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Terroranschläge Die Gründe liegen tiefer

04.11.2001 ·  In der Frankfurter Paulskirche erteilte die Elite der deutschen Sozialwissenschaften der öffentlichen Meinung eine Lektion.

Von Susanne Scheerer
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Manchmal findet der Terror am Mikrophon statt. Diese vergleichsweise harmlose Variante der Missachtung des Mehrheitswillens ist nervtötend, aber nicht gefährlich. Schließlich muss ein Zusammentreffen der Elite der deutschen Sozialwissenschaften an symbolträchtigem Ort zu einem hochpolitischen Thema die Geister des Widerspruchs reizen.

In der Frankfurter Paulskirche machten vor allem Alt-Linke regen Gebrauch von der Möglichkeit der Einmischung per Stimmverstärker. Auffallend daran war mancherlei: Abgesehen davon, dass es sich um immer dieselben männlichen Personen handelte, die das Publikum und das Podium mit ihrer Version des 11. Septembers - Ursachen und Gegenmaßnahmen eingeschlossen - traktierten, regte sich bei Zuhörern und Referenten nach und nach der Verdacht, die Anschläge auf New York und Washington seien für manchen Zeitgenossen, der schon immer einmal sagen wollte, was ihm an den Amerikanern stinkt, so etwas wie ein Katalysator.

Unterschwelliger Anti-Amerikanismus

Man mochte dem Zeithistoriker Dan Diner, der einen unterschwelligen Anti-Amerikanismus in der deutschen Bevölkerung diagnostizierte, deshalb nicht widersprechen. Der Vollständigkeit zuliebe muss immerhin hinzugefügt werden, dass Diner jener Studentengeneration angehört, welche die Fundamentalkritik an den Vereinigten Staaten nach 1945 mit aller Vehemenz formulierte und - wenn man so will - zum Besitzstand kritischen Denkens erhob.

So einfach geht es nicht

Schwamm drüber? So einfach geht es nicht. Auch diesmal fand sich der Frankfurter Ex-Sponti Daniel Cohn-Bendit in Erklärungsnöten, weil er dem amerikanischen Militäreinsatz gegen Afghanistan das Worte redete. Dabei hat sich der rote Dani dem kollektiven Gedächtnis nun einmal als Rebell gegen staatliche Autorität und imperiale Bestrebungen eingebrannt. Insofern tendiert seine moralische Autorität gegen Null, und sein Wort galt dem Publikum in der ehrwürdigen Paulskirche wohl nicht allzu viel, zumal er eindeutig über das Ziel hinausschoss, als er den Zuhörern die Forderung eines Einsatzes der Bundeswehr im Kampf gegen die Taliban zumutete.

Zerren an den Nerven der Öffentlichkeit

Doch nicht nur Cohn-Bendit, die Mehrzahl der Referenten zerrte an den Nerven einer Öffentlichkeit, die sich durch den als vergeblich empfundenen Feldzug der Amerikaner gegen Usama bin Ladin in ihrer Überzeugung bestätigt sieht, Washington verfolge in Zentralasien wieder einmal eigene ökonomische und geostrategische Interessen. So ließ der Friedensforscher Harald Müller zu Betroffenheit einiger keinen Zweifel daran, dass eine militärisch organisierte Gruppe wie die Al Qaida nur mit militärischen Mitteln bekämpft werden könne.

Kein Trost nirgends

Trost fand das Publikum auch nicht in den Ausführungen des Göttinger Terrorforschers Wolfgang Sofsky, der illusionslos feststellte, dass die Anschläge vom 11. September nicht durch „Kontext erklärbar sind“. Sofsky: „Religiöse Inbrunst oder eine bestimmte Sozialstruktur führen nicht automatisch zum Terror.“ Die Attentäter, daran erinnerte er, stammten ja gerade nicht aus der Unterschicht. Gegen den allgemeinen Trend, den Massenmord mit einer bestimmten Motivlage der Täter zu erklären, wandte der Soziologe ein: „Unterschiedliche Motivlagen können dasselbe Ergebnis zeitigen. Ähnliche Motivlagen müssen nicht zum selben Ergebnis führen.“

Weder die Globalisierung noch der Nahost-Konflikt

In dieselbe Kerbe schlug auch Dan Diner, wenn er analysierte, dass weder die Globalisierung noch der Nahost-Konflikt Ursachen der Terroranschläge vom 11. September seien. Diner: „Die Dinge liegen tiefer.“ Ihren Ursprung hätten die Ereignisse im Jahr 1947. Der Rückzug der Briten aus Palästina und Indien hätten in der Region ein Vakuum hinterlassen, das durch die Blockbildung des Kalten Krieges überlagert worden sei. Seit 1989 wird deutlich: „Nach dem Abschmelzen des Gletschers sind wir heute mit der Endmoräne befasst.“ Diner plädiert daher für eine „Territorialisierung der Politik“ sowie für eine „Internationalisierung des Konflikts“ - sowohl in Palästina als auch in Kaschmir.

Faszination und Gefahr

Anders als bei dem Friedens- und Konfliktforscher Ernst-Otto Czempiel und dem Islamwissenschaftler Udo Steinbach stand bei Bassam Tibi, Professor für Internationale Beziehungen in Göttingen, nicht die vermeintliche Arroganz des Westens in der Kritik, sondern die interne Zerrissenheit des Islam. Tibi erinnerte an das Aufkommen der Moslem-Brüder in den 1920er Jahren, welche durch die Neudefinition des Dschihad den Islam radikalisiert hätten. Der Islam, so Tibi, sei zwiespältig. Er berge Faszination, aber auch Gefahr. Die deutsche Bevölkerung müsse dies endlich zur Kenntnis nehmen, forderte er und empfahl, es den in Deutschland lebenden Moslems nicht selbst zu überlassen, die geistigen Errungenschaften der westlichen Zivilisation zu akzeptieren. Tibi: „Wir brauchen eine Kommunikation der Werte.“

Toleranz ist der falsche Weg

Diese Forderung untermauerte der in Bielefeld lehrende Soziologe Wilhelm Heitmeyer. Toleranz sei der falsche Weg und münde in jener schwärmerischen Verehrung des Islam, die allerorten zu beobachten sei. Deutsche und Moslems müssten sich vielmehr kritisch miteinander auseinandersetzen. Gegenseitige Anerkennung sei das Ziel. Der Wissenschaftler erinnerte daran, dass es einen „taktierenden Islamismus“ in Deutschland gebe. Von den Muslimen müsse erwartet werden, dass sie ihre Religion öffentlich präsentierten. Dies, so Heitmeyer, sei unerlässlich in einer offenen Gesellschaft.

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