jemenitischen Kämpfern knüpfte. Ende 2008 kehrte er aus Jordanien nach Deutschland zurück.
F. soll im Internet für die Schule geworben haben - zusammen mit zwei anderen Deutschen aus dem Raum Freiburg, die seit Jahren im Jemen leben. Der eine, Thomas Otto H., betreibt vom Jemen aus die Website, die die salafistische Lehre in Deutschland propagiert. Die Seite habe bis vor einem Jahr Inhalte über das Töten von Ungläubigen verbreitet. H., Jahrgang 1960, nennt sich Abu Abdurahman Husayn, gelegentlich mit dem Zusatz „al Amani“ (der Deutsche). Er betreibt auch eine Website mit Bittgebeten. In den Jemen ging er 1998, heiratete dort eine Einheimische. Zuvor soll auch er in Bosnien gewesen sein.
Ihm folgte zwei Jahre später der heute 29 Jahre alte Sebastian C. in den Jemen. C. hatte in Freiburg nach der Hauptschule eine Bäckerlehre abgebrochen, nannte sich nach seiner Konversion Abdullah. Er lebt in Dammaj, hat eine Schwester von H.s Frau geheiratet und mit ihr drei Kinder. Ein Foto zeigt ihn als bartlosen 20 Jahre alten Jungen - es stammt aus seinem Personalausweis, ausgestellt 2000 von der Deutschen Botschaft in Sanaa. C. soll als Ansprechpartner für Studieninteressenten zuständig sein, gemeinsam mit H. und F. trat er als Repräsentant der Schule auf.
Gewalt gehört zur salafistischen Lehre
Durchsucht wurde im September auch die Wohnung des Türken Ali A. in Stuttgart. Er soll das Geld für Studienaufenthalte in Dammaj über Western Union transferiert haben. Zudem richteten sich die Hausdurchsuchungen gegen elf Studieninteressenten. Einer von ihnen, dessen Wohnung im hessischen Eschborn ein Sondereinsatzkommando durchkämmte, hatte 2006 sechs Monate in einer WG in der Kölner Moltkestraße mit dem „Kofferbomber“ Dschihad Hamad zusammengelebt.
Festnahmen hat es bisher nicht gegeben. Die Polizei ermittelt wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, des Anwerbens für einen fremden Wehrdienst und Volksverhetzung. Dass an die Schule in Dammaj militärische Ausbildungslager angeschlossen sind und es eine „deutliche Verbindung zu Al Qaida und dem Terrorismus“ gibt, davon sind manche Ermittler überzeugt. Andere bezweifeln den Zusammenhang. Das Studium in Dammaj führt nicht zwangsläufig in den Terror. Aber dazu, dass man sich „eine knallharte Ideologie abholt“, wie ein Fachmann sagt.
Dammaj sei geeignet, so schreibt ein Student, „Hirja“ zu machen, also auszuwandern. Denn es sei verboten, „in einem ungläubigen Land zu leben und sogar sich einzubürgern und sich einen Pass von diesem ungläubigen Land zu beantragen“. Auch Gewalt gehört zur salafistischen Lehre. „Wenn Milizen entstehen, wenn Waffen da sind, dann wird es gefährlich“, warnt ein Verfassungsschützer. Im Jemen sind überall Waffen - mehr als dreimal so viel wie die 23 Millionen Einwohner.
„Wer dorthin reist“, sagt ein Verfassungsschützer, „der ist schon radikalisiert.“ Was die Terrorfahnder umtreibt: Der Prozess verläuft immer schneller. Kürzlich hat sich ein Konvertit aus Baden-Württemberg im Verlauf weniger Monate so radikalisiert, dass er den Weg nach Dammaj antreten wollte. Er ist sechzehn.
Markus Wehner Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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